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Festival: VAINSTREAM - 09.06.2012

Am Hawerkamp, Münster


Bekanntlich kommt es ja erstens immer anders und zweitens als man denkt. Normalerweise hätte ich an diesem bereits siebten Vainstream Rockfest gar nicht teilnehmen können, da der ursprüngliche Termin Ende Juni und zeitgleich mit dem With Full Force lag. Da die Festivalverantwortlichen aufgrund unzähliger Wünsche aber unbedingt Slayer für einen Auftritt in Münster verpflichten wollten, diese aber Ende Juni nicht zur Verfügung standen, hat man das Festival kurzerhand um drei Wochen vorverlegt. Was macht man nicht alles für einen solchen Headliner!? Ein großer indirekter Dank also an Slayer, dass ich überhaupt am Vainstream Rockfest 2012 teilnehmen kann.

Wer bisher immer dachte, "mittags" ist auf einem Festival extrem früh, der kennt scheinbar das Vainstream nicht: 9 Uhr Einlass, 10 Uhr Beginn - das ist früh! Und so bin ich irgendwie auch noch gar nicht richtig wach, als YOUR DEMISE pünktlich loslegen. Doch es dauert keine Minute, da wird der Auftritt der britischen Hardcore-Punk-Band bereits durch einen Stromausfall unterbrochen, was Fronter Ed McRae scherzhaft mit "This festival has no power!" kommentiert. Nach dieser unfreiwilligen Unterbrechung geht's aber nach wenigen Minuten bereits weiter und die mehreren hundert Leute, die sich bereits vor der Bühne eingefunden haben, dürfen sich an wahren Pit-Granaten wie unter anderem "Shine On" erfreuen.

Your Demise

Bei zwei Bühnen und ohne Pausen geht es im 30-Minuten-Takt Schlag auf Schlag weiter. Bei ADEPT aus Schweden herrscht gleich von Beginn an ordentlich Action im Publikum. Bei einem starken Einstieg wie "Lost Boys" ist das aber auch kein Wunder. Was mich allerdings etwas wundert: Fronter Robert Ljung war zwar nun eh noch nie wirklich dünn, aber er scheint nochmals 10kg zulegt zu haben, wirkt dadurch etwas träger (oder liegt das noch an der Uhrzeit?) und hat außerdem neuerdings die Haare kurz. Sieht komisch aus, ist ist aber auch egal. Dafür wirbelt die Saitenfraktion umso mehr über die Bühne, allen voran Bassist Filip Brandelius. Spätestens beim überragenden "Shark! Shark! Shark!" kann dann kaum noch jemand vor der Bühne still stehen.

Adept

EVERGREEN TERRACE aus Florida liefern dann ebenfalls eine amtliche Hardcore-Show ab, wobei mir bei den Jungs aus Florida insgesamt vor allem die melodischen Passagen und der teilweise cleane Gesang besonders gut gefallen. Fronter Andrew Carey sucht schon frühzeitig den Kontakt zum Publikum, kommt von der Bühne runter und klettert auf die Absperrung. Sowas kommt natürlich immer bestens an und Mitsing-Spielchen mit dem Publikum tragen natürlich ihr übriges zur guten Stimmung bei. Eine halbe Stunde reicht natürlich auch hier nicht wirklich aus, um alle "wichtigen" Songs zu spielen, aber (nicht nur) ich freue mich jedenfalls über die sehr starke Coverversion des Tears For Fears-Hits "Mad World".

Evergreen Terrace

Als erstes dickes Highlight des Tages entpuppen sich dann ganz schnell EMMURE aus New Fairfield/Connecticut. Der Platz vor der Bühne ist rappelvoll und spätestens beim zweiten Song - "Solar Flare Homicide" - gibt es kein Halten mehr. Nun sind die Songs der Truppe zwar weder großartig anspruchsvoll, noch besonders abwechslungsreich, aber es groovt halt an allen Ecken und Enden und macht mächtig Spaß und Laune - und nur darum es geht hier und jetzt. Mit einem ohnehin starken Set haben Fronter Frank Palmeri (mit einem Gesichtsausdruck voll psychopathischer Aggression und trotzdem viel Sympathie) und seine Truppe das Publikum zu jeder Zeit bestens im Griff. Starker Auftritt.

Emmure

Die erste "richtige" Metal-Band des Tages hat es jetzt etwas schwer. Nach vier Hardcore-Bands nonstop in zwei Stunden, brauchen viele Leute erstmal eine kleine Pause. Und somit ist es vor der Bühne bei den Franzosen GOJIRA dann auch nicht mehr ganz so voll. Der anspruchsvolle, recht progressive Death Metal ist halt nichts für die Moshpit-Kids - und Gitarrensoli schon gar nicht. Stattdessen steigert sich vor der Bühne die Anzahl der Leute mit einem Slayer-Shirt. Und nicht nur deswegen können die Franzosen zumindest auf ein bisschen Unterstützung bauen und selbst ein kleiner Circlepit ist sogar drin. Bleibt als Fazit festzuhalten: Guter Auftritt vor leider falschem Publikum.

Gojira

Auch ich gönne mir jetzt erstmal eine kleine Auszeit. Im Vorbeigehen noch kurz bei der deutschen Hardcore-Punk-Institution SMOKE BLOW reingeschaut und die MAD CADDIES fallen gänzlich meiner kleinen Mittagspause am Auto zum Opfer.

Zurück auf dem Gelände und gerade rechtzeitig zu AUGUST BURNS RED, die sich als nächstes ganz dickes Highlight entpuppen. Die Christen-Metalcoreler aus Lancaster/Pennsylvania sind nun auch schon seit zehn Jahren dabei und haben nicht nur hier eine entsprechend große Fanbase vorzuweisen. Das Publikum singt und gröhlt fast jeden Song textsicher mit und die Security vor der Absperrung hat mit den unzähligen Crowdsurfern jede Menge zu tun. Bei den auf dem Vainstream ohnehin immer sehr knappen Spielzeiten, sind auch diese 35 Minuten einmal mehr leider viel zu wenig.

August Burns Red

Für mich persönlich sind ENTER SHIKARI dann eine ziemliche Enttäuschung. Nun mag ich von den Briten ohnehin nur das erste Album, weil mir alles, was danach kam, viel zu poppig und elektronisch wurde, aber auch die Songs des ersten Albums, allen voran "Sorry, You're Not A Winner" wurde für meinen Geschmack völlig in den Sand gesetzt - auch wenn die Fans im Publikum natürlich anderer Meinung sind. Live werde ich zükünftig wohl einen Bogen um die Band machen.

Ebenso wie im Nachfolgenden auch um die kalifornischen Punkrocker LAGWAGON, die sich damit abfinden müssen, dass ich einer kleinen Shoppingtour auf dem Gelände den Vorrang gebe.

Mit MASTODON steht dann ein weiteres metallisches Schwergewicht auf dem Programm, dem zum Glück nicht das gleiche Schicksal wie zur Mittagszeit Gojira widerfährt. Der späte Nachmittag und der Abend haben für die "Core-Kids" außer mit Caliban ohnehin nichts mehr zu bieten und das Publikum ist nun im Schnitt auch wesentlich älter und man sieht plötzlich sogar Kutten (ja, das ist beim Vainstream wirklich ungewöhnlich) und Headbanger, die den starken Auftritt der Amis (allen voran von Bassist/Sänger Troy Sanders) abfeiern.

Mastodon

Das deutsche Metalcore-Flagschiff CALIBAN kann im Anschluss von sich behaupten, ein 45-minütiges Hitfeuerwerk abgebrannt zu haben. "It's Our Burden To Bleed" (live einmal mehr mit nur mässigen cleanen Vocals) sorgt gleich von Beginn an für ausgelassene Stimmung im Publikum, während zu "We Are The Many" spontan u.a. Neaera-Fronter Benny Hilleke auf die Bühne kommt und - so sah zumindest der eigentliche Plan aus - ein paar Zeilen im Duett mit Caliban's Andy Dörner zum Besten geben wollte. Doch schon nach wenigen Sekunden reißt Benny's Mikrofonkabel scheinbar irreparabel ab und so entschließt er sich, spontan vom Bühnenrand in die Menge zu spingen (über die Absperrung) und sich eine Runde auf den Händen des Publikums tragen zu lassen. Lustige Aktion, die Andy im Anschluss mit "Okay, das war dann wohl Plan B." kommentiert. Soundmäßig hab ich Caliban zwar schon einige Male druckvoller erlebt, aber Sound und Technik waren heute ohnehin nicht durchgehend perfekt. Gegen Ende ertönt das mittlerweile fest zum Set der Ruhrpöttler gehörende Rammstein-Cover "Sonne", das vom Publikum natürlich lautstark unterstützt wird.

Caliban

Die nächsten 3,5 Stunden kann ich jetzt etwas ruhiger angehen lassen. Als erstes flüchte ich vom Gelände, um möglichst wenig bis gar nichts von der Berliner Hip-Hop-Band K.I.Z. mitbekommen zu müssen. Keine Ahnung warum, aber zumindest eine Hip-Hop-Band muss halt scheinbar jedes Jahr auf dem Vainstream-Billing stehen.
Wieder zurück, sehe ich einen ausgesprochen starken Auftritt der BROILERS, der nur dadurch etwas getrübt wird, das irgendein Vollidiot mitten im Publikum plötzlich meint, ein "Bengalisches Feuer" zünden zu müssen! Zum Glück und scheinbar ohne Verletzte wird die Security jedoch schnell Herr dieser Lage und hat den Verantwortlichen hoffentlich gleich vom Gelände geschmissen.

Den Kult-Status von REFUSED kann ich nur bedingt nachvollziehen. Was hat diese Band außer dem einen Überhit "New Noise" eigentlich vorzuweisen? Ich weiß es nicht. Zwar ist die Stimmung vor der Bühne wirklich gut, aber mir ist dieser mit elektronischen Samples durchsetzte Hardcore-Punk der Schweden viel zu chaotisch und anstrengend und Sänger Dennis Lyxzén wirbelt scheinbar wie durch epileptische Anfälle angetrieben arg gewöhnungsbedürftig über die Bühne. Der vorletzte Song ist dann letztendlich das, worauf alle (mich eingeschlossen) nur gewartet haben: "New Noise" - ein solch massiver Kulthit, bei dem jetzt wirklich niemand mehr auf der Stelle steht (bei vielen auch sichtlich bedingt durch übermässigen Alkoholkonsum).
Nebenbei noch ein bisschen bei THE GASLIGHT ANTHEM reingeschaut, die mich bereits im letzten Jahr an gleicher Stelle durchaus überzeugen konnten und auch diesmal wieder ordentlich Dampf machen.

Was kann/darf/soll/muss man überhaupt noch zu SLAYER sagen? Die 55 Minuten Umbaupause haben scheinbar nicht gereicht, denn der Beginn verzögert sich um eine weitere Viertelstunde - es soll halt alles perfekt sein. "Slayer!"-Sprechchöre hörte man fast schon die ganzen letzten Stunden auf dem Gelände und dann ist es endlich soweit: Inmitten von Nebelschwaden ertönen die ersten Klänge von "South Of Heaven" und wen jetzt nicht die eiskalte Gänsehaut packt, der sollte sich wohl besser nebenan auf der extra aufgestellten Leinwand das EM-Spiel Deutschland - Portugal anschauen gehen.
Mittlerweile ist Exodus-Klampfer Gary Holt ja schon sowas wie der feste Aushilfsgitarrist für den nach wie vor erkrankten Jeff Hanneman. Doch die Bezeichnung "Aushilfe" ist eigentlich falsch, denn Gary Holt spielt die Slayer-Songs, als hätte er nie etwas Anderes gemacht. Zwischen nahezu jedem Titel wird die Band lauthals abgefeiert und angefeuert, was Bassist, Fronter und Ausnahmeerscheinung Tom Araya wiederholt ein Grinsen aufs Gesicht zaubert. Und "zaubern" ist sowieso das Stichwort - denn irgendwie herrscht auf dem Gelände 'Am Hawerkamp' eine ganz besondere Magie, wenn eine der größten Metal-Bands aller Zeiten solche unsterblichen Klassiker wie "War Ensemble", "Raining Blood" oder "Angel Of Death" mit der Präzision eines schweizer Uhrwerkes ins Publikum feuert.
Ich bin jetzt mittlerweile seit 14 Stunden auf dem Gelände, merke bereits jeden Knochen meines Körpers (ein asphaltierter Parkplatz ist halt keine Festival-Wiese), aber ich bereue keine einzige Minute des Wartens, sondern lasse mir in den (mal wieder viel zu kurzen) 60 Minuten nochmal mehr als eindrucksvoll vor Augen führen: Egal, wie gut einige der vorangegangenen Bands des heutigen Tages auch waren, das hier ist eine ganz andere Liga - und so verschmerze ich auch das Fehlen von "Disciple". Danke Slayer!

Setlist - Slayer
South Of Heaven
World Painted Blood
War Ensemble
Die By The Sword
Chemical Warfare
Hate Worldwide
Mandatory Suicide
Altar Of Sacrifice
Jesus Saves
Seasons In The Abyss
Raining Blood
Dead Skin Mask
Angel Of Death

Slayer

Text & Fotos: Marco Zimmer