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Festival: WACKEN OPEN AIR - 01.-03.08.2013

Alle Jahre wieder … pilgern (offiziell) 75.00 Zahlende zum größten Heavy Metal-Festival der Welt. Dass es in Wacken schon längst nicht mehr nur um die Musik geht, hat auch die mega-metal.de-Redaktion verstanden. Doch auch in seiner 24. Ausgabe bietet das Festival im hohen Norden ein Programm der Extraklasse, damit man es sich richtig gut gehen lassen kann. Jeder zieht sich die Vorzüge von Wacken heraus, die ihm am besten liegen, egal ob er nun ein verwegener Die Hard Headbanger ist oder lieber an einer der Ballermann-Bespaßungs-Aktionen abseits jeglicher Musik teilnimmt. Dass aber gerade die Band, die vom Stellenwert her dem Mainstream am meisten zugeordnet wird (Rammstein), dem Wacken-Koller ein Schnippchen schlägt, ahnt bis jetzt keiner. Aber der Reihe nach ...

Mittwoch, 31. Juli

Frühes Anreisen wird auch schon für die Presse Pflicht, sonst endet man auch mal schnell bei ein bis zwei Kilometer Fußweg zum Festivalgelände. Da bleibt Zeit, um sich genüsslich das gesamte Gelände anzuschauen. So passiert es, dass ich beim Flanieren durch das Wackinger Village ein paar einladende Töne aus dem Bullhead City Zelt vernehme. Auf der W.E.T. Stage rackern sich gerade die Metal Battle Gewinner aus Uruguay (!) ab - ROTTEN STATE. Das Quartett macht mächtig Alarm und kämpft sich mit seinem straighten, energiegeladenen Thrash/Crossover Meter um Meter vor. Fazit nach 20 Minuten Vollgas - ich habe gerade die Uruguay-Version von S.O.D. gesehen. Nicht schlecht.

Eine der Bands, an der sich hingegen die Geister einmal mehr scheiden, sind sicherlich SANTIANO aus Flensburg. Musikalisch zwischen Shanty Rock und Folk sorgen die fünf Herren vor der Wackinger Stage mit zig tausenden Feierwütigen zu fortgeschrittener Stunde für eine der wohl größten Parties des gesamten Wochenendes - klingt komisch, ist aber so. Gleich mit dem eröffnenden Doppel "Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren" und "Santiano" haben die fünf Freizeit-Seefahrer die Masse fest im Griff und es ist schon erstaunlich, dass nicht nur 16-jährige scheinbar sämtliche Texte auswendig können, sondern auch ununterbrochen Crowdsurfer gen Bühne segeln. Stillstehen unmöglich - jeder tanzt und singt und feiert eine "nicht-Metal-Band". Sowas funktioniert wohl auch nur in Wacken. Als i-Tüpfelchen des 90-minütigen Gigs, gibt's neben klassisch Irischem ("Whiskey In The Jar", "Irish Rover") sogar ein Duett mit Eric Fish und Frau Schmitt (beide Subway To Sally), die den Subway-Hit "Auf Kiel" zum Besten geben. Man mag es kaum zugeben wollen, aber das war eine ganz großartige Show!

(Foto: maz)

Donnerstag, 01. August

Auch der Donnerstag soll für mich mit einer Metal Battle Band beginnen, die mich durch Herkunft und Bandnamen neugierig macht - BEHOLD THE GRAVE aus Mexico. Da denke ich zwar erst mal an Traditionalisten wie Zombiefication, bekomme aber eine eher moderne Variante des Death Metal. Die Mischung ist skurril. Der erste Song klingt, als würde man die härtesten Death Metal Elemente von Mercenary und Soilwork in einen Topf werfen, während der zweite Song mit Überschalltempo und Riffing dem Swedish Death Metal des Gitarristen alle Ehre macht. Song Nr. 3 folgt stilistisch wieder dem ersten und Song Nr. 4 wieder dem zweiten. Und schon ist die Zeit um. Alles überzeugend und frisch dargeboten und für mich ein angenehmer Weckruf.

Unglaublich, dass es wirklich schon zehn Jahre her ist, dass ANNIHILATOR auf einer Wacken Bühne standen. Passend dazu steht Ende August das neue Album "Feast" in den Startlöchern, von dem das saucoole "Smear Campaign" heute als Opener fungiert. Gitarren-Wizard Jeff Waters grinst mal wieder über beide Ohren und darf sich zu Recht freuen, dass seine Mannschaft nun schon länger hält und auf der Bühne eine echte Einheit bildet. Den größten Sprung hat dabei Sänger (und seit einiger Zeit auch zweiter Axtmann) Dave Paddon gemacht. Nicht nur sein Bart, sondern auch seine Stimme ist immer mehr gewachsen. Trotz hoher Temperaturen sorgen Band-Classics wie "King Of The Kill", "Set The World On Fire", "The Fun Palace" und natürlich "Alison Hell", aber auch Überraschendes wie "No Zone" und "Fiasco" für Stimmung und verrenkte Nacken.

Annihilator (Foto: maz)

Was mich zu dem Entschluss kommen lies, mir 9MM im Zelt auf der W.E.T.-Stage anschauen zu wollen, lässt sich im Nachhinein nicht mehr genau klären. War es die Hitze, war es der Alkohol - oder eine Mischung aus beidem? "Assi Rock'n'Roll" in allen Ehren, aber das Gebotene war dann doch irgenwie mehr Assi, als Rock'n'Roll und spätestens beim Dimple Minds-Cover "Durstige Männer" ergreife ich dann doch lieber wieder die Flucht - außerdem sind mir zu viele "komische" Leute hier, mit Onkelz- und G.O.N.D.-Shirts.

Manchmal denke ich, ich werde wirklich älter, was ja auch stimmt. Aber für DEEP PURPLE bin ich - ganz wertfrei - einfach nicht alt genug, wogegen mich viel mehr interessiert, wie sich eine Band wie ALPHA TIGER auf einem Festival wie diesem schlägt. Nun, zeitgleich zu den Altmeistern versammelt sich vor der Headbanger Stage eine nicht unerhebliche Anzahl an Fans, die den Freibergern einen warmen Empfang geben. Und wie schon beim Rock Hard Festival 2012 muss ich abermals feststellen, dass sich das Quintett noch mal gesteigert hat und sich speziell Sänger Stephan zu einem richtig geilen Metal-Fronter mausert, der seine Stimme trotz gefühlten 120% Luftfeuchtigkeit im Zelt perfekt im Griff hat. Die Highlights ihrer beiden Longplayer sorgen für den Rest und man kann getrost behaupten, dass von Alpha Tiger in Zukunft noch verdammt viel zu erwarten ist.

Alpha Tiger (Foto: sw)

Nun, am "A Night To Remember"-Donnerstag verblasst trotzdem alles gegen RAMMSTEIN. Sogar Motörhead und Ministry, die ja in der Vergangenheit die Lautstärke-Rekorde hielten, mussten sich um Längen geschlagen geben. Es war höllisch (HÖLLISCH!) laut und glasklar zugleich - allergrößten Respekt an den Soundmann. Ob Rammstein nun nach Wacken passen, diskutiere ich hier nicht durch. Ob der kurze Gastauftritt von Schlager-Unikum Heino bei "Sonne" wirklich sein musste, auch nicht. Fakt ist, dass Rammstein es geschafft haben, sich in ihren 105 Minuten nicht einen Nanometer weit in das Wacken-Korsett pressen zu lassen. Kein "Wackööön, wie geht's euch?!", kein "Habt ihr alle Spaß?", kein "Habt ihr Bock auf Heavy Metal?". Nur ein sichtlich ergriffenes "Danke schön. Ihr ward ein unglaubliches Publikum. Das war Rammstein." Und das war schon ziemlich persönlich - die Fans wissen das. Rammstein ist perfekt inszeniertes Theater. Mit einer Show, die die Hallen-Elemente so weit wie möglich auf die Open Air-Bühne überträgt, bis auf einen "Stinker" ("Wiener Blut") nur mit waschechten Hits um sich wirft und trotzdem den "die spielen eh nur Playback"-Vorwürfen hier und da gekonnt das Wasser abgräbt. Sei es, dass man "Du riechst so gut" mal eben nicht wie auf CD enden lässt, von "Mein Herz brennt" die Piano-Version bringt oder schlichtweg, wenn Till Lindemann nach dem angespielten "Rammstein" seinen dicken Mittelfinger in die Kamera hält, weil es nur der Auftakt für "Bück dich" ist. Kurzum - Rammstein haben an diesem Abend die Wacken-Bühne zu einer Rammstein-Bühne gemacht und allein für diese beeindruckende Konsequenz erkläre ich sie rein charakterlich zur besten Band des Festivals. Und nur mal so am Rande - Heino ist der bessere Sänger. Gute Nacht.

Rammstein (Foto: sw)

Freitag, 02. August

Für die heutige morgendliche Frühstückssause um 11 Uhr sind NEAERA natürlich bestens geeignet. Die Münsteraner, die wohl wie kaum eine andere deutsche "Core-Band" (wenn man es denn noch so bezeichnen möchte), musikalisch so dicht auf den Spuren von Heaven Shall Burn wandeln, starten trotz einer Stunde Spielzeit (was auf Festivals nun keine Selbstverständlichkeit ist), gleich gnadenlos und höchst energiegeladen durch, als würde es kein morgen geben. "Ours Is The Storm", "Walls Instead Of Bridges", "Armamentarium" - ein Wunder, wer im Publikum bei solch einem Opening-Massaker nicht schon nach Luft schnappen muss. Die Hitze ist jetzt schon kaum erträglich und der massive Sound des Fünfers, wie gewohnt mit einem Hauch Bolt Thrower und einer Prise Black Metal in manchen Vocals, sorgt nun auch nicht gerade für Abkühlung.

Neaera (Foto: maz)

Etwas Abkühlung erhoffe ich mir im Zelt, wo DR. LIVING DEAD die Headbanger's Stage zerlegen - doch weit gefehlt. Stickige, staubige Luft und eine Luftfeuchtigkeit, die einem das Wasser förmlich aus dem Gesicht tropfen lässt. Schön ist das wahrlich nicht, aber zumindest sorgen die Schweden auf der Bühne für beste Laune. Der Crossover Thrash der Stockholmer passt in diesem Moment ganz perfekt zu meiner Stimmung und so freue ich mich neben all den klasse Highspeed-Songs auch über im Midtempo Groovendes wie "Dead End Life" der vier Maskenträger.

POWERWOLF stürmten mit ihrem neuen Album "Preachers Of The Night" just die Pole Position der deutschen Album Charts. Unglaublich und wahr! Kein Wunder, dass der Platz vor der True Metal Stage trotz sengender Hitze voll ist. Und Powerwolf kamen, sahen und siegten auf ganzer Linie. Ein Metal-Hit jagt den Nächsten und auch die noch frischen neuen Songs nisten sich bereits gut im Set ein. Das einzige, was einem diesen metallischen Hochgenuss vermiesen kann, ist die unerträglich heiße Sonne, die ein Stillstehen in der Menge fast unmöglich macht.

Powerwolf (Foto: sw)

Und das wird beim folgenden IHSAHN-Auftritt nicht besser. Nachdem der kühle Nordkopf 2010 in meiner "muss ich sehen"-Liste gegen Slayer verlor, habe ich dieses Jahr freie Bahn … und freie Sicht, denn an einem Freitag um 16 Uhr war es noch nie so leer vor der Black Stage. Bei den zeitgleich auf der Party Stage rockenden UGLY KID JOE sind mehr als doppelt so viele Zuschauer. Fehlplanung zur Freude der Die Hard Fans, die Ihsahn und seine Band (die Modern Progger von Leprous in Gänze) an den Lippen hängen und ihre Matten teils schon hypnotisch kreisen lassen. Musikalität auf allerhöchstem Niveau, zu Spitzenzeiten mit 30 Saiten auf der Bühne und teils 4-stimmigen Vocals. Das hochatmosphärische "Unhealer" versüßt für einen Moment die Wüstenhitze.

Ihsahn (Foto: sw)

Meine geplante große Bandpause unterbreche ich dann doch noch mal, um kurz bei AGNOSTIC FRONT reinzuschauen. Das Hardcore-Original um Fronter Roger Miret geht mit offensichtlichem Spaß zu Werke und gefällt mir am besten, wenn das Gaspedal gut durchgedrückt wird. Hier kann man die Basis dessen, worauf sich heutige Bands wie z.B. Hatebreed berufen, richtig gut hören und bekommt zum Abschluss noch den "Blitzkrieg Bop" von den Ramones geliefert.

Selten war der Gang ins große Zelt so beschwerlich, wie an diesem Wochenende. Meine geplanten vier Bands am Stück, habe ich heute hitzebedingt bereits auf zwei gekürzt. Natürlich sind LEGION OF THE DAMNED meinen Rotstift nicht zum Opfer gefallen. Man darf sich zwar fragen, warum die Niederländer im überfüllten Zelt spielen (müssen), während Ihsahn Stunden zuvor auf der Black Stage eher wenige Zuschauer anlocken konnte, aber das sind Entscheidungen, die ich zum Glück nicht treffen muss. Wer die sympathischen Niederländer kennt, der weiß, dass in 45 Minuten ein wahres Thrash/Death-Hitfeuerwerk abgebrannt wird, bei dem man alleine schon beim Mitwippen von reinsten Schweißausbrüchen geplagt wird. "Malevolent Rapture", "Legion Of The Damned", "Sons Of The Jackal" - Zeltbühne erfolgreich abgerissen - danke.
Zum Glück gibt's im Zelt zwei Bühnen nebeneinander und direkt im Anschluss "flüchten" die langhaarigen Thrasher nach draußen und das kurzhaarige Publikum mit meist bunten Shirts drängt sich vor die W.E.T.-Stage und feiert die brachial derben Klänge von WHITECHAPEL. Der US-Sechser (mit drei Gitarristen!) hat sich stilistisch in den letzten Jahren durchaus etwas gewandelt, so dass es nicht mehr ganz so einfach ist, eine passende Schublade für die Band zu finden. Ist das noch Deathcore oder schon moderner Death Metal? Und selbst ein paar Deathgrind-Einflüsse der Anfangstage kann man noch vernehmen. Auf jeden Fall höchst derber und kranker "Shit" mit teils ultramassivem Trigger mitten in den Magen und Fronter Phil Bozeman (was für ein Organ!) punktet mit "R.I.P. Mitch Lucker"-Shirt.

(Foto: sw)

Auf dem Weg zum großen Zelt lasse ich mich von altbekannten und immer noch treffsicheren MOTÖRHEAD-Gassenhauern wie "Damage Case", "Stay Clean" und "Metropolis" begleiten und wundere mich kurz vor Betreten noch, warum so früh ein ausgedehntes Phil Campbell-Solo ansteht. Erst später erfahre ich vom Set-Abbruch des eigentlich doch unverwüstlichen Rock-Dinos. Doch die Hitze geht auch an einem Lemmy nicht mehr vorbei. Gott sei Dank geht es ihm schon wieder gut und die Metalwelt hofft, dass uns diese Einzigartigkeit in Person noch lange erhalten bleibt!

Nun also das Zelt, von dem ich dachte, es würde abends um halb zehn etwas Erfrischung bieten. Denkste. Zumindest ist es nicht gerade voll, als die norwegischen Avantgarde Progger von LEPROUS vor ihren eingefleischten Fans aufwarten. Und trotz Doppelbelastung (früher am Tag als Band mit Ihsahn) bekommen diese Fans die absolute Vollbedienung in Form der Highlights der letzten beiden Alben "Coal" (2013) und "Bilateral" (2011). Die aus meiner Sicht immer noch blutjunge Band agiert so dermaßen präzise, entschlossen und selbstbewusst erwachsen, dass mir die Spucke wegbleibt. Und sie schlägt musikalisch einen perfekten Bogen zwischen fast schon massenkompatiblem Stoff wie "The Cloak" und dem fies sperrigen Ende von "Contaminate Me", mit dem sie so manchen ANVIL-Fan verstören, der "seine" Band direkt im Anschluss sehen möchte. Die schenke ich mir heute, denn nach diesem Prog-Wunderwerk ist alles zu banal.

Leprous (Foto: sw)

Den heutigen Tag bereits um 23 Uhr musikalisch ausklingen zu lassen, macht irgendwie wenig Sinn und da der leichte Wind mittlerweile für angenehme Erfrischung sorgt, schaue ich dann doch mal bei DORO vorbei - immerhin der heutige Headliner und mit einem speziellen "30th Anniversary"-Set. Zwischen typischen Warlock- und Doro-Klassikern der Metal-Queen ("I Rule The Ruins", "We Are The Metalheads", "Für immer"), finden sich diverse Gäste und Gratulanten auf der Bühne ein, so auch (mal wieder) Subway To Sally's Eric Fish, der zusammen mit Doro den "Metal Tango" singt - und später sogar auch tanzt. Motörhead-Gitarrist Phil Campbell unterstützt das Judas Priest-Cover "Breaking The Law", der Gassenhauer "All We Are" wird natürlich bis zum Erbrechen (sorry) exerziert und zum Abschluss komme nicht nur ich (als alter Warlock-Fan) noch in den Genuss von "Earthshaker Rock". Eine zweifelsfrei würdige Headlinershow - wenn Frau Pesch zukünftig nur weniger reden würde.

Mir war eigentlich klar, dass ASP ihren Überhit "Ich will brennen" nicht gleich zu Beginn spielen werden. Das wäre zwar ganz in meinem Interesse gewesen, aber 75 Minuten deutscher Dark/Gothic/Elektro Rock sind mir dann doch etwas zu viel. Trotz spezieller Releaseshow zum neuen Album "Maskenhaft" verabschiede ich mich nach einer Weile und solchen Songs wie "Kokon" dann doch vorzeitig in die Nacht.

Samstag, 03. August

Was am Freitag Neaera waren, sind heute CALLEJON - Katerfrühstück mittags um 12 Uhr in jetzt schon wieder sengender Hitze. Als kleinen Seitenhieb in Richtung Heino's gesanglicher Unterstützung bei Rammstein's "Sonne" witzelt Fronter Bastian Sobtzick: "Wir haben zwar keinen Heino dabei, aber dafür ein paar schwule Mädchen!" - und es folgt eben "Schwule Mädchen", eine Coverversion von Fettes Brot. Bei 60 Minuten Spielzeit darf man ruhig auch noch eine zweite Coverversion spielen, vor allem, wenn man erstens kürzlich ein komplettes Coveralbum veröffentlicht hat und es sich zweitens auch noch um einen der meiner Meinung nach besten deutschen Rocksongs handelt: "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) - perfekt zum Mitsingen und das Statement dahinter ist ohnehin mehr als löblich. Doch natürlich hat der Metalcore-Fünfer aus dem Ruhrpott auch genug überzeugendes eigenes Material dabei: "Blitzkreuz", "Zombiefied", "Kind im Nebel" oder auch "Sommer, Sonne, Kokain" ... wobei ich von Sommer und Sonne so langsam dann aber auch wirklich genug habe.

Callejon (Foto: maz)

RUNE heißen mittlerweile RUN LIBERTY RUN und die Castingshow "X-Factor" ist nicht ganz so peinlich wie "DSDS" - oder so ähnlich. Trotzdem stoßen die Karlsruher auf der W.E.T.-Stage im Zelt so manchem Besucher wohl etwas sauer auf. Ein im Publikum hochgehaltenes Schild mit der Aufschrift "F*ckt euch!" spricht da wohl Bände. Trotzdem haben die vier jungen Herren in ihren strahlend weißen Outfits so einige Fans, auch wenn es im Zelt insgesamt recht überschaubar ist und nur direkt vor der Bühne vielleicht 200 Leute wirklich feiern. Was gibt es zur Band selber zu sagen? Sänger "Schep" hat sich im Vergleich zu o.g. Castingshow stimmlich enorm entwickelt - technisch, spielerisch und auch in Sachen Show ist eigentlich alles anstandslos, aber wenn eine Band rein stilistisch nicht auf eine Wacken-Bühne passt, dann wohl Run Liberty Run. Mit Coverversionen von Mando Diao ("Dance With Somebody") oder sogar David Guetta (!) reißt man in Verbindung mit Dubstep-Elementen hier nun wirklich nicht sonderlich viel - auch wenn dieser zweifelsfrei sehr rockige Mix in Verbindung mit ein paar "Core-Growls" an anderer Stelle vermutlich bestens funktioniert.

DIE APOKALYPTISCHEN REITER sind natürlich immer für eine Party gut und auch jederzeit dafür zu haben. Auf der großen True Metal Stage funktioniert die Truppe allerbestens und "Die Sonne scheint" ("… mir aus dem Arsch!") dachte ich irgendwie auch gerade. Zum Glück tauchen am Himmel ein paar Wolken auf, die sich immer wieder mal vor die Sonne schieben - doch der "Reitermania" dürfte das Wetter ohnehin reichlich egal sein.

Ich hatte mich zwar ohnehin auf LAMB OF GOD gefreut, die heute tatsächlich zum allerersten Mal den Weg nach Wacken gefunden haben, aber was die Truppe aus Richmond/Virginia im Folgenden bietet, stellt alles andere an diesem Wochenende wirklich in den Schatten (okay, bis auf Rammstein, aber das ist eh eine ganz andere Liga). Brachialster Death/Thrash/Groove Metal genau auf den Punkt und auch völlig zu Recht einer der Vorreiter der modernen NWOAHM. Randy Blythe ist die reinste Frontsau und wirbelt über die Bühne, die Gitarrenfraktion Adler/Morton rifft sich mehr als eindrucksvoll durch Granaten der Sorte "Walk With Me In Hell" oder "Set To Fail", während Drums und Bass für massiven Druck sorgen und nicht nur das ältere "Ruin" schön mitten im Magen platzieren. Ich hätte mir diese Gala-Vorstellung noch stundenlang weiter anschauen können, doch der mitterweile dunkelgraue Himmel lässt bereits verdächtig dicke Tropfen fallen und das heißt in Wacken bekanntlich nichts Gutes. Ich erreiche mit meiner Kameraausrüstung in letzter Minute das Pressezelt, bevor der 30-minütige Platzregen das Gelände - wieder einmal - in eine See- und Schlammwüste verwandelt. Verdammt ärgerlich wegen Lamb Of God.

Lamb Of God (Foto: maz)

Bei DEVILDRIVER fühle ich mich spontan an den Paradise Lost-Auftritt vom letzten Jahr ebenfalls auf der Party Stage erinnert. Der Regen sorgte für eine Seenplatte, nur vorne links (direkt an der Absperrung) ist noch ein vernünftiges Stehen möglich und der Sound ist so ausgerichtet und so leise, dass man von dort eigentlich gar nichts Annehmbares vernehmen kann. Der Opener "End Of The Line" ist somit fast nur durch die Worte im Chorus erkennbar und alles andere geht im Bass-Sumpf unter. Die Ankündigung von Frontmann Dez Farfara und seiner hochagilen Truppe, jetzt einen neuen Song vom kommenden Album "Winter Kills" zu bringen, sorgt für Unbehagen - mehr als einen knackigen Groove habe ich nicht gehört. Und entfernt man sich ein paar Meter aus seiner Ecke, donnert schon der Black Stage-Sound über das gesamte Terrain. Ja ja, Party Stage ist nicht so wichtig.

Auf besagter Black Stage zieht derweil Glenn DANZIG seine Runden und macht seinem Ruf als nicht wirklich guter Sänger und recht arroganter Frontmann nicht alle, aber viel Ehre. "Dirty Black Summer" und "Mother" bilden natürlich die Höhepunkte des Solo-Sets, doch ist klar, dass alle Anwesenden auf den Misfits-Set mit Danzig's ex-Kollegen Doyle "Wolfgang von Frankenstein" an der Gitarre warten. Dieser stapft auch postwendend auf die Bühne (augenscheinlich fitter als Glenn) und spielt eine ganze Reihe alter Klassiker wie "I Turn Into A Martian", "Skulls", "Vampira", "Death Comes Ripping" und natürlich "Die, Die My Darling" und das Metallica-Cover (hüstel …) "Last Caress". Ganz ehrlich - ist schon cool, die alten Punk-Gassenhauer live zu hören. Auffälliger ist aber viel mehr, dass sich Danzig und Doyle während der ganzen Zeit nicht eines einzigen Blickes würdigen und die Frage im Raum bleibt, warum Doyle nach jedem (!) Song die Gitarre wechseln muss.

(Foto: sw)

Was danach folgt, ist mal wieder hochkarätiges Standard-Programm, vielfach bekannt von den W:O:A-Bühnen und bereits mehrfach gesichtet, so dass die Heimreise um 20 Uhr auch mal was Feines ist. Speziell TRIVIUM, ALICE COOPER und NIGHTWISH (endlich wieder mit vernünftiger Sängerin) werden zum Abschluss des diesjährigen Festivals sicherlich nochmals alles gegeben haben, aber das Risiko, bei der Abfahrt mit dem Auto im Schlamm stecken zu bleiben oder auch nur der Gedanke daran, jetzt noch die Gummistiefel auspacken zu müssen, lassen eine vorzeitige Rückreise nach diesem heißen und äußerst kräftezehrenden Wochenende als durchaus sinnvoll erscheinen.

DANKE Wacken 2013 - wir blicken jetzt schon gespannt in Richtung 25. Jubiläum im nächsten Jahr. Scheinbar sind wir nicht die einzigen, die mit einem besonderen Geburtstags Line Up rechnen, denn nach weniger als 48 Stunden waren bereits alle 75.000 Tickets für 2014 verkauft - so schnell, wie noch nie!


Texte:
Siegfried Wehkamp - Einleitung, Rotten State, Behold The Grave, Annihilator, Alpha Tiger, Rammstein, Powerwolf, Ihsahn, Agnostic Front, Motörhead, Leprous, DevilDriver, Danzig

Marco Zimmer - Santiano, 9MM, Neaera, Dr. Living Dead, Legion Of The Damned, Whitechapel, Doro, ASP, Callejon, Run Liberty Run, Die Apokalyptischen Reiter, Lamb Of God, Schlusswort