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Festival: KEEP IT TRUE XV - 27.-28.04.2012

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


Der Wettergott hat seinen Festivalwecker in diesem Jahr sehr früh gestellt. Seit 2008 ist mega-metal.de nun beim Keep It True anwesend, aber so viel Sonne gab es noch nie. Dass das für ein Indoorfestival auch Nachteile haben kann, darüber spricht man nicht. Draußen traumhaftes Wetter, drinnen feinster Heavy Metal - und alle gratulieren Veranstalter Oliver Weinsheimer zum 15. Geburtstag des Keep It True-Festival.

Dass am Vorabend des Festivals im nahe gelegenen Dittigheim die Warm Up-Party stattfindet, wissen offensichtlich immer noch nicht alle. Da hätten ruhig noch einige Besucher mehr sein dürfen. Das soll mir aber egal sei, denn meine Stimmung ist oben auf - mit "Keep It True" (Majesty), "Ride The Sky" (Helloween), "Iron Eagle" (Jag Panzer) und "Battle Cry" (Omen) als Begrüßung auch kein Kunststück. DJ MOR spendiert zudem selbst noch ein Partyfässchen Gerstenkaltschale - ja, so kann man sich bestens auf ein erstklassiges Festival vorbereiten.

DJ MOR

Freitag, 27. April

Habe ich einen Kater? Nun ja, könnte sein. Aber das Frühstück schmeckt, die Sonne scheint - was soll da schief gehen?! Der Einstieg vielleicht. Denn der "Female Fronted Doom Rock" der Franko-Kanadier CAUCHEMAR mundet mir so gar nicht. Dafür hat der französisch vorgetragene Gesang von Annick Giroux einfach zu wenig Power. Und die Musik hilft da auch nicht weiter.

Die Schweden von PORTRAIT sind mit zwei Alben und einiger Live-Erfahrung schon ein anderes Kaliber. Bis auf "The Adversary" werden nur Songs vom aktuellen Album "Crimen Laesae Majestatis Divinae" präsentiert. Über die Merycul Fate-Vergleiche braucht man wohl nicht viel sagen, obwohl Portrait gerade heute gut Gas geben. Dreh- und Angelpunkt ist aber Sänger Per Karlsson, der nach kurzer Weichenstellung seine Stimme voll auf Kurs hat und mit ein wenig Theatralik eine beeindruckende Leistung bringt ("Bloodbath"!). Sehr geiler Auftritt, bei dem bereits fast die halbe Halle Kopf steht. Das gebe ich mir in vier Wochen beim Rock Hard Festival wohl noch mal.

Portrait

"Grill-Band" für den Freitag sind die Dänen von WITCH CROSS.

Durch das am heutigen Tag erscheinende Album "Lights From Oblivion" angestachelt, bin ich verdammt gespannt auf den Gig von ADRAMELCH. Und die Italiener tun mir sogar einen Gefallen und konzentrieren sich auf ihr zu recht verehrtes Erstwerk "Irae Melanox", dessen Prog-Basis de facto mehr Metal beinhaltet. So wohnt das KIT-Publikum einem höchst gefühlvollen Gig bei, den die gestandenen Vollblutmusiker mit massig Können zelebrieren. Darüber hinaus sieht man Sänger Vittorio im Laufe der zwei Tage des Öfteren mal dabei, wie er den Frauen vor Ort "zulächelt" … Italiener …

Adramelch

Danach ist Zeit für "Partymusik" und die liefern OZ. Die Ur-Schweden haben verdammt viel Saxon im Sound, aber von Plagiaten kann keine Rede sein, da beide Bands ungefähr zur gleichen Zeit ihre Karriere begannen. Ist auch völlig egal, denn so macht man Stimmung! Die Setlist bestehend aus alten Klassikern wie "Searchlights", "Fire In The Brain" und natürlich "Turn The Cross Upside Down" und neuen Songs à la "Dominator" oder "Let Sleeping Dogs Lie" (geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf) werden mit Schmackes in die Halle gepfeffert. Gitarrist Michel Santunione geht zwar als Kreuzung zwischen Ville Valo und Yngwie Malmsteen durch, hat aber auch verdammt flinke Finger. Und da Sänger Ape DeMartini seine Stimme genauso gut in Schuss hat, wie seine imposanten Muskeln, kann sich kein Anhänger erdiger Rock/Metal-Sounds beschweren.

Oz

Der Europapremiere von MYSTIK FORCE fieberten nicht gerade wenige entgegen. Ich weiß zwar nicht, wer da noch zum Original Line Up gehört, ein Teil der Band ist verdammt jung (Sänger, Gitarrist) und am Bass findet sich ex-Iced Earth Saitenzupfer Keith Menser ein. Trotzdem (oder gerade deswegen?) wird hier eine echt tighte Performance auf die Bretter gelegt, die sich gewaschen hat. Prog Power Perlen wie "Awakened By The Dawn", "Answers Of The Mystery" oder der Rausschmeißer "Eternal Quest" hinterlassen bei vielen Anwesenden ein ziemlich breites Grinsen. Und bei mir einen neuen Eintrag auf der Einkaufsliste.

Meine Freundin las im Programmheft bei SLOUGH FEG etwas von irischer Mythologie, keltischem Folk und traditionellem Metal und zerrt mich regelrecht zum Auftritt der (Achtung!) Amis. Zum Glück sage ich, denn dieser musikalische Kick kommt genau richtig. Da ist eine irre Spielfreude drin, die sofort ansteckt. Die Songs reißen allesamt mit. Die Saitenfraktion hat alle Leinen los - da hallen Doppelleads "in packs" durch die Menge. Der Einfluss von Thin Lizzy ist unverkennbar. Hier bekommt man Heroisches ohne triefenden Pathos, sondern mit Herz und ganz viel Seele. Ach ja - und Spaß auch noch. Fronter Mike Scalzi turnt nicht nur einmal mit seiner Gitarre direkt an der Absperrung zum Publikum herum und freut sich über deutlich mehr "tits" als nur "sausages" im Publikum. Ohne Worte.

Slough Feg

Das Feedback des Publikums sagt mir, dass die Kanadier von SWORD ihre (jetzige) Co-Headliner-Position wohl mit recht haben. Für mich rocken sie aber nur bodenständig und so "nebenbei". Man kann ja nicht alles mögen.

Die Absage von Savage Blade veranlasste Veranstalter Oliver Weinsheimer, den Tag eine halbe Stunde später zu beginnen und dem Headliner PSYCHOTIC WALTZ 130 Minuten Spielzeit einzuräumen. Und die sind - ich zitiere aus meinem Notizbuch - grandios, einmalig, magisch. Alle vier Alben der Prog Götter werden mit mehr als 60% bedient - das macht (festhalten!) 28 Songs! Und der Gig hat drei Höhepunkte. Nr. 1 - der technisch überragende: Alle Musiker auf ganzer Linie und die Songs der ersten beiden Alben. Nr. 2 - der musikalisch etwas zugänglichere: Die Alben Nr. 3 + 4. Hier beweist Sänger Devon Graves viel Humor: "Jeder denkt, wir hätten uns mit 'Mosquito' ausverkauft. Also WENN das so gewesen wäre, hat man vergessen, uns zu bezahlen." Und Höhepunkt Nr. 3 - der emotionale: Das Dreigestirn im Mittelteil aus "Hanging On A String", "My Grave" und "I Remember". Da kullert so manche Träne die harten Headbanger-Kutte hinunter. Zugegeben - 130 Minuten Psychotic Waltz sind für ein ungeübtes Ohr eine echte Herausforderung, den Headliner-Status haben die Herren aber mehr als verdient. Und wie das bei echten Profis so ist, weiß man fast schon im Vorfeld, dass da nichts schief wird. Ging es auch nicht. Ein Set der Extraklasse.
Anmerkung noch zum Thema "Vollprofis": Sänger Devon Graves gibt beim Mikro-Soundcheck dem Soundmann die präzisesten Anweisungen, die ich jemals von einem Musiker vernommen habe: "Bei 250 Hz bitte 2-3 Db runter, bei 2,5 Hz bitte 3-4 Db rauf" … eigentlich der Traum eines jeden Tontechnikers. Gute Nacht!

Psychotic Waltz

Samstag, 28. April

Samstag, 12 Uhr. Nach dem grandiosen, aber auch etwas auslaugenden Prog-Feuerwerk und die Erinnerung an den leicht lahmen Beginn von gestern, muss der zweite Festivaltag mit schnörkellosem, 'straight forward Metal' beginnen. VOLTURE heißen die Lieferanten. Ihre NWOBHM/US Metal-Kreuzung macht den Anwesenden - ob verkatert, unausgeschlafen oder frisch geduscht - schon mal Feuer unterm Hintern. Zudem bekommen die Spezialisten noch das Gotham City-Cover "Killer Angels" serviert. Sänger Brent Hubbard - der eigentlich so gar nicht nach Classic Metal aussieht - schlussfolgert richtig: "Wenn den Song einer kennt, dann dieses Publikum! Bei uns zuhause kennt das keine Sau." So macht man sich Freunde. Wenn man ganz selbstsicher jeden Ton trifft, selbstredend auch. Klasse Einstieg - ich bin wach.

Volture

Und das bleibt auch so. Nun folgt der Thrash Metal, wie ihn die KIT-Gemeinde hören will. Und genau wie schon 2008 liefern FUELED BY FIRE den Stoff, um abermals einige "good friendly violent fun"-Pits anzuzetteln. Die Highlights der beiden CDs "Spread The Fire" und "Plunging Into Darkness" haben live meines Erachtens nach sogar noch etwas mehr Dampf, als auf Konserve. Jetzt wollen wir aber nicht wieder fünf Jahre auf eine neue CD und weitere Gigs warten müssen.

Eine weitere Erinnerung an 2008 sind SENTINEL BEAST - nur weitaus weniger nachhaltig. Da gefällt mir aktuell der leichte Wind zu prallem Sonnenschein draußen besser.

Bei OSTROGOTH schaue ich trotzdem kurz rein. Letztes Jahr leider verhindert durch einen fiesen Arbeitsunfall von Gitarrist Rudy "White Shark" Vercruysse (einige "leckere" Bilder gingen umher) möchte ich doch zumindest wissen, warum die KIT-Welt so traurig über die Absage der Belgier war. "Full Moon's Eyes" verschafft sich sehr schnell Sympathie - dieses Tempo bringt mich immer in Wallung. Dazu noch ein tolles "Paris By Night" und schon bin ich wieder um eine "band to watch" reicher.

Jetzt heißt es aber vorbereiten, denn eine Band die 2010 absagen musste (wir berichteten), entert die Keep It True-Bühne - WHIPLASH! Thrash-Veteran Tony Portaro und seine neuen Sidekicks hatten just am Abend zuvor noch eine Show im niederländischen Groningen gespielt, um 4 Uhr war man erst im Bett, drei Stunden später wieder auf der Bahn und zehn Minuten vor Beginn (15.50 Uhr) erst an der Tauberfrankenhalle. Die Tücken deutscher Autobahnen als Garant für einen energetischen Auftritt. Man wolle "nicht lange quatschen, sondern Gas geben!" (O-Ton: Portaro). "Last Man Alive", "Warmonger", "Spit On Your Grave", "Killing On Monroe Street", "Stage Dive", "The Burning Of Atlanta" (Jaaaaaa! - mit dem größten Pit des Festivals), "This", "Walk The Plank" und "Power Thrashing Death" - so gestalteten sich die kurzweiligsten 45 Minuten seit Rigor Mortis 2009. Was für ein geiler Auftritt!

Whiplash

Dass ich danach TENSION als "Grill-Band" für den Samstag wähle, bereue ich im Nachhinein. Ich hatte im Vorfeld nicht vernünftig recherchiert, dass es sich um die erste Band um Szene-Original Tom Gattis (u.a. Wardog, Ballistic) handelt, die hier ihren ersten Europa-Gig hinlegt. Zum Glück habe ich ihn nicht ganz verpasst, wie sich später herausstellt.

Die folgenden TYTAN fallen ebenfalls Sonne und Mittagessen zum Opfer. Quasi als Vorbereitung auf eines DER nie wirklich geehrten Urgesteine der Metal-Szene. Es wird Zeit für ANVIL. Der Film "The Story Of Anvil" hat mehr als beeindruckend und rührend gezeigt, wie hart es die Band um Frontmann Lips und Drum-Maschine Rob Reiner immer hatte. Jetzt zumindest ein Stück der verdienten Lorbeeren?! Mit "March Of The Crabs", "666", "Juggernaut Of Justice" und "Winged Assassin" scheint der Einstig perfekt. Lips strahlt wie ein kleiner Junge, das Trio gibt alles und die Fans lieben sie. Als sich nach dem eher belanglosen "This Is Thirteen" aber die berühmte "Dildo-Orgie" nebst sonstiger Soloeinlagen und Fanbespaßungen "Mothra" derbe in die Länge zieht, macht sich langsam Unmut breit. "On Fire" beschwichtigt, doch "Swing Thing" (plus Drumsolo) zerrt noch mehr an den Nerven. Bei allem gebührenden Respekt und Verständnis frage ich mich, was solche Selbstbeweihräuchungen in einem 60 Minuten Set vor nach Hits lechzenden Fans zu suchen haben. Da hilft selbst "Metal On Metal" nicht mehr. Ich verlasse während des Songs die Halle. Diese Chance haben Anvil wirklich nicht genutzt. Man man, nicht mal "Forged In Fire".

Anvil

Wilde Spekulationen vor dem NWOBHM-Anniversary Pt. II-Auftritt. Wen zaubert Veranstalter Oli nach der grandiosen ersten Auflage von 2009 dieses Mal aus dem Hut? Welche Originale und vergessene Herrschaften folgen seinem Ruf? Auf jeden Fall Terry Dark von Jameson Raid, der nicht nur als Moderator des Abends fungierte, sondern auch noch mal "seinen" Hit "Seven Days Of Splendour" zusammen mit ROXXCALIBUR so schön wie schon vor drei Jahren schmettert. Was danach folgte, sind für mich als Nachzügler (Erstkontakt "Metal" Anfang 1989) natürlich viele Fragezeichen. Aber an Bombenstimmung in der Halle kommt man so oder so nicht vorbei. Da ist es auch nicht weiter schlimm, dass Roxxcalibur zwei Saxon-Songs ohne Gäste spielen, da zwei geplante Saxon-Musiker kurzfristig doch wieder abgesagt haben. Persönliche Highlights sind John Mortimer von HOLOCAUST (siehe Foto) mit "Death Or Glory" (Death Metal-Fans kennen das von Six Feet Under) bzw. "Heavy Metal Mania" (die Halle im Ausnahmezustand!) und das nochmalige Erscheinen von Tom Gattis, der zum Schluss gleich drei alte Iron Maiden Nummern perfekt meistert - mit niemand Geringerem als Maiden-Urgitarrist Dennis Stratton. Tja, der Oli hat es also wieder mal geschafft, etwas Einmaliges zu kreieren. Im Gesamten sieht das dann so aus:

Seven Days Of Splendour (Jameson Raid - with Terry Dark & Peter Green/acoustic beginning)
I'm No Fool (Gaskin - with Paul Gaskin)
Turn The Hell On (Fist - Glen Coates)
Flying High (Hollow Ground - with Glen Coates)
Ridin' High (Persian Risk - with Carl Sentance)
One Of These Days (Trespass - with Mark Sutcliffe)
Death Or Glory (Holocaust - with John Mortimer)
Heavy Metal Mania (Holocaust - with John Mortimer)
Let It Loose (Savage - with Andy Dawson & Chris Bradley)
Panic In The Streets (Praying Mantis - with Chris Troy & Tino Troy)
Captured City (Praying Mantis - with Chris Troy & Tino Troy + Alexx Stahl on vocals)
Motorcycle Man (Saxon)
Princess Of The Night (Saxon)
Prowler (Iron Maiden - with Dennis Stratton & Tom Gattis)
Remember Tomorrow (Iron Maiden - with Dennis Stratton & Tom Gattis)
Iron Maiden (Iron Maiden - with Dennis Stratton & Tom Gattis)

NWOBHM - John Mortimer (Holocaust)

Aber trotzdem verblasst alles gegen den Samstagsheadliner.

Wie bedeutend das Keep It True wirklich ist, sagt schon die Papierform. Im beschaulichen Lauda-Königshofen feiert Sangeslegende John ARCH nach 25 Jahren Bühnenabstinenz (!) weltweit sein Comeback. Der Mann, der mit seiner überirdisch einzigartigen Stimme die ersten drei Fates Warning-Longplayer veredelte und so die Metalwelt verzauberte, steht wahrhaftig zusammen auf einer Bühne mit seinem damaligen Weggefährten Jim MATHEOS und dessen aktueller Fates Warning-Besetzung (Gitarrist Frank Aresti, Bassist Joey Vera, Drummer Bobby Jarzombek - allesamt ebenfalls Meister ihres Fachs) - so, wie sie mit ihrem ersten gemeinsamen Lebenszeichen "Sympathetic Resonance" (2011) die Szene in Staunen versetzten. Dass diese Songs einen Teil des Sets ausmachen würden, war klar. Gespannt ist die Gemeinde aber darauf, welche Fates Warning-Perlen die Herrschaften wohl ausgraben würden. "The Sorceress", "Damnation", "Epitaph", "Exodus" und über allem "The Apparition" (bei dem das Publikum klang, als wären es drei Mal so viele) und "Guardian" … wie viele Männer (inkl. dem Schreiber dieser Zeilen) haben da nicht geheult wie ein Schlosshund.
Alles war vergessen. Die halbe Stunde Verspätung, die heiße Sonne, die mentale Herausforderung zweier Prog-Headliner (es fiel auf, dass sich die Halle etwas mehr leerte als sonst), auch die winzigen Startprobleme von John Arch bei "Midnight Serenade", für die er sich prompt entschuldigte. Nein, heute Nacht ist die Prog Metal/Keep It True-Gemeinde kollektiv im siebten Himmel und will da auch nicht mehr weg. Und ich will nicht mehr ins Detail gehen - wer nicht dabei war, wird es nie verstehen.

John Arch

Ich bedanke mich ganz schlicht bei Oli und der KIT-Crew, dass sie das alles möglich gemacht haben. Ihren 15. Geburtstag haben sie sich hart erarbeitet und mehr als gebührend gefeiert. Was soll da bloß in 2013 folgen?!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp