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Festival: WACKEN OPEN AIR - 02.-04.08.2012

Wenn es zum mittlerweile 23. Mal "Faster - Harder - Louder" heißt und wie jedes Jahr am ersten Augustwochenende ins verträumte Schleswig-Holsteinische Wacken zur größten Metalparty des Jahres eingeladen wird, dann lässt sich natürlich auch die mega-metal.de-Belegschaft nicht lange bitten.

Nach einer Anreise, die für uns seit Jahren erstmals etwas zeitaufwendiger war (mehr Baustellen, als Autobahn - vom Elbtunnel mal ganz zu schweigen, sowie einer ungewöhnlich langen Wartezeit am Check-In) haben wir dann irgendwann doch noch unseren Campingplatz erreicht.

Mittwoch, 01. August

Es ist zumindest für uns durchaus etwas ungewöhnlich, bereits am Mittwoch eine Band anschauen zu wollen, zumal vor allem eben der Mittwoch bekanntlich ganz im Zeichen der Metal Battle-Gewinnerbands steht, bei deren Vielzahl man schnell den Überblick verlieren kann. EASE OF DISGUST aus Moskau kenne ich nun schon seit über einem Jahr und hatte mich bereits damit abgefunden, die Truppe vermutlich niemals live sehen zu werden. Als man dann allerdings vor ein paar Wochen den Titel "Metal Battle Winner Russia" für sich entscheiden konnte und somit in Wacken spielen darf, war meine Freude natürlich entsprechend groß. Auch wenn "Moscows Finest Death Metal" meistens mehr nach Deathcore als nach klassischem Death Metal klingt und der Fünfer auch optisch eher die Core-Generation anspricht (was natürlich wieder einmal mit der Engstirnigkeit mancher Zuschauer aneckt), werden in den gerade mal 20 Minuten solche Titel wie "I, The Prophecy" oder das neue "Unleash The Beast" vom Publikum sehr positiv aufgenommen. Für mich ein Auftakt nach Maß.

Ease Of Disgust (Foto: maz)

Später am Abend sah unser Plan dann vor, mal bei SANTIANO vorbeischauen zu wollen. Das ist zwar - wie ohnehin so manche Band in Wacken - kein Metal, aber ich wollte mir einfach mal ein eigenes Urteil über die äußerst erfolgreichen (Platz 1 der Albumcharts) "Seefahrer-Herren" machen. Doch leider wird daraus nichts, denn als aus den üblichen 15 Minuten Umbaupause mittlerweile schon knapp 45 Minuten (!) geworden sind und auf der Bühne immer noch nichts passiert, außer zum x-ten Mal die Gitarre zu stimmen, ziehen wir uns genervt zurück - dann halt eben nicht. Ein ebenfalls sichtlich genervter Besucher neben uns zitiert gerade so passend J.B.O.: "Geh mer halt zu Slayer"! Doch die spielen ja leider nicht.

Donnerstag, 02. August

Der Donnerstag startet für uns im Zelt, wo es mir persönlich etwas skurril erscheint, dass der Metal Battle Gewinner 2011 vom Veranstalter in diesem Jahr mit "repräsentativen" 20 Minuten Spielzeit abgefrühstückt wird. Zudem bekommen HAMMERCULT auch noch einen eher bescheidenen Sound. Dagegen haben sie aber ein extrem hohes Energielevel, welches sich mit Hilfe der Thrashcore-Eruptionen ihres Debüt "Anthems Of The Damned" auf die kleine Meute vor der Bühne vorzüglich entlädt. Mir reicht das auf jeden Fall, um mir die Jungs in Zukunft nochmal auf einer Club-Tour anzuschauen.

Hammercult (Foto: sw)

CHTHONIC aus Taiwan sind ebenfalls W:O:A-Rückkehrer und die vor der W.E.T. Stage versammelte Anhängerschaft ist beachtlich. Noch beeindruckender ist aber die Überzeugungskraft der Band um Fronter Freddy Lim und Männermagnet Doris Yeh. Ihre Mischung aus Black, Death, Thrash, Moderne und Fernost ist unglaublich massiv und gipfelt in den beiden Highlights "Broken Jade" und natürlich "Takao" (vom aktuellen Album "Takasago Army"), die darüber hinaus auch noch von Turisas-Violinist Olli Vänskä begleitet werden. Ein Erfolg auf ganzer Linie.

Chthonic (Foto: sw)

Das Ungewöhnliche an AMARANTHE ist sicherlich die Tatsache, dass die schwedisch-dänische Truppe gleich auf drei Stimmen zurückgreifen kann (Clean, Growls plus eine Dame), die heute allesamt einen wirklich guten Job machen und somit die teilweise recht poppig-eingängige Mischung aus Melodic Death Metal, Metalcore und einigen Samples definitiv zu einer hörenswerten, erfrischenden und kurzweiligen Angelegenheit werden lässt. Mit starken Songs wie "One Million Lightyears", "Automatic" und natürlich dem abschließenden und überragenden "Hunger" hat man das Publikum, das die Truppe ausnahmslos abfeiert, bestens im Griff.

Wie oft hat man SAXON bereits in Wacken gesehen? Und wie kann man über diese Band auf diesem Terrain noch irgendetwas Neues schreiben? Von dem, was ich erst vom Campingplatz vernehme und kurz darauf direkt vor der Bühne erlebe, kann ich wie immer sagen, dass die Songauswahl ob des enormes Backkataloges exquisit aber auch nicht überraschend ist und die Band immer noch eine Menge Spaß an ihrer Musik hat. Kurzweil kommt nur auf, als Biff eine Fahrt auf dem Kamerawagen vor der Bühne macht ("I'm Going To London!") und Bassist Nibbs Carter den ersten Teil von "Strong Arm Of The Law" auf den Schultern eines Helfers direkt vor der Publikumsabsperrung verbringt.

Mein vierter UNEARTH-Gig innerhalb von sieben Wochen lässt natürlich so etwas wie eine gemütliche Routine bei mir aufkommen. Es macht halt immer enorm Spaß, dem US-amerikanischen Metalcore-Fünfer beizuwohnen, der sich im Vergleich zu ähnlichen Bands wie Killswitsch Engage oder As I Lay Dying aber gerne auch im Thrash oder Death Metal bedient, was für entsprechende Abwechslung sorgt. Man startet amtlich mit "My Will Be Done" - doch irgendwie ist der Sound heute etwas matschig. Aber das stört die Anwesenden scheinbar kaum und mich auch nur bedingt. Amüsant sind natürlich die Ausflüge der Band in den mittig vor der Doppelbühne stehenden Boxring. Nach wie vor eine einfach nur extrem sympathische Truppe mit durchgehend klasse Songs.

Unearth (Foto: maz)

Und wo ich gerade von "klasse" spreche: CIRCLE II CIRCLE sind zweifelsfrei eine Klasse für sich. Nun hab ich die Truppe um Ausnahmesänger und ex-Savatage-Fronter Zak Stevens in den letzten Jahren zwar ein bisschen aus den Augen verloren, aber mit der aktuellen Best Of-Scheibe hat's mich dann doch wieder gepackt. Doch Circle II Circle-Songs stehen heute "nur" an zweiter Stelle, denn der Schwerpunkt des Sets liegt auf dem 97er Savatage-Meisterwerk "The Wake Of Magellan". Höchst beeindruckend werden Songs wie "Welcome", "The Hourglass", "Mourning Sun" oder der Titelsong dargeboten. Mein erstes und einziges Savatage-Konzert habe ich exakt vor zehn Jahren in Wacken miterlebt, aber die Erinnerungen daran sind annähernd gleich Null. Von daher genieße ich einfach nur Zak's unglaubliche Stimme, die starken Songs, die vielen ruhigen Passagen (inklusive. Gänsehaut trotz stickig-warmer Luft im Zelt) und bin nach dieser gesanglich und auch spielerisch über jeden Zweifel erhabenen dreiviertel Stunde ziemlich baff. Das war ganz großes Kino.

VOLBEAT haben soeben Platin in Deutschland eingeheimst. Somit macht die Headlinerposition auf der "Night To Remember" mehr als Sinn und entwickelt sich zu einem verdienten Triumphzug. Und Michael Poulsen - der sein einstiges "We Love The Sun" gegen ein Anthrax-angelehntes "Bring The Noise" getauscht hat - liefert die volle Packung. Alle Gäste des aktuellen Albums "Beyond Hell, Above Heaven" sind mit an Bord. Barney von Napalm Death, der Kontrabass-Spieler beim Hüften lockernden "16 Dollars" und Kreator's Mille bei "7 Shots" zusammen mit Mercyful Fate-Gitarrist Michael Denner. Da der zweite Mercyful Fate-Axeman Hank Shermann derzeit (also auch heute) für Volbeat die zweite Klampfe schwingt, machen schon wilde Spekulationen für 2013 die Runde … doch zurück zu Volbeat. Die brauchen heute nicht mal den Überhit "The Garden's Tale", um die Massen zum Feiern zu bewegen. Außerdem betont Herr Poulsen des Öfteren seine Metal-Herkunft und beweist Humor. Ein neuer Songfetzen bestätigt das bestens, der bis dato folgenden Titel trägt: "Mama, Can I Have A Shotgun? - No, You Can Have A Sweet Unicorn!" Fazit: Nichts gegen die alten Helden, aber dieses Mal Volbeat auf den Donnerstag zu legen, war echt mal clever.

Freitag, 03. August

Überpünktlich zur Mittagszeit im Zelt (das übrigens als weltweit größtes transportables Zelt gilt und mit Maßen von 110 x 60 Metern auf stolze 6400 qm kommt), bekomme ich noch den Schluß von YAKSA mit. Die Chinesen spielen zwar eine recht interessante Mischung aus Hardcore, Nu Metal und ansatzweise auch Death Metal, aber alleine schon aufgrund des für meine "West-Ohren" etwas exotischen Klangs, ist mir das heute und vor allem zu dieser Uhrzeit etwas zu anstrengend.

Wesentlich entspannter, wenngleich auch keinesfalls minder aggressiv, ist der stark an die 80er angelehnte Thrash Metal der Kalifornier von WARBRINGER. Ich kannte von der Band im Vorfeld nur ein paar vereinzelte Songs (großer Fehler!) und werde dennoch gleich von Beginn an ziemlich mitgerissen. Nun mag es zwar vermutlich an den zeitgleich spielenden Sacred Reich liegen, dass es vor der Bühne ruhig noch etwas voller hätte sein dürfen, aber so bleibt mehr Platz zum Headbangen und der extrem guten Stimmung (u.a. "Warbringer!"-Sprechchöre) schadet das auch nicht weiter. Mit klasse Thrash-Granaten wie "Wake Up … Destroy" oder "Shoot To Kill" macht der energiegeladene Fünfer ohnehin nichts verkehrt. Für mich durchaus sowas wie eine kleine Überraschung.

Thrash Metal im Doppelpack. Während sich Kollege Marco von Warbringer den Scheitel ziehen lässt, bleibe ich heute bei den Alt-Thrashern von SACRED REICH. Wie war das eigentlich jetzt mit geforderten Pits? Sänger/Bassist Phil Rind spricht nicht von der "Wall Of Death" sondern vom "Circle Of Life". Und die entsprechenden Kreisel gibt es zu Hauf bei "Administrative Decision", "The American Way", "Crimes Against Humanity" und selbstredend bei "Surf Nicaragua". Funktioniert alles bestens - auch nach 16 Jahren ohne neues Material.

Sacred Reich (Foto: sw)

Für die US Metal Fans der alten Schule ist der Auftritt von SANCTUARY natürlich ein Pflichttermin. Die "Nevermore only"-Fans fragen sich hingegen, was es denn mit Warel Dane's "neuer" Band auf sich hat. Nichts - ist ja schließlich seine alte Band. Und die hat mit "Refuge Denied" (1987) ein umjubeltes Debüt und mit "Into The Mirror Black" (1989) einen absolut zeitlosen Metal-Klassiker erschaffen. Deren Highlights sind offensichtlich nicht allen Anwesenden bekannt und so ist das Feedback vor der Bühne eher verhalten. Die beiden neuen Songs "I Am Low" (im "Into The Mirror Black"-laut/leise-Gewand) und "The World Is Wired" (ein treibender Headbanger) versprechen zumindest, dass die Band (zu vier Fünftel im Original-Line Up) gewillt ist, an die alten Glanztaten anzuknüpfen. Nur Warrel Dane wird sich etwas überlegen müssen, da (vielleicht nur) heute seine Stimme trotz Erfahrung und professioneller Vorbereitung einigen Hürden nicht ganz gewachsen ist. "Into The Mirror Black", "White Rabbit" und "Sanctuary" sind die gesanglichen Ohrgasmen, Jahrhundertsongs wie "Die For My Sins", "Future Tense" und "Battle Angels" müssen etwas leiden. Der Wille und das Potential sind aber auch nach 23 Jahren noch da. Ich drück ganz fest die Daumen!

Sanctuary (Foto: sw)

Die Entscheidung, jetzt zum Grillen ins mega-metal.de-Camp zurückzukehren, erweist sich als Glücksgriff, denn pünktlich zum letzten herunter geschlungenen Happen, heißt es Pavillon festhalten und dem niederprasselnden Unwetter trotzen. Die Ausmaße dieser turbulenten halben Stunde werden uns erst später bewusst.

90 Minuten nach Sanctuary war aber wieder alles soweit "in Ordnung", dass man kollektiv OVERKILL's Blitz "Fuck die Scheißwetter"-Propaganda zujubelt. Den mit alten ("Wrecking Crew", "Hello From The Gutter", "Elimination") und neuen Hits ("Bring Me The Night", "Save Yourself") gespickten 60 Minuten natürlich auch. Die Thrash-Veteranen sind einfach viel zu gut, um irgendetwas anbrennen zu lassen. In diesem Sinne - "Fuck You"!

Trotzt Matsch und Modder eile ich ins Zelt zu DECAPITATED. Eigentlich bin ich ja für so einen technischen "auf die Fresse"-Death Metal durchaus zu haben und eigentlich ist das erstes Album "Carnival Is Forever" nach der Neugründung 2008 ein beeindruckender und massiver Rundumschlag (wie das gesamte heutige Set ebenfalls), aber irgendwie will der Funke nicht so recht überspringen. Das liegt aber nicht an der Band, sondern an mir. Kein Problem, sowas kommt halt mal vor.

Das Wetter lässt einfach nicht locker, versaut mir die Begutachtung der reformierten Schweizer Avantgarde Thrasher CORONER und ringt mir ein gehässiges Grinsen ab, da die zeitgleich spielenden OPETH die denkbar ungünstigste, musikalische Untermalung für Regengüsse hat. Für ein bisschen HAMMERFALL war es dann doch wieder trocken - aber nur von oben. Schon längst schleppt man sich durch zentimeterdicke Matsch-Schichten auf eigentlich recht festem Untergrund, so dass die Art der Fortbewegung zeitweise dem Eiskunstlauf gleicht. An der entsprechenden Stimmung konnten Joacim Cans, Oskar Dronjak & Co. leider auch nicht viel ändern, die 15 Jahre nach ihrem ersten Deutschland-Gig (eben auf den heiligen Wacken-Wiesen) eine solide Leistung mit der kompletten Bandbreite von "Bang Your Head" über "Hearts On Fire" bis hin zu "The Dragon Lies Bleeding" aufs Parkett legen.

Völlig zu Recht sind IN FLAMES der Headliner am heutigen Tage und werden mit amtlichen 90 Minuten Spielzeit bedacht. Und die Schweden lassen sich natürlich auch nicht lumpen und fahren entsprechendes Geschütz auf. So kann man es sich locker leisten, gleich mit einem Überhit wie "Cloud Connected" zu starten und diesen Song durchgehend hinter einem halb durchscheinenden Vorhang zu performen (der von visuellen Projektionen entsprechend begleitet wird), bei dem die gesamte Band über eine Art Baugerüst verteilt steht. Das ist optisch schonmal sehr beeindruckend. Und im Zuge der anderthalb Stunden werden 15 Songs in die Menge gefeuert, bei denen ich ausnahmslos jedes Mal bei den ersten Takten (bzw. der Ansage) sofort denke "ja, geil!". Anno 2012 ist eine In Flames-Setlist natürlich recht modern und neu (wer das bemängelt, ist musikalisch vor 15 Jahren stehengeblieben, Punkt). "Where Dead Ships Dwell" vom aktuellen Album, der Nackenbrecher "Reroute To Remain" oder auch "My Sweet Shadows" punkten ausnahmslos auf ganzer Linie, ebenso wie die massiven Hits der Sorte "Take This Life" oder "The Quiet Place" - doch über allem thront wie immer das unerreichte "Only For The Weak", bei dem natürlich - trotz des extrem matschigen Bodens - fast das gesamte Publikum am Springen ist (was für eine Sauerei übrigens). Sänger Anders Friden ist sichtlich beeindruckt von der Masse an zehntausenden von Menschen, die von der Bühne bis hinten zum Eingang stehen. Wer es immer noch nicht begriffen hat: In Flames sind schlicht und einfach eine der größten Metalbands unserer Zeit - und ja, sie haben früher mal "richtigen" Melodic Death Metal gemacht. Na und?

Samstag, 04. August

Bei GAMMA RAY weiß eigentlich jeder, dass Kai Hansen zwar nicht der beste Sänger ist, aber zumindest musikalisch für Leute wie mich, die mit Unisonic nicht so viel anfangen können, irgendwie mehr zu bieten hat und man auch immer in den Genuss einiger Helloween-Titel kommen wird. Mit "Hail To The Metal" oder "Rebellion In Dreamland" werden erst ein paar Gamma Ray-Songs zum Besten gegeben, bevor dann die Helloween-Fraktion u.a. mit "I Want Out" voll auf ihre Kosten kommt. Speziell hier stösst Kai Hansen zwar an seine gesanglichen Grenzen, aber das sind irrelevante Nebensächlichkeiten. Ein klasse Gig einer wie immer höchst sympathischen Truppe.

Sigi's Samstagseinstieg heißt danach PARADISE LOST und das heißt erst mal 20 Minuten "Eiskunstlauf" auf dem Schlidderboden bis hin zur linken Ecke der Party Stage, wo man noch einigermaßen "versack-sicher" stehen kann. Das hat aber zur Folge, dass der Sound der Briten bei ihrem W:O:A-Debüt eher an meinen Ohren vorbeirauscht, da er so leise ist, dass sogar Napalm Death (zeitglich auf der Black Stage) mir ordentlich in den Nacken rüpeln. Nick Holmes merkt das auch und nimmt es mit britischem Humor. "The Enemy", "Honesty In Death", "As I Die", "Forever Failure", "Say Just Words" - alles perfekt dargeboten. Doch kann mir mal jemand erklären, warum der Veranstalter der britischen Düsterlegende schlappe 45 Minuten zur Verfügung stellt? Eine Frechheit.

(Foto: sw)

Ausnahmegitarrist AXEL RUDI PELL und seine Truppe bekommen derweil immerhin 60 Minuten. Trotzdem frage ich mich, warum so mancher klasse Songs nur in einem Medley "verheizt" wird!? "The Masquerade Ball" geht im Original zwar zehn Minuten, aber so einen zeitlosen Klassiker kann und muss man eigentlich komplett spielen. Nun gut, so ist natürlich mehr Zeit für weitere Songs. "Strong As A Rock" oder "Tear Down The Walls" sind typische stadiontaugliche Hardrocknummern und Sänger Johnny Gioeli jagt mir mit seiner absolut beeindruckenden Stimme ein ums andere Mal eine Gänsehaut über die Haut - unglaublich, was der Kerl an Tönen raushaut. Natürlich darf es auch mal etwas ruhiger werden, wie bei "Circle Of The Oath" und mit "Nasty Reputation" gibt's sogar einen Titel, der nun auch schon über 20 Jahre auf dem Buckel hat. Trotz zweier Medleys (da bin ich halt einfach kein Freund von) ein sehr gelungener Auftritt.

Was tut man sich bei diesen unveränderten Bodenverhältnissen überhaupt noch an?! Denn für einen Weg von normalerweise fünf Minuten braucht jetzt locker das Doppelte. Beispiel? Der Weg von der Party Stage mit SICK OF IT ALL bis zu Black Stage mit den parallel lärmenden SIX FEET UNDER dauert so lang, dass ich problemlos von beiden Bands je vier Songs mitbekomme. Bei den Hardcorehelden der ersten Stunde ist mächtig Dampf angesagt, das Stageacting ist für eine Ü40-Truppe (nicht böse sein - ist nur eine Tatsache) der Hammer und Fronter Lou Koller ist ein Mega-Sympath, der die Massen nach Belieben dirigiert. Die rasten so aus, dass ihnen die Bodenpampe bei den zahlreichen Circlepits völlig egal ist. Bei Gurgelgrunzer Chris Barnes fällt auf, dass die Neuen (sowohl Musiker als auch Songs) das Set erfrischend auflockern und es nun endlich (?) auch eine Six Feet Under-Version des Cannibal Corpse-Klassikers "Hammer Smashed Face" gibt. Darüber sinniere ich aber nicht - mich nervt einfach nur dieser verdammte Boden.

Das Wetter an sich scheint aber nun endlich mitzuspielen. Beste Voraussetzungen für eine amtliche Packung von TESTAMENT. Die Thrasher erinnern mich in dieser kurzweiligen Stunde irgendwie an Overkill. Mächtig, wuchtig, mega-sympathisch, verdammt gutes neues Material und die unverzichtbaren Klassiker. Bei "Native Blood" und "True American Hate" (vom neuen Album "Dark Roots Of Earth") hat man sogar das Gefühl, dass Schlagzeug-Atomuhr Gene Hoglan (der übrigens beeindruckend abgespeckt hat!) sogar den letzten Matsch vom Platz wegblastet. Klasse Auftritt!

Zur Jahrtausendwende standen CRADLE OF FILTH bei mir mal ganz hoch im Kurs. Schade nur, dass es bis zu meinem 13. W:O:A (!) gedauert hat, bis ich die britische Black/Dark/Symphonic-Truppe um Frontkreischer Dani Filth heute dann endlich mal live auf diesem Festival erleben kann (das letzte Mal waren sie Ende der 90er Jahre hier). Ebenfalls ist es natürlich etwas schade, dass ich mittlerweile nicht mehr so ganz "up to date" bin, was die letzten Alben angeht und Sonnenschein ist bei einem Cradle Of Filth-Gig auch eher suboptimal. Egal, Giftzwerg Dani (der mit 10 cm hohen Plateau-Schuhen jetzt gefühlt zumindest an die 1,70 m herankommt) kreischt/keift/grunzt sich routiniert durch düstere Perlen wie "Gilded Cunt", "Lilith Immaculate" oder "Her Ghost In The Fog" (von meinem persönlichen Lieblingsalbum "Midian"), bevor es dann gegen Ende mit "Ebony Dressed For Sunset" auf Zeitreise in die 90er Jahre geht und mit "Cruelty Brought The Orchids" eindrucksvoll endet. Ich glaube, ich muss sie mir nochmal in einem (dunklen) Club geben…

Nun aber zügig rüber ins Zelt, wo ich noch die letzten Minuten von MOONSPELL mitbekomme. Normalerweise hätte ich mich richtig geärgert, dass Cradle Of Filth und Moonspell zeitgleich spielen, aber Moonspell mit Orchester? Das brauche ich dann doch irgendwie nicht und das, was Fernando Ribeiro, seine Band und die unzähligen Gastmusiker auf der Bühne bieten, ist mir schlicht und einfach viel zu orchestral und klassisch und somit viel zu unmetallisch. Dennoch sind der abschließende Applaus und die "Zugabe!"-Rufe mehr als beachtlich, von daher scheinen diese 40 Minuten zumindest den Nerv der unzähligen Anwesenden vollends getroffen zu haben.

Ich verzichte ausnahmsweise auf den Anfang von Amon Amarth, denn SYLOSIS muss ich einfach mal live gesehen haben. Leider ist vor der Bühne etwas wenig los (wie gesagt, draußen spielen halt Amon Amarth), doch diejenigen Besucher, die die Briten hier und jetzt sehen wollen, kommen voll auf ihre Kosten. Das Quartett aus Reading pendelt gekonnt und stilsicher zwischen Thrash, Melodic Death und Metalcore und sorgt mit Titeln wie u.a. "The Blackest Skyline" für ordentlich Bewegung in den vielen Circlepits vor der Bühne.

Nach kurzer Redaktionssitzung unter Berücksichtigung der schon wieder am Horizont auftauchenden Wolken, soll nach AMON AMARTH Zapfenstreich sein. Und der Veranstalter hat mich ENDLICH erhört - die Schweden bekommen erstmals in ihrer eigenen W:O:A-History mehr als 60 Minuten Spielzeit. Und nach dem Auftritt ist mir eines klar: So mancher Traditionalist hält die Vorzeige-Wikinger ja nicht mehr für eine echte Death Metal Band. Und? Death Metal hin oder her, aber eine waschechte, bis in die Haarspitzen durchtränkte Metalband, die sich im Laufe ihrer Karriere hart und verdient hochgearbeitet hat. Die Armada an Hits lässt es sogar zu, dass ein Übersong wie "Death In Fire" sogar schon an Position Vier gesetzt werden kann. Dazu Feuerwerke en masse, wechselnde Backdrops und das unvergleichlich geile Synchron-Headbanging. DAS ist eine amtliche Metal-Vorstellung und die reicht mir als Festivalabschluss. Und das sogar ohne Regen - der Draht zu Odin scheint wohl besser zu funktionieren.

(Foto: sw)

Aber dann kam der Regen doch noch ...
Gott sei Dank waren wir da schon längst auf dem Heimweg, doch das uns zu unserer Rechten begleitende Gewitter und die Bilder der Scorpions-Zugabe später im TV auf ZDFkultur sprachen Bände und gaben uns mit unserer Entscheidung Recht.

Thema: "Hilfestellung vom Veranstalter": Reine Erbsenzählerei. Sie sagen, sie haben alles Menschenmögliche getan, Besucher sagen mitunter das Gegenteil. Fakt ist aber auch, dass bereits vor dem Festival nicht gerade gemütliches Wetter war und irgendwann die Kapazitäten eines jeden Geländes erschöpft sind. Dass es aufgrund der Begebenheiten nicht zu schwerwiegenderen Problemen gekommen ist, sagt hingegen aber wieder etwas über das friedliche Miteinander aller Beteiligten aus. Das ist doch was, oder?!

Texte:
Siegfried Wehkamp - Hammercult, Chthonic, Saxon, Volbeat, Sacred Reich, Sanctuary, Overkill, Coroner, Opeth, Hammerfall, Paradise Lost, Sick Of It All, Six Feet Under, Testament, Amon Amarth

Marco Zimmer - Ease of Disgust, Santiano, Amaranthe, Unearth, Circle II Circle, Yaksa, Warbringer, Decapitated, In Flames, Gamma Ray, Axel Rudi Pell, Cradle Of Filth, Moonspell, Sylosis