Impressum Startseite
Reviews Interviews Live Specials Jobs

Festival: ROCKHARD - 25.-27.05.2012

Amphitheater Gelsenkirchen


Urlaub beinhaltet Sonne. Und nachdem der Wettergott bereits zum Keep It True Festival einen kräftigen Vorschuss spendierte, gab es nach vierwöchiger Magerkur pünktlich zum zehnten Rock Hard Festival die volle Pfingst-Sonnen-Packung. Da die Sonne nicht die Einzige blieb, die dem Rezensenten an diesem Wochenende so manches Mal an den Nerven zerrte, betone ich das auch nicht mehr weiter. Alles andere zu seiner Zeit.

Denn die ersten, die gewaltig nervten, waren unsere "Nachbarn", die in der Nacht zum Freitag den gesamten Parkplatz mit einer Onkelz/Hosen/Ärzte-Dauerschleife beschallten und zudem auch noch einen recht unfreundlichen Hund dabei hatten. Das musste auch der Mann von der Security einsehen, der sich das Szenario morgens um halb fünf ansah. Nun, später am Tag war der Hund weg und unsere "Weekend Warrior" (auf dem Festival wurden sie nie gesichtet) hatten mit einer Death Metal-CD (ein Versehen?) ihre Box durchgeschossen … endlich Ruhe!

Freitag, 25. Mai

So kann ich mich langsam mal den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Wie z.B. dem Festival-Opener DEATHFIST. Ein heißes Eisen im deutschen Thrash Underground, so heißt es. Stimmt! Der klassische Geradeaus-Thrash mit charmanten Verweisen zu den üblichen Verdächtigen weiß nicht nur durch die Musik selbst zu gefallen, sondern auch durch Frontfrau Corinna Becker. Die ist nämlich einfach nur sie selbst, anstatt wie andere Damen im extremen Metalbereich übertrieben männlich oder übertrieben weiblich wirken zu wollen. Ihre Stimme erinnert derweil schon etwas an Sabina Classen (Holy Moses) - da kommen Thrash Eruptionen wie "Deathfist", "Ruins" oder "World Of Darkness" gut zur Geltung. Und das neue "Splatter Of Death" macht klar, dass in Zukunft auch noch Luft nach oben ist. Bestens!

Dass sich Gevatter Alkohol nicht immer mit praller Sonne verträgt, stelle ich bei RAM fest. Das Vorwissen vom Keep It True-Gig aus 2011 reicht aus, um nochmal vorbeizuschauen. Aber journalistisch bekomme ich gerade gar nichts auf die Naht. Fistraising, Headbanging till the end und irgendwie noch den "Machine Invaders" huldigen.

Die KRISIUN-Brüder sind bestimmt ganz liebe Kerle und dass sie sich technisch nicht vor der internationalen Konkurrenz verstecken müssen, werde ich auch nie bestreiten. Aber sie begeistern mich einfach nicht. Ihre Death Metal-Gewässer sind noch Blastbeat-verseuchter als bei Behemoth und das wird zumindest mir auf Dauer etwas zu eintönig. Sowohl die Pits, als auch die Anfeuerungen vor der Bühne sprechen aber eine andere Sprache. KRISIUN sind auf dem ROCK HARD Festival richtig.

Krisiun (Foto: sw)

KVELERTAK als Freitags-Co-Headliner?! Ich wollte es auch nicht glauben, obwohl ich die Klasse ihrer Musik schätze. Aber allein der vorgestellte neue Song beweist, dass das norwegische Sextett keine Eintagsfliege ist und die heutige Position zu recht inne hat. Die Triple Axe Power sorgt mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Schweinerock, Punk und Black Metal für schweißtreibende Tumulte. Da sieht man bei "Blodtorst", "Offernatt" oder dem rattengeilen "Fossegrim" Kuttenträger und (!) Turbojugend Hand in Hand durch den Pit pflügen. Ein cooles Bild. Schade nur, dass die Band zehn Minuten zu früh verschwindet - die dargebotenen 65 Minuten wird das Energielevel auf der Bühne aber konstant oben gehalten. Respekt und bis zum nächsten Mal!

Mal ehrlich - ich und Necro-Punk mit Jeansjacke und Matrosenmütze? Genau - geht nicht. Und die Fotos von ex-TURBONEGRO-Sänger Hank von Helvete … puh. Da gefällt mir schon rein optisch der neue Sänger Tony "The Duke Of Nothing" Sylvester besser. Aber dann gleich Freitags-Headliner? Oh ja! Denn die Matrosen sind zwar musikalisch ähnlich "speziell" wie ihre Headliner-Vorgänger (u.a. Opeth, The Devil's Blood), dafür aber weitaus kompatibler. Der Duke punktet bei seinem Deutschland-Debüt mit einer echten Reibeisenstimme. Da bekommt das Gehörte - und mir völlig Unbekannte - richtig Dreck unter den Nägeln. Fazit: Turbonegro sind vom Rock Hard clever gewählt, legen einen tollen Gig hin und wirken auf mich überraschenderweise richtig sympathisch. Gute Nacht.

Samstag, 26. Mai

Der Samstag beginnt schon mal mit frischem Wind aus Schweden. Die Totenköpfe von DR. LIVING DEAD! blasen zum Angriff. Neunziger Crossover, der aufgrund des hohen Tempos eigentlich weniger an die Suicidal Tendencies - wie man so oft hört - als mehr an D.R.I. und Konsorten erinnert. Aber sie machen es mit Herz und haben ordentlich Spaß dabei. Da drehen bei "Revenge On John" oder "Dead End Life" die ersten Circle Pits ihre Runden.

Dr. Living Dead! (Foto: maz)

PORTRAIT schaue ich mir nach dem Keep It True Gig von vor vier Wochen gern nochmal an. Die Gesangsleistung von Per Karlsson - heute sogar mit weißer Tunke im Gesicht - ist einfach stark. Die Saitenfraktion dagegen ist etwas hüftsteif. Aber mit Granaten wie "Bloodbath" oder "Beast Of Fire" lässt sich das nächste kühle Blonde gleich noch mal viel besser genießen.

Nächste Station - UNLEASHED. Erste Frage: Wo war denn nun die "recht spezielle Setlist" (O-Ton: Programmheft)? Zweite Frage: Wieso bekommen die Ur-Viking-Deather 15 Minuten weniger Spielzeit als Krisiun am Tag zuvor? Zu 2.) Ungläubiges Wundern. Zu 1.) Bis auf "Victims Of War", "In The Name Of God" und "The Immortals" (yeah!) war unter den elf Songs meines Erachtens nichts Spezielles. Und die Mitgröl-Spielchen von Fronthüne Jonny sind seit mindestens einer Dekade die Selben, werden nur mal auf andere Songs angewendet. Ein schlechter Gig? Ach wo. Unleashed sind einfach zu sympathisch, einfach zu gut, zu erfahren, um überhaupt irgendetwas anbrennen zu lassen und starkes Material haben sie en masse. Bin ich denn so engstirnig geworden, dass ich mir immer noch etwas ganz Besonderes von meinen alten Helden wünsche?!

Unleashed (Foto: maz)

Schon wieder PSYCHOTIC WALTZ nach dem Keep It True XV? Na logo! Wer weiß, wann ich diese Chance je wieder bekomme. Und auch die abgespeckte Version (75 Minuten) beinhaltet vor allem eines - Magic forever! Die Prog-Götter sind nicht von dieser Welt. Allein Devon Graves singt sich in einen wahren Rausch und ist ob der Begeisterung, die ihm entgegenschallt, sichtlich berührt. Seine Mitstreiter - allesamt Vollprofis. Einfach irre, dass sich die Herren Brian McAlpin und Dan Rock bei ihrer unglaublichen und zahlreichen Doppel-Leads nicht einmal anschauen und alle Songs mit traumwandlerischer Sicherheit durch das Amphitheater wandern. Viel Bewegung aus dem Publikum ist bei den anspruchsvollen Kompositionen nicht zu vermelden. Der Applaus beweist aber den absoluten Ausnahmestatus der Band. Und ja, bei "I Remember" werden abermals reihenweise Taschentücher gezückt. Ich sag ja - Magic forever!

Psychotic Waltz (Foto: sw)

Es obliegt nun dem Headliner, den Sack zu zu machen. Und BOLT THROWER machen. Ein solch brachiales Inferno hat das Amphitheater selten gesehen und ist in dem Rock-durchsetzten Billing in diesem Jahr die willkommenste Abwechslung. Karl Willets ist so voller Euphorie, dass er beim finalen "When Cannons Fade" über seine eigenen Beine stolpert. Nix passiert. Dafür dürfte die Gourmet-Setlist so manchen Nacken ausgerenkt haben. Und da gab es neben exquisiten Granaten-Einschlägen wie "The IVth Crusade", "Salvo", "When Glory Beckons" oder "Mercenary" auch noch "World Eater" in der Vollversion in Zusammenarbeit mit "Cenotaph" und obendrein neben dem "Warmaster" auch noch das unerwartete "Rebirth Of Humanity". Und wenn man "No Guts, No Glory" noch als "deutsche Hymne" ansagt, stehen eh alle Kopf. So wird Death Metal zelebriert - Danke, Bolt Thrower!

Bolt Thrower (Foto: sw)

Sonntag, 27. Mai

Die angesprochene Rock-lastigkeit des diesjährigen Rock Hard-Billings erreicht am letzten Tag seinen Höhepunkt. Nicht, dass ich hier von schlechten Bands reden will, doch in Sachen stilistischer Abwechslung ist dieses Jahr der Wurm drin. Aber zu beurteilen, ob die Herren vom Rock Hard nicht anders konnten (weil andere Bands nicht verfügbar waren) oder nicht anders wollten (mir sind in letzter Zeit zu viele Retro-Rock Bands auf der Redaktions-Charts-Pole), ist nicht meine Aufgabe.

Ich freue mich schon das ganze Wochenende auf ein Wiedersehen mit ALPHA TIGER. Man, was haben die sich im letzten Jahr gemacht. Die Freiberger stürmen die Bühne und heizen der Meute richtig ein. Und es gibt einiges Neues zu bestaunen. Da wäre das trashig-geile Bühnenoutfit, um noch mehr als Einheit erkannt zu werden. Wohl aus dem gleichen Grund steuern die Gitarristen Peter Langforth und Alexander Backasch neuerdings Backing-Vocals bei. Der neue Drummer David Schleif scheint auch schon voll integriert zu sein und die beiden neuen Songs ("Along The Rising Sun" und die geile Speed-Nummer "From Outer Space") gießen richtig Öl ins Feuer. Sänger Stephan macht seinem später agierenden Vorbild Michael Kiske alle Ehre und singt wie ein junger Gott. Und bei den ganz eingefleischten Fans punktet man mit dem Riot-Cover "Flight Of The Warrior" - in Gedenken an den verstorbenen Mark Reale. Eigentlich hätten die Tiger nämlich mit Riot im Januar auf Tour gehen sollen. Das wäre geil gewesen. So oder so - nach Bolt Thrower sind Alpha Tiger meine persönlichen Abräumer des Festivals.

Alpha Tiger (Foto: sw)

"Pay to play gibt es bei uns nicht" betont Chefredakteur Götz Kühnemund. Doch für HIGH SPIRITS greift deren Label High Roller Records mit in die Tasche, um die Chicagoer um Tausendsassa Chris Black (Pharaoh, Dawnbringer) nach Europa zu holen. Eines ist sicher - das breite Grinsen bekomme ich eine Woche lang nicht aus dem Gesicht. Solch ansteckend gute Laune verbreiten die Männer in weißen Hosen und schwarzen Shirts. NWOBHM mit AOR gekreuzt und in kurze, prägnante Songs wie "High Spirits", "Running Home", "Full Power" und dem Smasher "Another Night In The City" gepackt. Gute Stimmung vorprogrammiert. Den Rest erledigt Chris mit seiner relaxten Art zu singen und sich zu geben - das erinnert eher an einen Rock 'n Roll-Entertainer aus den 60ern. Starkes Europa-Debüt - man sieht sich nächstes Jahr auf dem Keep It True wieder.

High Spirits (Foto: sw)

Ich dachte ja, es wäre eine gute Idee, sich GIRLSCHOOL mit ihrem Special "Hit And Run"-Set anzuschauen (man feiert den 30. Geburtstag des Albums). Doch kaum auf dem Gelände angekommen, tönt mir eben jener Titelsong in instrumentaler Form entgegen, weil der Tonmann das Mikro von Bassistin/Sängerin Enid Williams nicht in die Gänge bekommt. Sie singt zwar nicht jeden Song, aber viel ändert sich trotzdem nicht. "Emergency" schwächelt aus dem gleichen Grund. Das Gun-Cover "Race With The Devil" kommt zwar immer gut, aber momentan ist mir das alles viel zu rockig und nicht metallisch genug. Ich sprach es ja schon an.

Über die kleine Jubiläumsüberraschung kann ich dann nur noch müde lächeln. Bobby und Gerre (Klamaukbrüder der Rock Guerilla-DVDs) beehren uns mit ihrem Titel "Die Zwei von der Tanke" … "klasse!". Und danach gesellen sich zu Rokken noch Hampus Klang und Hell Hofer von den Rock Hard-Lieblingen Bullet und geben uns "Balls To The Walls" (Accept) und "You Shook Me All Night Long" (AC/DC). Verdammt - ich hatte Bullet all die Jahre gekonnt ignoriert.

Und selbst UNISONIC können meine Laune nicht vollends wieder gen Himmel heben. Mal abgesehen von einer gesanglichen Meisterleistung von Michael Kiske. Aber der Reihe nach. Strategisch dynamisch eröffnet man mit "Unisonic" und "Never Too Late". Ich muss aber gestehen, dass ich mit der CD-Bewertung vielleicht etwas übereifrig war, denn Songs wie "King For A Day" oder "Starrider" (der gleichnamige Alpha Tiger-Song ist besser!) schwächeln live. Und alle warten eh nur auf alte Helloween-Nummern. Damit müssen sich die Herren Kiske und Hansen nun mal abfinden. Doch sie liefern drei Mal. Der Zugabenteil mit "Future World" und "I Want Out" war sowohl vorhersehbar als auch stimmungsmäßig überragend. Und dass Herr Kiske uns nach 24 Jahren ein so grandioses "March Of Time" beschert, treibt mir die Tränen in die Augen. Daran halte ich mich fest und nehme sogar zähneknirschend die Solo-Einlagen der Herren Hansen und Meyer hin. Ein voller Erfolg war dieser Auftritt aber nicht.

Unisonic (Foto: sw)

Der von W.A.S.P. schon eher. Denn die bieten trotz einer professionell routinierten Show mit wenig Spiel für spontane Menschlichkeit eine Armada an Hits. "On Your Knees", "The Real Me", "L.O.V.E. Machine", "Wild Child", "I Wanna Be Somebody", "Chainsaw Charlie (Murders In The New Morgue)", "Blind In Texas" und dann noch alle anderen mir (als "nicht wirklich"-Fan) unbekannten Songs, die aber keine musikalischen Hänger verursachen und den Spannungsbogen gekonnt durch den Set ziehen. Das leidige Thema "Backing Vocals vom Band" kann man nach diesem Auftritt zwar nicht gänzlich ad acta legen (bei "Babylon's Burning" bin ich mir echt nicht mehr sicher), aber zumindest lassen Blackie Lawless und seine Sidekicks keine reelle Langeweile aufkommen. Auch wenn Blackie selbst sich nur auf die nötigsten Worte beschränkt, den Gewinnern des Rock Hard-Wettbewerbs seine gespendeten Gitarren auf der Bühne nicht eigenhändig überreicht (ein gewisser Götz K. tritt wieder in Aktion) und den gewollten/unbeabsichtigten (?) Humor in seinem "You're gonna leave now" haben wahrscheinlich die wenigsten mitbekommen - hieß es doch direkt hinten dran "I wanna be somebody". Ich fand es zumindest amüsant.

W.A.S.P. (Foto: sw)

Das Fazit für das diesjährige Rock Hard Festival fällt kurz aus. Denn für das nächste Jahr erbitte ich mir doch wieder etwas mehr Stilvielfalt. Denn eine der tollsten Festival-Locations reicht nicht immer aus. Für das vermehrte Auftreten der anfangs erwähnten "Weekend Warrior" sind sie natürlich nicht verantwortlich.


Text: Siegfried Wehkamp