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Festival: ROCK HARD - 10.-12.06.2011

Location: Amphitheater Gelsenkirchen


Yeah! Es ist mal wieder Pfingsten und die Metalgemeinde pilgert gen Gelsenkirchen, wo das Rock Hard die neunte Ausgabe seines Festivals mit einem exquisiten Billing kredenzt. Einzige Sorge war im Vorfeld das Wetter. Die Aussichten waren nicht gerade rosig, der Sommer schien sein Pulver bereits im Mai verschossen zu haben. Interessiert uns das?! Die Antwort dürfte klar sein.

Freitag, 10. Juni

Den Pfingst-Reigen eröffnet die Wuppertaler Thrash-Institution CONTRADICTION. Seit 20 Jahren im Geschäft baut die Combo um Fronthüne und Gary Meskil (Pro-Pain) Lookalike Oliver "Koffer" Lux auf eben diese Erfahrung und donnert ihre druckvollen Songs ins Rund. Beim Rock Hard-Publikum kommt man damit gleich gut an, wird der Platz vor der Bühne von Song zu Song voller. Ein Auftakt nach Maß.

Die Ankündigung, PROCESSION würden mit Stoffbahnen den Bereich vor der Bühne und damit die Atmosphäre etwas intimer gestalten, erwies sich als Gag eines Unbekannten. Der möge sich laut Götz Kühnemund aber bitte bei der Band melden - die fand die Idee nämlich gut. Also, kein Stoff - der am Ende des Gigs einsetzende Regen hätte da auch nur für Aufregung bei der Crew gesorgt. Bis dahin präsentierten uns die Chilenen aber allerfeinsten Doom Metal. Felipe's heroischer Gesang, die druckvollen Gitarrenriffs, die clevere Dynamik mit erhöhtem Tempo an den richtigen Stellen - richtig, richtig klasse! Bei "Chants Of The Nameless" bekomme ich sogar (jetzt noch) eine meterdicke Gänsehaut, nur um kurz darauf vor dem Regen flüchten zu müssen. Trotzdem kann ich nach diesem Auftritt ruhigen Gewissens bei meinem letztjährigen Statement bleiben: Procession haben mit "Destroyers Of The Faith" das Doom-Album 2010 abgeliefert!

Dem Regen verdanke ich dann einen leider nur kurzen Eindruck von POSTMORTEM. Und der war hart, brutal, ein wenig stumpf, groovy und mit todesmetallischer Überzeugung durchzogen. Also genau das, was ich von ihrem aktuellen Album "Seeds Of Devastation" bereits kannte und von der "Party.San-Inventar-Band" (natürlich liebevoll gemeint) erwartet habe.

Nach fünf Jahren steht nun die irische Naturgewalt PRIMORDIAL wieder auf der Bühne des Amphitheaters. Wie schon bei ihrer CD-Release-Show in Essen fällt am meisten auf, dass Leitwolf Alan A. Nemtheanga immer mehr und mehr zu einem richtigen Frontmann wird. Nicht dass er das nicht schon war, aber die jahrelange Erfahrung zeigt Wirkung. Über die Band habe ich schon so viele lobende Worte geschrieben, manchmal fällt mir einfach nichts mehr ein. Doch finde ich heute wirklich den ersten Kritikpunkt?! Nach dem treibenden "No Grave Deep Enough" tritt "Gallow's Hymn" zwar gleich wieder auf die Bremse, ist aber höllisch intensiv. Mit den folgenden "Lain With The Wolf" und "As Rome Burns" macht sich dann zumindest bei mir so etwas wie ein bisschen Langatmigkeit (hoppla!) breit. Sehr ungewöhnlich … vielleicht hat man dieses Mal nur die Songs etwas ungünstig platziert, denn stark sind sie allemal. Und wer mit Göttergaben wie "Coffin Ships", "Gods To The Godless" und "Empire Falls" nachfeuert, muss um nichts fürchten. Primordial sind weiter auf dem Vormarsch!

Primordial

Nach dieser Machtdemonstration kann man als Folgeband eigentlich nur verlieren. Doch ENSLAVED sind nicht irgendwer. Die Norweger, die wie keine zweite Band die Grenzen des Black Metal immer wieder auslotet und dabei Fans aus Black Metal-, Progressive und Postrock-Lagern erreicht, erspielt sich ihren Co-Headliner-Status mit links. Wenngleich sie musikalisch schon anspruchsvoller agieren als Primordial, sind sie ebenso authentisch bis ins Mark. Egal ob man nun "Giants" den Fans widmet, mit "Ground" neue Sphären öffnet (das Solo von Ice Dale öffnet wieder neue Dimensionen), mit "Allfadr Odinn" der Basis huldigt oder zum Schluss sogar den berühmten "Immigrant Song" ("Die Band brauche ich wohl nicht zu nennen. Den kennt ihr alle." - O-Ton Fronter Grutle) im "Enslaved-Style" bringt. Die einsetzende Dunkelheit, der kurzzeitig wieder Regen-"spendende" Himmel und die starke Lightshow unterstreichen besonders heute die Ausnahmestellung der Band

Enslaved

"Wir schulden euch und dem Veranstalter unendlichen Dank!" Ehrliche Worte von TRIPTYKON's Tom Warrior, der für seine Nierenkolik und den damit abgesagten Rock Hard-Gig 2006 nun nichts konnte. Und es soll ein "spezieller Abend" werden, mit "etwas, was wir noch nie gemacht haben und wohl auch nicht wieder machen werden". Spricht es und haut neben diversen Triptykon-Songs und Celtic Frost-Gassenhauers wie "Procreation Of The Wicked" oder "Circle Of The Tyrants" (sehr fies in ultratief!) auch noch zwei Hellhammer-Songs raus, von denen ich zumindest "Messiah" zu erkennen glaube. Die Fans lieben dieses fast schon rituelle Spektakel, Pits gibt es am Fließband. Nur mich hält es langsam nicht mehr. Es regnet mal wieder und zu viel. Gute Nacht!

Samstag, 11. Juni

Die Leiden des einsamen Rezensenten - die Schlange vor der Dusche zu lang, der Grill geht nicht an und sein Essen möchte man noch irgendwie vernünftig zu sich nehmen. DREAMSHADE mussten leider unter diesem zu lang gewordenen Vormittag leiden. Sehr amüsant fand ich dagegen eine blutjunge Vierer-Abwehrkette, die mit nagelneuen Shirts ihrer Schweizer Lieblinge (alle die Gleichen wohlgemerkt) über den Campingplatz flanierte.

Auch die im Underground Staub aufwirbelnden IN SOLITUDE werden Opfer der o.g. Umstände, wenngleich ich immer noch den nicht gerade überzeugenden Gig vom 2009er Keep It True in Erinnerung habe und mich damit zum "Witches Sabbath" eher hin zwinge. Dieser letzte Song zeigt mir allerdings, dass ich mit den Schweden nie wirklich warm werde, die Mercyful Fate-Fanatiker vor der Bühne das aber definitiv anders sehen.

Bei DISBELIEF will ich dann aber trotzdem ein Auge mehr riskieren. Ihr Ruf als hypnotischer "Bolt Thrower trifft auf apokalyptischen Doom in industrieller Endzeit"-Monolith eilt ihnen weit voraus. Jagger's Stimme dürfte zudem die einzige sein, welche sich in punkto Einzigartigkeit mit Obituary's John Tardy messen kann. Mit musikalischen Gemeinheiten wie "Rewind It All (Death Or Glory)", "The Last Force: Attack!" und dem derben "Navigator" ist auf jeden nicht gut Kirschen essen. Intensiv!

Das Letzte, was ich in diesem Moment hören möchte, ist eine Frauenstimme, eingebettet in melodischen, düsteren Bombast Metal. Erinnerungen an das Waldrock 2009 werden wach, als ich EPICA quasi in meinem Mittagessen versenkt habe. Heute werden Simone Simons & Co. in ein paar Gerstenkaltschalen ertränkt.

Auch bei BULLET hatte ich im Vorfeld so meine Zweifel. Mit den "schwedischen Accept" verhält es sich bei mir ähnlich wie mit den AC/DC-Klonen Airbourne. Wenn ich diesen Sound hören will, dann bleibe ich bei den Originalen. Obwohl ich gestehen muss, dass da vor der Bühne mächtig die Post abgeht. "Stay Wild" heißt nicht umsonst einer ihrer Gassenhauer. Das Motto nehme ich gerne mit, genehmige mir das nächste Bier und zwinge mich zur inneren Ruhe vor dem (in doppelter Hinsicht) anstehenden Sturm.

"Trotz unbestrittener Klasse der genannten Alben, hatte dieser Abend einen leicht angestaubten Nostalgiefaktor, der zumindest bei mir die erwartete Jubel-Euphorie ausbremste. Habe ich vielleicht zu viel erwartet? Nächster Halt: Rock Hard Festival! Es wird sich zeigen."
Meine letzten Worte im MORGOTH-Bericht zur Bremer Club-Show. Was dann auf der Bühne des Amphitheaters passierte, war zwar optisch ähnlich "angestaubt", musikalisch aber definitiv entschlossener. Mit dem mächtigen PA-Sound im Rücken entfalteten Death Metal-Klassiker wie "Body Count", das entfesselte "Suffer Life", die Walze "The Travel" oder der Kultsong "Pits Of Utumno" ihre ganze Pracht. Sänger Marc Grewe "ruled" die Bühne, bekommt Feedback mit Nachdruck und Pits bis zum Abwinken. Ob dem Wettergott der Text zu "Sold Baptism" nicht gefällt, steht auf einem anderen Blatt - Fakt ist, dass sich in jenem Moment alle Schleusen öffnen und samt Gewitter binnen Minuten das Areal von kleinen Seen bevölkert wird. Da hilft nur eins - Rennen!

Ziemlich durchnässt suche ich erst mal Heil im muckeligen Bett im gut geschützten Auto. Das kleine Nickerchen war jedoch nicht geplant. Verdammt - AMORPHIS verpasst.

Manche Fans fühlten sich leicht verschaukelt, dass Matthew Barlow vor drei Jahren an gleicher Stelle seine Rückkehr zu ICED EARTH feierte und heute wieder Abschied nimmt. Ein volles und textsicheres Amphitheater beweist aber die Verbundenheit zur klassischen Iced Earth plus Matt Barlow-Besetzung. Und ihr erstklassiger Auftritt macht den Abschied nicht wirklich leichter. Bis auf "Declaration Day" und "Jack" heißt es heute "Something Wicked …" und älter. Hits für die Fans eben. Selbst Egomane Jon Schaffer hält sich heute bedeckter und überlässt seinem bald-wieder-Ex-Kollegen die Show. Dem wieder mal einsetzenden Regen (ausgerechnet bei "Watching Over Me") überlasse ich nur bedingt das Feld, genieße die Zugaben "Colors" und "Iced Earth" quasi als Geleit ins Bett und sinniere noch darüber, welch großartiger Sänger dem Metal-Biz (mal wieder) verloren geht.

Sonntag, 12. Juni

Letzter Tag, der Regen ist weg, die Sonne drängt sich langsam auf und ich habe mir heute Pünktlichkeit geschworen. Belohnung ist das niederländische Retro Rock Trio VANDERBUYST, die wirklich rocken wie Sau! Und es funktioniert auch auf einer Open Air Bühne. Ich stelle mir gerade einen kleinen Musikclub in den 70ern vor. Es ist heiß und ebenso eng, alle sind in Bier-seliger Laune (wahlweise Jack/Cola), die "Screaming Lead Guitar" hallt durch den Raum und alle rocken sich in Ekstase. Dazu animieren zwischendurch zwei Background-Sängerinnen die Gäste mit einer 70er Jahre-Top Of The Pops-verdächtigen "Choreografie". Ein wenig kitschig, aber mit Unmengen von Herzblut und mit schweinegeilen Vergangenheits-Verehrungen wie "To Last Forever", "Tiger", oder "Traci Lords". Für mich eine faustdicke Überraschung zum Sonntags High Noon.

Vanderbuyst

Wie befürchtet - aber nicht erhofft - ist der ENFORCER-Gig genauso "schwierig" wie vor sechs Wochen beim Keet It True Festival. Energiegeladen, actionreich, aber mit einer unbefriedigenden Gesangsleistung. Wenn Sänger Olov seinen überschäumenden Enthusiasmus nicht in den Griff bekommt, werde ich mir künftige Gigs der Band wohl schenken. Auf ihren beiden Glanzleistungen "Into The Night" und "Diamonds" haben die "NWOBHM on Speed"-Schweden ja bestens bewiesen, dass sie zu Großem in der Lage sind. Das möchte ich aber auch auf der Bühne sehen/hören. Meine Meinung.

"Wie geil ist das denn?" Wohl eher eine rhetorische Frage von ATLANTEAN KODEX-Sänger Markus Becker, der sich zahlreichen hochgereckten Armen vor der Bühne gegenüber sieht. Deutschland's finest Epic Metal Truppe hat mit "The Golden Bough" mächtig Staub aufgewirbelt und zeigt beim seltenen Open Air Auftritt, dass die Magie ihre Mischung aus Bathory zu "Hammerheart"-Zeiten und den besten Manowar-Momenten (nicht die heutige Mayonnaise …) auch vorzüglich bei Sonnenlicht funktioniert. Allein das ultraschwere Riff von "Pilgrim" stampft immer noch durch meinen Kopf. Diese Band hat das Herz eben am epischen Fleck. Wer es verpasst hat, ist selber schuld.

Da heute volles Programm angesagt ist, ziehen METAL INQUISITOR leider den Kürzeren gegen meinen Hunger. Sie waren mit Sicherheit gut - das Publikum war teilweise bis zum Parkplatz zu hören.

Wenn ANACRUSIS nach dem letztjährigen Keep It True-Auftritt noch mal nach Deutschland übersetzen, muss man diese seltene Gelegenheit einfach wahrnehmen. Ich betone nochmals: Die Avantgarde Thrasher haben ihr letztes Album 1993 rausgebracht und klingen anno 2011 immer noch so frisch und unverbraucht wie seinerzeit. "Sound The Alarm", "Paint A Picture", "Release", das grandiose New Model Army-Cover "I Love The World", das Thrash-Inferno "Terrified" - allesamt Klassiker, die keinen Tag gealtert sind. Und so geil wie bei "Grateful" groovte an diesem Wochenende nur noch der Headliner. Zwar nur für Spezialisten, für die aber einfach zeitlos perfekt!

Anacrusis

Nicht böse sein - von VICIOUS RUMORS schaue ich mir mit Absicht nur noch den Schluss an, da ich mir die traumhafte Erinnerung an den Keep It True-Gig mit dem Sohn des verstorbenen Carl Albert (R.I.P.) am Mikro nicht kaputt machen möchte. Nichts gegen die starke Leistung von Brian Allen (seit dem aktuellen Album "Razorback Killers" dabei), aber es war halt etwas Besonderes. Wie auch US Metal-Unsterblichkeiten wie "Lady Took A Chance", "Soldiers Of The Night" und natürlich "Don't Wait For Me", bei dem vor dem Bühne ein wundervolles Bild aus einem Meer wehender Matten entsteht.

"Ich will, dass man euch in fucking Essen hört" - ein lauteres "Fuck You!" hat die Welt noch nicht gehört. Wenn OVERKILL rufen, kommen alle … wirklich alle! Das Amphitheater ist gerammelt voll, als würde der Headliner spielen. Für viele waren sie es auch. Und ein paar Nörgler beschweren sich über das "Special Set", das ihnen nicht "special" genug war. Wer sich eine Band leisten kann, vom aktuellen Album ("Ironbound") vier Songs zu bringen ohne einen Stimmungsabfall zu verzeichnen, ist das in meinen Ohren schon "special" genug. Garniert wird zusätzlich mit Überhits der Marke "Rotten To The Core", "Elimination" oder "E.vil N.ever D.ies" und neben der Doomwalze "Skullcrusher" gibt es etwas, was selbst eingefleischte Overkill-Fans in Deutschland noch nicht erlebt haben: "Deathrider" und "The Beast Within" vom ersten Demo "Power In Black" - also ich finde, das ist "special" genug. Und beim nächsten Mal sind die New Jersey Recken mit Sicherheit Headliner. Wetten?!

Overkill

Für das diesjährige Rock Hard Festival kommt der finale Gong aber in Form von DOWN. Vier Jahre hat das Magazin an der Verpflichtung der Band gearbeitet. Und die Fans wissen, wie selten sie in hiesigen Breitengraden sind. Es ist zwar dezent leerer als bei Overkill, doch der Magie des Fünfers kann man sich nicht entziehen. Die Setlist spart überraschenderweise "Over The Under" aus, dafür bangen sich die Anwesenden zu "Hail The Leaf", "New Orleans Is A Dying Whore", "Eyes Of The South" oder "Ghost Along The Mississippi" ins Nirwana. Ein Monstergroove jagt den Nächsten. Und mitten drin - Phil Anselmo! Schlecht bei Stimme, aber kämpferisch. Mit prolliger Attitüde, aber trotzdem authentisch mit "Ghost"-Shirt. Wenn er seine Mannschaft nach der ersten Strophe von "Temptation's Wings" zu einem Restart zwingt, weil ihm der Jam-Session-Charakter fehlt ("Ihr sollt da nicht rumstehen, als würdet ihr technischen Death Metal spielen!"), muss man diesen liebenswürdigen Proll einfach lieben! Wenn dazu noch das Monumentalwerk "Bury Me In Smoke" am Schluss noch mal alle Nacken mobilisiert, dann interessieren die ob der Wetterkapriolen dieses Wochenendes schwindenden Kräfte auch nicht mehr.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Das Rock Hard Festival ist eines der coolsten und aufgrund von Größe (max. 7.500 Besucher) und Location wohl das entspannteste Festival, das ich kenne. Da freut man sich doch gerne auf 2012, wenn wir alle miteinander den 10. Geburtstag feiern. Ob Kühnemund & Co. dann mit einem noch besseren Billing aufwarten werden?! Wir sehen uns!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp