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Festival: DEICHBRAND - 17.-20.07.2014 - Nordholz

Was für eine Erfolgsgeschichte und was für ein Jubiläum. 10 Jahre Deichbrand - Rockfestival am Meer. Was 2005 mit 500 Besuchern begann, hat sich mittlerweile zu einem der wichtigsten und größten Festivals in Deutschland gemausert. In diesem Jahr ist das Deichbrand zum vierten Mal in Folge ausverkauft. 40.000 Besucher feiern in brütender Hitze in Nordholz bei Cuxhaven vier Tage lang eine der größten Parties des Sommers.

(Foto: Hinrich Carstensen)

Donnerstag, 17. Juli

Am ersten Tag bleibt das Festivalgelände wie gewohnt geschlossen und es gilt vorrangig, Zelte, Pavillons, Wohnmobile usw. für das lange Wochenende aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Nur die Zeltbühne im riesigen Palastzelt wird heute geöffnet und bietet bereits Live-Bands durchgehend von 17 Uhr bis 4 Uhr nachts - was natürlich niemand am Stück durchsteht.
Ich starte in das Festivalwochenende mit RADIO HAVANNA, einer Punkrock-Band aus der Hauptstadt, die neben ihrer energiegeladenen Musik auch mit starken Messages punkten kann: "Ihr macht es möglich, dass Sexismus, Rassismus und Homophobie hier keinen Platz haben!", heißt es von Sänger Fichte, während kurz darauf eine "Kein Bock auf Nazis"-Fahne geschwenkt wird. Zustimmendes Nicken und Applaus sind der Band sicher.
Im Anschluss bin ich am rätseln, ob THE INTERSPHERE wohl aus den USA oder doch eher aus UK kommen. Erst hinterher stellt sich heraus: Die Truppe kommt aus Mannheim. Erstaunlich, wie erfrischend "undeutsch" ihr leicht progressiver Rock/Alternative-Mix klingt. Die Koblenzer Indie-Rocker BLACKMAIL müssen leider damit leben (und können das sicherlich auch ganz wunderbar), dass ich sie seit dem Ausstieg von Sänger Aydo Abay im Jahre 2008 fast gänzlich aus den Augen verloren habe. Ich freue mich zwar noch über den einen oder anderen alten Song, aber vieles von den neueren Sachen ist halt "nicht mehr so meins".
Gespannt war ich hingegen auf FAUN. Auch wenn ihr letztjähriges Durchbruchalbum "Von den Elben" von vielen Fans als zu kommerziell verschrien ist - ich mag es wohl. Live kann mich das Gebotene zwar auch weitestgehend überzeugen, aber ich hatte dann doch irgendwie etwas mehr erwartet. Für meinen Geschmack etwas zu viel Show und die beiden Hits des Albums ("Mit dem Wind" und "Tanz mit mir") werden gar nicht erst gespielt. Merkwürdig - ebenso, wie die Musik während der Umbaupausen. "Atemlos" von Helene Fischer (wird mich die nächsten Tage noch ganz massiv begleiten) und "Scheiss drauf, Malle ist nur einmal im Jahr" von Peter Wackel!? Da muss man entweder sehr tolerant oder eben sehr betrunken sein. Letzteres ist eine gute Voraussetzung für DIE APOKALYPTISCHEN REITER, die ihre bewährte und bekannte Show mit einem nicht immer ganz ernsten Mix aus deutschem Metal, Rock und Folk ins Publikum feuern und meine langsam einsetzende Aufbruchstimmung in Richtung Shuttlebus (ich habe mir dieses Jahr eine Ferienwohnung in Cuxhaven gegönnt) mit ihrem Überhit "Friede sei mit Dir" begleiten. Schade um CALIBAN, aber fast fünf Stunden nonstop Bands müssen für heute einfach reichen.

(Foto: Hinrich Carstensen)

Freitag, 18. Juli

Schon am späten Vormittag ist die Hitze in der Sonne kaum noch auszuhalten. Das wird ein "warmer" Tag, der für mich gegen 15 Uhr mit WIRTZ beginnt, dem ehemaligen Sänger der Band Sub7even. Saucooler Rock, eine amtliche Wall Of Death und geniale Songs wie "Kamikaze" oder "L.M.A.A." lassen die ganzen letzten Akustik-und Unplugged-Scheiben (drei an der Zahl) schnell vergessen. Als richtiger Rocker gefällt mir Wirtz schlicht und einfach besser.
SUBWAY TO SALLY gehören eher zufällig zu den Bands, die ich mit am häufigsten live gesehen habe, weil sie gefühlt auf praktisch allen Festivals - egal ob Rock, Metal oder Gothic - spielen. Heute gibt's wie immer eine routinierte und wenig spektakuläre Show. "Wenn Engel hassen", viel neues Material und gegen Ende den "Veitstanz". Dem Publikum gefällt's, ich habe nach dem mittlerweile 20. Mal dann aber auch langsam genug.
Der Grund, warum ich zu KAFKAS ins Zelt gehe, liegt vor allem am dortigen Schatten, auch wenn Temperatur und Luft kaum auszuhalten sind. Das Publikum scheint trotzdem mächtig in Feierlaune zu sein, denn nachdem eine Polonäse durch's Zelt zieht, gibt's dann bei Nena's "Nur geträumt" (wird ja gerne mal "ver-punk-rockt") kein Halten mehr. Danach wieder ein Abstecher nach draußen. Das Gelände ist mittlerweile arg voll geworden, was nicht zuletzt auch am Panda-Rapper CRO liegt. Schon erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich gerade deutscher Hip Hop in den letzten Jahren auf Rockfestivals etabliert hat. Und zugegeben, "Einmal um die Welt" ist auch einfach genial. Im Zelt wütet derweil ein Punkrock Doppelpack mit MASSENDEFEKT und im Anschluss TURBOSTAAT, während auf einer der beiden großen Open Air Bühnen mit den BROILERS sicherlich das erste dicke Highlight auf dem Programm steht. Und das Publikum frisst dem Düsseldorfer Fünfer bedingungslos aus der Hand. Angefangen als Oi/Punk/Rockabilly/Ska-Band, ist man spätestens mit dem aktuellen (Nr. 1-)Album "Noir" endgültig im Rock angekommen, was nicht zuletzt ein Hit wie "Ist da jemand" beweist. An Hits mangelt es der Band ohnehin nicht und abgefeiert wird bei glücklicherweise langsam sinkenden Temperaturen ohnehin alles, besonders Titel wie "Harter Weg" und vor allem "Tanzt Du noch einmal mit mir". Klasse!
Zeit für den heutigen Co-Headliner, auch wenn die seit mehr als zehn Jahren bereits aktiven britischen Indie-Rocker MAXIMO PARK irgendwie immer so ein bisschen an mir vorbei gegangen waren. Ihrer heutigen Rolle wird das Quintett jedenfalls zweifelsfrei gerecht und ich kann zumindest behaupten, den Hit "Apply Some Pressure" vom Debütalbum zu kennen, der gegen Ende des einstündigen Sets nochmal alle Kräfte im Publikum mobilisiert. Eigentlich sollte man seine Kräfte allerdings etwas einteilen, denn der heutige Headliner BIFFY CLYRO verlangt in knapp 90 Minuten nochmals alles ab. Ich stelle hingegen fest: Ein Hotel- oder Pensionszimmer zu haben, ist zwar eine feine Sache, aber man "vermisst" doch irgendwie sein Auto bzw. einen Pavillon zum zwischenzeitlichen herunterchillen. Ich bin nun jedenfalls seit bald neun Stunden ununterbrochen auf Gelände und stehend k.o. - also: Feierabend für heute. Die Rapper von K.I.Z. werden den heutigen Tag um 01.45 Uhr auf den Open Air Bühnen schließen - im Palastzelt geht's sogar noch bis 4 Uhr weiter.

Samstag, 19. Juli

Eine Band wie RUSSKAJA (die übrigens gar nicht aus Russland kommen, sondern aus Österreich) werde ich nie verstehen - noch viel weniger, wie man deren kruden Polka-Ska-Schlager-Rock-Mix gut finden kann. Eine Hand voll Fans feiert den heutigen Opener ab, für mich ist das mal so gar nichts.
Dann doch lieber CALLEJON. Mit ihren Metalcore-Krachern wie dem Opener "Sommer, Liebe, Kokain" oder auch "Blitzkreuz", sowie den beiden obligatorischen Coverversionen "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) und "Schwule Mädchen" (Fettes Brot) haben die Kids mächtig was im Pit zu feiern, was im Anschluss IRIE RÉVOLTÉS ausnutzen und auch für ganz gute Stimmung sorgen, auch wenn ich die Heidelberger Band nur zufällig am Rande mitbekomme, denn Reggae, Dancehall, Hip Hop, Ska und Punk ist nun nicht gerade meine bevorzugte Kombination. Hatte ich gestern noch mit den tropischen Temperaturen und der unbarmherzigen Sonne zu kämpfen, stelle ich heute fest: es geht sogar noch heißer! In der prallen Mittagshitze lässt es sich kaum aushalten, da kommt der angenehme Wind von der Nordsee wie gerufen, bringt aber auch jede Menge Staub und Sand mit. Schön ist das nicht. Was ebenfalls nicht "schön" ist: MILLENCOLIN, bzw. deren Bühnentechniker, sind nicht in der Lage, die Bühne in den vorgesehenen 70 Minuten (!) umzubauen, sondern überziehen noch um weitere fast 20 Minuten. Für sowas habe ich leider kein Verständnis. Zumindest entschädigt der Skatepunk/Punk Rock des schwedischen Vierers für die lange Wartezeit. Ich habe in der Zwischenzeit eher das Problem, dass mich der Betreiber des Riesenrades, das direkt neben dem VIP/Presse-Turm steht, mit "Atemlos"-Dauerrotation nervt. Mir war gar nicht bewusst, wie viele verschiedene Versionen es von diesem Helene Fischer-Hit gibt. Jedenfalls kenne ich sie nun alle ...

Zeit, um mal ein bisschen ausführlicher über das Gelände zu ziehen. Neben dem bereits erwähnten Riesenrad, findet man auf dem Areal diverse Hochstände von Zigaretten- und Getränkemarken, die einen schönen Überblick über das Gelände bieten. Aufgeschüttete Sandflächen und -hügel laden zum Chillen ein - wer sich lieber körperlich betätigen möchte, dem steht ein Beachvolleyball-Feld zur Verfügung. Die kulinarische Seite hält für jeden Geschmack etwas bereit. Von den Klassikern - Pizza, Chinanudeln, Döner, holländische Pommes und Schwenkgrill - darf sich der geneigte Feinschmecker auch über Truthahn und Fischbrötchen, sowie das mittlerweile berühmte Handbrot und natürlich vegane Leckereien wie z.B. Falafel freuen. Und auch in flüssiger Form gibt's auf dem Gelände alles, was das Herz bzw. der Magen begehrt - bis hin zu Milchshakes und Cocktails.
Da man gar nicht so schnell trinken kann, wie man schwitzt, bin ich für die kühlen gratis Getränke im Pressebereich extrem dankbar - sowas kenne ich sonst nur von Rock am Ring.

Doch zurück zur Musik. JUPITER JONES mit neuem Sänger, also ohne Nicholas Müller, der nach zwölf Jahren die Band verlassen - kann das funktionieren? Erstaunlicherweise lautet die Antwort definitiv ja. Sven Lauer, ganz frisch am Mikro, macht seine Sache ausgesprochen gut und souverän und lässt zu keinem Zeitpunkt den Gedanken aufkommen, also würde hier irgendetwas (oder -jemand) fehlen. Wenn man außerdem den Fehler vermeidet, die Band aus der Eifel nur auf ihren (zugegeben) schnulzigen Radio-Überhit "Still" zu reduzieren, dann bekommt man heute eine absolut amtliche Indie-Punk-Rock-Packung serviert. Ich bin zumindest sehr positiv überrascht.
Die Überraschungen halten sich bei IN EXTREMO hingegen in Grenzen. Eine der wohl besten deutschsprachigen Livebands lässt natürlich rein gar nichts anbrennen - außer vielleicht der Bühne, die nicht nur "Fire Stage" heißt, sondern auch noch ordentlich Pyro und Feuer in dem Himmel schießt. Beginnend mit "Mein rasend Herz", weiter mit "Horizont" und "Liam", zwischenzeitlich holt sich Sänger Michael Rhein erst mal eine erfrischende Dusche aus dem Feuerwehrschlauch der Security ab, und schließlich ist die "Rammstein light"-Show nach einer Stunde mit "Frei zu sein" und "Küss mich" zu Ende.
Eher zufällig bekomme ich (leider) noch einiges von KATZENJAMMER mit, einer norwegischen und rein weiblichen Folk-Rock Band. Mein erster Gedanke war, "eine der wenigen Bands, die wirklich so klingen, wie sie heißen". Ganz ehrlich Leute, ist das noch Folk-Rock oder schon Trash? Alleine das Genesis-Cover "Land Of Confusion" ist unterirdisch. Zum Glück naht Rettung in Form von HEAVEN SHALL BURN, die bei immer noch 30°C (um 19.30 Uhr) für den reinsten Abriss sorgen. Ohne das jetzt abwertend zu meinen, aber wie auf einem "Studenten-Rock-Festival" zu erwarten, ist das hier Vorgetragene für "Otto Normale-Ohren" drei Stufen zu heftig. "The Omen" pflügt sich über das Gelände, vor der Bühne wird heftigst gefeiert, während so einige Leute förmlich "erschrocken" weiterziehen. Herrlich! "Die Stürme rufen dich" und "Black Tears" (Hit!) landen ganz tief im Magen und trotz der Hitze sorgt das Intro "Awoken" für die absolute Gänsehaut, bevor das folgende "Endzeit" die noch letzten "Überlebenden" ins Jenseits befördert. Einmal mehr ein großartiger Auftritt - der auch meine letzten Reserven gefordert hat und mich zum heutigen Ende kommen lässt.
Ich bin mir sicher, dass die beiden heutigen Headliner MARTERIA und JAN DELAY nochmal alles aus dem Publikum herausholen werden und PAUL KALKBRENNER (mit 105 Minuten der längste Gig des Wochenendes) in der Nacht mit seinen elektronischen Klängen für einen würdigen Tagesabschluss sorgen wird.

(Foto: Hinrich Carstensen)

Sonntag, 20. Juli

Der letzte Festivaltag. Ich bin schon überpünktlich auf dem Gelände, da ich ohnehin am späten Vormittag meine Ferienwohnung räumen musste. Also lasse ich mich einfach mal überraschen, was der heutige Opener DAS PACK so zu bieten hat. Beim Hamburger Duo steht wohl weniger die (Rock-)Musik, sondern eher der Spaß im Vordergrund. Songtitel wie "Du bist eine Nutte" oder "Heavy Metal Kind" (das - Zitat - extra für Slayer geschrieben wurde) unterstreichen dies nachhaltig. Spaßig ist es schon, vor allem so manche Ansage ("Das nächste Lied ist Acapella. Das ist entgegen vieler Meinungen übrigens keine Gefängnisinsel."), aber Das Pack ist dann wohl doch eher als musikalischer Comedyact zu verstehen. Ganz anders natürlich BOY HITS CAR. Die kalifornischen Alternative Rocker können bereits zur frühen Mittagszeit so einige Besucher vor die Bühne ziehen, während ich, begleitet von den Klängen, eine letzte Runde über das Gelände drehe.
Die Schmuserocker REVOLVERHELD haben es korrekt erfasst. Zitat von Sänger Johannes Strate: "Ich kenne kein Festival, das so krass gewachsen ist!". Recht hat er. 2006 - als die Hamburger das erste Mal hier gespielt haben, war mit 4.000 Besuchern genau ein Zehntel der heutigen Besucher anwesend. In der folgenden Stunde wird, wie erwartet, "soft gerockt" oder auch mal nur geschnulzt. Bei der Ballade "Ich lass für Dich das Licht" küsst sich sogar ein Security-Pärchen im Fotograben (groß auf die LED-Leinwand übertragen) und Johannes Strate meint nur, "das ist ja wie in Woodstock!". Zumindest fast. Das abschließende "Freunde bleiben" mit Miley Cyrus' "Wrecking Ball" zu beginnen und mit Meat Loaf's "I'd Do Anything For Love" zu beenden, ist jedenfalls eine nette Idee.
Schluss mit Kuschelrock ist dann im Anschluss bei SICK OF IT ALL. Die New Yorker sind zwar nun vielleicht nicht gerade meine liebste Hardcore/Punk-Band, aber nach dem schunkeligen Weichspüler von gerade eben, ist der nun folgende Schleuergang das perfekte Kontrastprogramm. Alleine solch ein Kracher wie "Good Lookin' Out" zieht im Publikum so manchen Scheitel neu.
Dass die GUANO APES wohl lieber neuere Songs spielen und scheinbar nicht mehr allzu viel "Lust" auf ihre alten Hits haben, wird eigentlich immer und überall deutlich betont. Schade eigentlich. "Lords Of The Boards" ist halt ein Überhit und "Open Your Eyes" hat für die Band den Weg ihres Erfolges erst geebnet - auch wenn Sängerin Sandra Nasic meint, dass sie diesen Songs "wohl auch noch in hundert Jahren singen wird". Schlimm wäre es jedenfalls nicht, aber der Vierer hat heute auch noch genug Zeit, neuere Sachen vom Comebackalbum "Bel Air" und dem ganz neuen Werk "Offline" zu spielen.
Das "Problem" bei Festivals, die am Sonntag bis spät in die Nacht gehen, ist die Tatsache, dass man mindestens bis einschließlich Montag Urlaub haben sollte. Auf dieses Privileg muss ich leider verzichten - ich muss um 7 Uhr bereits wieder arbeiten, also schließe ich mein diesjähriges Deichbrand Festival an dieser Stelle. Es folgen u.a. noch die Schweden THE HIVES und der heutige Headliner THE PRODIGY, der garantiert nochmals die allerletzten Reserven vom Publikum einfordern wird.

Danke Deichbrand 2014 - wir sehen uns im nächsten Jahr!

Text & Fotos (wenn nicht anders angegeben): Marco Zimmer