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Festival: KEEP IT TRUE XVI - 19.-20.04.2013

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


22°C auf der Hinfahrt und 12°C auf der Rückfahrt. Nein, der Wettergott hat es beim diesjährigen Keep It True Festival nicht ganz so gut gemeint, wie im letzten Jahr. Dabei blieb es zwar bis auf leichten Regen am Samstagmorgen trocken, doch fallende Temperaturen und Wind sind trotz Hallen-Location nicht gerade gutes Festival-Wetter. Dagegen hilft nur Musik von höchster Qualität, die Veranstalter Oliver Weinsheimer mit seiner feinen Spürnase bei der 16. Ausgabe des Keep It True abermals präsentierte.

Freitag, 19. April

Der erste Festivaltag beginnt mit dem Prädikat "Fenriz-approved". BORROWED TIME aus Detroit waren bereits "Band of the week" auf dem YouTube-Kanal des kauzigen Darkthrone-Drummers. Kauzig würde ich zumindest Sänger JP Abboud bezeichnen, dessen Auftreten mehr an Bobby Liebling von Pentagram erinnert als an die "viel NWOBHM meets etwas US Epic"-Mischung des Fünfers. Die Band bedankt sich mehrmals bei Iron Kobra für die ausgeliehenen Instrumente und geben mit "Dawn For The Glory Rider" einen Song zum Besten, der mir noch nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Die Briten von ELIMINATOR begeistern mich danach nicht so. Ihr traditioneller und straighter Heavy Metal geht beiläufig mit. Ich hake die Band für mich als eher unspektakulär ab, gönne mir eine längere Pause für die üblichen "Ach, Du auch wieder hier?!"-Gespräche, so dass AIR RAID ohne mich durch die Halle fliegen.

HIGH SPIRITS. Da war es wieder - das Dauergrinsen vom letztjährigen Rock Hard Festival. Kaum eine Band versprüht an diesem Wochenende so viel leichtfüßige, positive Energie wie Chris Black und seine Sidekicks. Gerade ein paar Tage durch Deutschland unterwegs gewesen, immer noch die gleiche weiße Hose an (O-Ton Chris: "Seht ihr? Hier ist ein bisschen Hamburg drauf, hier ein Fleck aus Dresden.") und immer noch die gleichen geilen Songs, die für ansteckende Partystimmung sorgen. "Another Night In The City" räumt ab, "I'm Going Up" noch mehr und bei "High Spirits" singt der Taubenfrankenhallen-Chor wie ein Mann. Goil!

High Spirits

Das krasse Gegenteil erwartet die KIT-Gemeinde dann in Form von MORBID SAINT. Für nicht wenige gilt ihr 1988er Album "Spectrum Of Death" als einer der viel zu wenig beachteten Thrash Metal Klassiker seiner Zeit. Und dieser wird der Pit-wütigen Meute auch mal gleich am Stück vor den Latz geknallt, wobei selbst die eine Gitarre von Jay Visser mächtig drückt, in den Soloparts aber die zweite Axt vermissen lässt. Den Rest an völligem Thrash Wahnsinn übernehmen noch "Lock Up Your Children", der Rausschmeißer "Thrashaholic" und die echt irren Augen von Sänger Pat Lind, dem man trotz seiner vorangeschrittenen Jahre genau anmerkt, dass das Feuer vergangener Tage immer noch kräftig in ihm lodert.

Morbid Saint

Die musikalisch wieder komplett woanders agierenden QUARTZ werden nach dem Thrash Massaker von Morbid Saint zur Grill-Band auserkoren.

Nach dem Erscheinen von John Mortimer beim letztjährigen NWOBHM-Part II-Anniversary und der überschäumenden Stimmung während der HOLOCAUST-Songs war es fast klar, dass die Band als Ganzes schnellstens für das KIT gebucht würde. Hier stehen sie nun als Trio auf der Bühne und verpassen mir eine gewisse Ratlosigkeit. So manche Hits kennen später Geborene von anderen Bands. "Heavy Metal Mania" durch Gamma Ray, "Death Or Glory" durch Six Feet Under und "The Small Hours" schon seit Ewigkeiten durch ein paar Metal-Arbeiter, die auf die Namen Hetfield und Ulrich hören … Was Holocaust zur NWOBHM beigetragen haben, kann man anhand dieser Ehren gut erahnen, schlussendlich ist es für mich eine dieser Bands, bei deren Blütezeit man wohl dabei gewesen sein muss. Für mich wirkte der Auftritt etwas durchwachsen.

Noch skurriler wird es meines Erachtens - und die KIT-Gemeinde peilt mich bestimmt schon zum Steine werfen an - bei MEDIEVAL STEEL. In Sachen Bewegung (Band und Publikum) tut sich während der Songs kaum etwas, Beifall gibt es indes sehr viel. Alle scheinen nur auf diesen einen Song zu warten, der auch schon bei den diversen KIT-Warm Up Parties der letzten Jahre für kollektives Ausrasten sorgte. Und es kam, wie erwartet - das "Medieval Steel"-Intro ertönt, die Halle steht Kopf und der Chor, der sogar High Spirits um Längen toppt, ist schon zwei Tage später der "Magic Moment des KIT 2013" im Internet. Sachen gibt's.

Der Co-Headliner bereichert meine 'to buy'-Liste um einen weiteren Artikel. Ich muss mir unbedingt noch das LIEGE LORD-Debüt "Freedom's Rise" besorgen. Auch im Jahr 2013 muss Speed Metal aus den Achtzigern nicht unbedingt angestaubt klingen und im Moment ist es sehr erfrischend eine Band auf der Bühne zu erleben, die Gas gibt. Die Band um die Original-Mitglieder Matt Vinci (Bass), Tony Truglio (Guitar) und Sänger Joe Comeau beweisen, dass sie es immer noch drauf haben und speziell Comeau strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Dass sich seine Stimme etwas verändert hat, ist nur logisch (man kennt ihn auch als einen der vielen Annihilator-Sänger), doch die heutige, der Tonlage entsprechenden Interpretation der Songs gefällt mir sehr gut. Und bei der tighten Performance on stage (Virgin Steele-Drummer Frank Gilchriest sorgt für den richtigen Punch im Hintergrund) geht auch im Publikum einiges. "Eye Of The Storm" ölt wieder alle Kehlen, das Rainbow-Cover "Kill The King" kommt erwartungsgemäß gut an und "Master Control" kocht noch mal richtig die Luft durch.
Beste Voraussetzungen für den Headliner, der - nur mal so am Rande - eigentlich Liege Lord hätte heißen sollen, die Band aber auf eigenen Wunsch dem heutigen Headliner diesen Platz überlässt.

Liege Lord

Somit wird der erste Tag des 16. Keep It True Festival mit der wohl extremsten Band besiegelt, die jemals auf dieser Bühne gestanden hat - POSSESSED. Wie viele Death Metal Bands berufen sich auf diese Band, auf ihren Überklassiker "Seven Churches" und den dort enthaltenen, Genre-gründenden Song "Death Metal"?! Und die KIT-Gemeinde will dieses wegweisende Erlebnis haben. Auch wenn die Band heuer nur aus Mitgliedern von Sadistic Intent, Angel Corpse und Masters Of Metal (ex-Agent Steel) besteht (die Original-Instrumentalisten verstreuten sich in alle vier Winde), bleibt Urfronter Jeff Becerra, der seit einem auf ihn verübten bewaffneten Überfall Anfang der Neunziger durch eine steckengebliebene Kugel mit einer Querschnittslähmung leben muss. Seinem Enthusiasmus tut das absolut keinen Abbruch. Jeff strahlt über das ganze Gesicht, ist sichtlich beeindruckt von der Begeisterung, die ihm entgegenschallt und belohnt die Meute nicht nur mit seiner unnachahmlichen Stimme, einem neuen Song namens "The Crimson Spike" (geiles Teil!), sondern auch mit dem gesamten "Seven Churches"-Album! Das "Tubular Bells"-Intro sorgt schon für gepflegte "Panik" und als "The Exorcist" losbricht, explodiert der Pit förmlich. Was folgt, ist ein Extrem Metal Fest, welches das Keep It True in dieser Form noch nicht erlebt hat und natürlich im fulminanten Finale "Death Metal" gipfelt. "… mehr Old School geht nicht." - selten war ein Programmheft-Zitat so wahr. Diese Vollbedienung hat am nächsten Morgen auf jeden Fall ein muskuläres Nachspiel.

Possessed

Samstag, 20. April

Na klasse. Temperatur runter, Wind und ein wenig Nasses von oben. So wünscht man sich nicht unbedingt sein Frühstück unter dem Pavillon. Zumal die Muskeln vom gestrigen Abend noch mächtig ächzen. Gevatter Metal muss helfen, um den Kreislauf in Schwung zu bekommen.

Da sind die Belgier EVIL INVADERS genau die Richtigen. Die Namensgebung in Bezug auf den Song der kanadischen Thrasher Razor ist nur fast richtig. Vielmehr wildert das optisch wie Enforcer wirkende Quartett im Speed/Thrash der Achtziger mit den Einflüssen der NWOBHM herum, so dass ich mich nicht nur einmal an "Kill 'Em All" und Artverwandtes erinnert fühle. Die Screams von Gitarrist/Sänger Jöe Anus (so steht es geschrieben …) machen die Gehörgänge frei und die Band bietet Volldampf bis zum Ende. Starker Auftakt ...

Evil Invaders

... den "die verlorenen Söhne von Mercyful Fate", namentlich ATTIC, weiter vorantreiben. Die Gelsenkirchener werden nichts gegen diesen Vergleich tun können, wenn sie weiterhin von Meister Cagliostro angeführt werden und zudem auch noch erstklassig "Black Funeral" covern. Was soll's. Das Quintett zieht sein Ding überzeugend durch (inklusive rein englischer Ansagen), zeigt sich aktiv auf der Bühne und hat mit "Funeral In The Woods", "Join The Coven" oder "Satan's Bride" amtliche Headbanger im Gepäck, die für Bewegung vor der Bühne sorgen und von Meister Cagliostro himself mit der nötigen Theatralik und einer starken Gesangsleistung dargeboten werden. Polarisierend, aber verdammt gut.

Attic

Die nachfolgenden Briten von TORANAGA rauschen derweil vollends an mir vorbei. Selbst der neue Song langweilt mit einem 08/15-schon öfter gehört-Intro und punktet irgendwie gar nicht. Next.

Die Beständigkeit des Keep It True Festival kann man wohl am besten mit einem MIDNIGHT-Song beschreiben - "You Can't Stop Steel"! Dass Oliver Weinsheimer sich die maskierten Cleveland Extremisten auf die Bühne holt, ist einerseits mutig, andererseits perfekt kalkuliert, denn mit dem erwähnten Song, "Lust, Filth And Sleaze" und natürlich "Satanic Royalty" ist die Stimmung vor der Bühne am Brodeln. Der "High Energy Venom meets noch dreckigere Motörhead"-Sound ist eine dieser willkommenen Abwechslungen, für die das KIT so berühmt ist. Und die Band? Völlig durchgeknallt. Eine viel vernommene Aussage nach dem Gig: "Das, was der Gitarrist intus hatte, will ich auch." Gewagt, gewagt …

Midnight

Meine Pause danach war irgendwie nicht so geplant. OCTOBER 31 und LEGEND verpasst. Letztere kann ich verschmerzen, doch King Foley und seine Mannen wären bestimmt ein Highlight gewesen, zumal Foley mit seiner Band Deceased für das KIT in 2014 bestätigt wurde.

JACK STARR'S BURNING STARR wollte ich mir aufgrund des metalhistorischen Hintergrundes trotzdem etwas geben. Der Mann hat schließlich Virgin Steele mitbegründet und auf deren ersten beiden Alben gespielt. Unterstützt wird er heute u.a. von Crystal Viper-Frontfrau Marta Gabriel an der zweiten Gitarre. Das klassisch gehaltene Material ist mir zwar völlig unbekannt, aber zumindest funktioniert es gut beim durch die Halle schlendern. Höhepunkte habe ich trotz souveräner Performance indes nicht vernommen.

Höhepunkt des STEEL PROPHET-Gigs ist auf jeden Fall das selbst von der Band nicht so ernst genommene "Bohemian Rhapsody"-Cover, welches in den intelligenten Power Metal der LA-Boys eine spaßige Kerbe schlägt. Auch das Publikum ist auf einmal wieder hellwach. Das ziemlich durchwachsene Wetter steckt in den Knochen, doch sobald Steel Prophet das Tempo etwas anziehen, geht auch was. Das schöne "Earth And Sky" könnte mich dagegen fast in den Schlaf schunkeln. Augenmerk liegt derweil auf Sänger Rick Mythiasin, der mit beiden Beinen in Gips im Rollstuhl die Bühne in Beschlag nimmt, doch beim Rausschmeißer "Strange Encounter" genau bei der richtigen Textzeile kerzengerade steht - "And For The Moment I Was Free Again".

Ich will rein gar nichts gegen ANGEL WITCH sagen, denn selbst nach 35 Jahren Karriere konnten sie letztes Jahr mit ihrem neuen Album "As Above, So Below" mächtig punkten. Unterm Strich bleibt für mich immer noch ihr Übersong "Angel Witch", den das Publikum bis auf den letzten Mann/die letzte Frau zum Besten gibt. Davor eine ordentliche Performance, und ein Bandgefüge, in dem sich Carcass-Gitarrist Bill Steer ebenfalls sehr wohl fühlt.

Verflucht sei die eigene Kondition. Nach fünf Songs des Sonntags-Headliners, der wohl nicht mehr so schnell wieder auf einer deutschen (europäischen?) Bühne zu sehen sein wird, streiche ich die Segel und bin mir aber trotzdem einer Sache sehr sicher. WARLORD sind eine dieser KIT-Bands, bei denen man eben nicht das Gefühl hat, man müsste "damals dabei gewesen sein". Ihr epischer, hoch gefühlvoller, dennoch kraftvoller Heavy Metal ist einfach zeitlos. Und auch wenn Gitarrist und Federführer William J Tsamis wohl mit dem überwältigenden Zuspruch nicht ganz umgehen kann (der Mann ist fast komplett in sein traumhaftes Saitenspiel vertieft und schaut manchmal einfach nur in die feiernde Meute), so sind es die ultrapräzise, dennoch lebendige Darbietung der gesamten Band, so wie die euphorischen Publikumsreaktionen, die mich erahnen lassen, dass ich zumindest einen Teil eines denkwürdigen Auftrittes gesehen habe. Das Betthupferl aus "Deliver Us From Evil", "Winter Tears", "Child Of The Damned", "Penny For A Poor Man und "Black Mass" (bei dem sogar anwesende Musiker bekannter deutscher Bands auf den Tischen stehen) gibt mir die Gewissheit. Das ist zumindest etwas.

Warlord

Doch nach dem Festival ist vor dem Festival. Veranstalter Oliver Weinsheimer arbeitet ja immer weit im Voraus, um den Gästen vor Ort auch gleich die ersten Bands für das kommende Jahr präsentieren zu können. Und bei dieser Aussicht sind auch die leichten Wetterunzulänglichkeiten der vergangenen Tage vergessen.
See ya at Keep It True 2014!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp