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Festival: KEEP IT TRUE XVII - 25.-26.04.2014

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


Warum freue ich mich denn nun jedes wieder auf das Keep It True Festival?! Weil die Atmosphäre einmalig ist, weil alles so herrlich entspannt ist. Weil man morgens erst mal zum Bäcker oder Supermarkt schlendern kann, ohne dabei etliche Kilometer zurückzulegen. Tja, und weil Veranstalter Oliver Weinsheimer es immer wieder schafft, mit Bands zu beeindrucken, die ich a) gar nicht kenne, b) nur vom Namen her kenne, c) noch nie gesehen habe, obwohl ich sie kenne und d) die man einfach sehen muss, weil sie sonst nirgendwo spielen. Dafür 600 Kilometer fahren? Aber hallo! We're talking Metal here - welcome to Keep It True 2014!

Freitag, 25. April

Wie punktet man als Keep It True-Opener? Man ist jung, heiß, hungrig und knattert sich mit enormer Spielfreude durch einen Set, der alles hat, was der KIT-Gänger hören will. Classic Metal, Speed Metal, NWOBHM, die Mischung ist nicht neu, dafür aber effektiv. Zumal mir die Vocals zwischen den Eckpfeilern "latenter Sleaze" und "melodischer Thrash" auch verdammt gut gefallen. "Canadian Steel" und das Rock Goddess-Cover "Heavy Metal Rock 'n Roll" (beide von der aktuellen "Mounting The World"-EP) machen nochmals klar, dass STALLION in Sachen Voll-Tradition derzeit ein ganz heißer einheimischer Tipp sind.

Stallion

Auch ein Programmheft kann etwas in die Irre führen. "Auch sie gelten als Nachwuchshoffnung, die vor Energie und Spielfreude nur so platzen.", "… starke Gitarrensoli, Sirenen-Screams und schrille Outfits …" - das klingt alles nach der Band, die ich gerade erst gesehen habe. Entsprechend komme ich einen Moment später zu RANGER und werde mit Nackenschlägen bestraft. Meine Fresse, die Finnen legen ein Tempo vor, dass mein Herz Purzelbäume schlägt. Hier kreuzen sich mal Maiden mit "Kill 'Em All" und dem Speed/Thrash der Achtziger. Das macht Laune, das motiviert den Nacken, das will supportet werden. Die "Knights Of Darkness"-EP vom letzten Jahr im schicken blauen Vinyl gehört am nächsten Tag mir. Danke!

Ranger

Die Briten von DEEP MACHINE feiern heute die Veröffentlichung ihres Debüts "Rise Of The Machine", dabei datiert man den Beginn der Band ja auf 1979. Den Rest der Geschichte bitte in unserem Review zur CD nachlesen … ich fand sie auf Konserve nicht schlecht und möchte zumindest ein Ohr/Auge riskieren. Ein NWOBHM-Urgestein aus den tiefen Katakomben, welches einen coolen, kraftvollen, aber nicht wirklich essentiellen Gig darbietet. Am meisten gefällt mir sogar Sänger Lenny Baxter, der mit seiner schlaksigen, lässigen Art, einem gewissen Rob Halford nicht unähnlich ist und vor "Hell Forest" spontan die berühmte "Breaking the WHAT???"-Ansage bringt und dabei so geil nach Halford klingt, dass sich alle erst mal kräftig einen schmunzeln.

Texas Metal klingt irgendwie immer eine Nuance anders. Helstar, Rigor Mortis, Militia, ihr wisst schon. KARION gelten als Mitbegründer dieser Szene und haben mit Sänger Chris Cronk und Gitarrist Art Villareal auch noch zwei ex-S.A. Slayer-Mitglieder in den Reihen, so dass neben Songs ihrer 2012er "Iron Shadows"-EP auch noch ein paar S.A. Slayer Songs wie "Prepare To Die" den Set bereichern. Wehrmutstropfen eines stark nach vorne gehenden Gigs: Durch die fehlende zweite Gitarre fehlt den Solopassagen einfach der Druck und das gute Wetter hält noch viele Fans aus der Halle raus. Aus Selbiger entferne ich mich nun auch gen Mittagessen, da die folgenden BATTLEAXE mit ihrer CD "Heavy Metal Sanctuary" bei mir keinen Blumentopf gewinnen konnten.

So mancher Death Metal Fan hat sich bestimmt gewundert, als der Name HEXX auf dem KIT XVII-Flyer auftauchte. Und so mancher US Metal Fanatiker hat sich mehr als gewundert, als Hexx anno 1991 mit "Morbid Reality" gen Todesblei abwanderten. Ich wunder mich eigentlich nur, dass ich trotz Unwissenheit über die beiden ersten Alben "No Escape" (1984) und "Under The Spell" (1986) kurzzeitige Koordination-Schwierigkeiten unter den Musikern entdecke. Durch die Bedienung eben dieser beiden Alben ist zumindest klar gestellt, warum Hexx heute hier sind.

Als um 18:10 Uhr dann SINNER die Bühne betreten, ist wirklich zum ersten Mal am heutigen Tag richtig Stimmung im Publikum, und das von der ersten Reihe bis zum Mischpult. Ihren Einfluss auf den deutschen Heavy Metal kann man ihnen durch Alben wie "Comin' Out Fighting", "Touch Of Sin" und "Danger Zone" einfach nicht absprechen. So ganz stürzt sich die Triple-Axe-Power um Mat Sinner aber nicht auf diese Alben. Der Opener lautet "Crash & Burn", das Billy Idol-Cover "Rebel Yell" darf bei der guten Stimmung nicht fehlen und die restlichen acht Songs kommen allesamt vom Neueinspielungsrundling "Touch Of Sin 2". Nun, die Songs haben alle die nötige Power, um die Meute bei Laune zu halten, die Band mit eben Matt Sinner als cooler Fels in der Brandung, einem Alex Beyrodt und einem Klaus Sperling an den Drums ist natürlich Profi genug, um rein gar nichts anbrennen zu lassen und irgendwie schaffen sie es trotz der spürbaren Routine (ähm, Professionalität), richtig gute Laune zu verbreiten. Warum sie hingegen satte 15 Minuten zu früh aufhören, ist mir indes ein Rätsel. Aber der Erfolg zählt und der besagt "Germany Rocks".

Sinner

Na los, steinigt mich. Ich halte WARRIOR für ein ähnliches One Hit Wonder, wie letztes Jahr Medieval Steel. Klar warten alle auf "Fighting For The Earth". Als im Vorfeld dann bekannt wurde, dass Original-Sänger Parramore McCarty sich für immer ausgeklinkt hat und nun Cage/Death Dealer-Sirene Sean Peck am Mikro steht, gingen die Diskussionen unter den Hardlinern munter los. Meine Antwort auf Sean Peck's Frage, wie denn seine Performance im Vergleich zu den Original-Aufnahmen war (wir plauschten am nächsten Tag) war simpel. Durch Unwissenheit kann ich diesen Vergleich nicht ziehen und fand seine Leistung als Sean Peck selbst sehr gut. Und auch wenn es ein Kompliment gewesen wäre, habe ich ihm nicht gesagt, dass er doch wieder ordentlich abgenommen hat …

"Den größten Applaus erntet der Fünfer natürlich immer bei der Ankündigung von "some really old shit" der Marke "No Place For Disgrace." - so die Worte von Kollege Marco bei seiner FLOTSAM & JETSAM-Erfahrung im Februar. Hätte er diese spezielle "No Place For The Deceiver"-Show in Co-Headliner-Position gesehen, hätte er noch mehr vom großen Applaus erlebt. Lässt man mal außen vor, dass gleich beim Opener "Doomsday For The Deceiver" die zweite Gitarre ausfällt (was den ersten Keulenschlag etwas dämpfte), war dieser Auftritt doch eine wahre Speed/Thrash-Pracht. Die Sonne hat sich allmählich verzogen und die Tauberfrankenhalle ist erstmals richtig voll. Die Band selbst steht nach wie vor voll im Saft, hat gerade mit der "No Place For Disgrace"-Neueinspielung ihre Daseinsberechtigung unterstrichen und Sänger Eric A.K. ist so ein sympathischer Strahlemann, dass man die Flots einfach mögen muss.

Flotsam & Jetsam

"Battle Zones", "Death Row", "Metal Melts The Ice" und dann ab durch die komplette "Ample Destruction" - mit solch absolut unbestrittener US Metal Überklasse, kann dieser Freitag nur grandios enden. Zumal, wenn JAG PANZER sich erstens für diesen Gig noch einmal zusammen gefunden haben, und zweitens auch noch ihren ersten Deutschland-Gig mit Ur-Gitarrist Joey Tafolla spielen. Und die Herren haben richtig Bock. Bis auf vielleicht John Tetley, der seinen Bass sitzend auf einer Box bedient und dieser Umstand auch nicht weiter erklärt wird. Egal. Es ist unumstößlich - "Ample Destruction" ist ein zeitloses Meisterwerk, die unverzichtbaren "Shadow Thief" und "Chain Of Command" (die einen vier Song umfassenden "The Fourth Judgement"-Block einrahmen) ebenso und … Harry "The Tyrant" Conklin ist doch ein Mensch! Der Wundersänger ist heute tatsächlich etwas heiser, so dass er in extrem tiefen Lagen gut steht, seine schwindelerregenden Höhen eher in Satan's Host-Manier bringt und in den klaren mittelhohen Lagen manchmal sogar derbe Probleme bekommt (ganz schlimm - "Tyranny"). Doch es ist schier beeindruckend, wie man Harry permanent dabei erleben kann, wie er seine über 30-jährige Gesangserfahrung voll ausschöpft und sich mit absoluter Souveränität durch den Set manövriert. Nahezu jeder andere Sänger hätte wahrscheinlich irgendwann das Handtuch geworfen. Nicht so Harry und seine Panzer-Boys, die dem Triumphzug nach "Chain Of Command" auch noch ein knallhartes "Fast As A Shark"-Cover verpassen und kurz nach Mitternacht wohl niemanden unzufrieden zurück lassen. Was für ein Auftritt.

Jag Panzer

Samstag, 26. April

Eröffnungs-Trio mal anders. Am Ende der drei ersten Bands schreibe ich in mein Notizbuch "Irgendwie haben alle den NWOBHM-Faktor." Als da wären die blutjungen Kanadier von IRON KINGDOM, deren Hauptauffälligkeiten die gewöhnungsbedürftige Stimme von Sänger/Gitarrist Chris Osterman ist und die Tatsache, dass mit seiner Schwester Amanda eine Frau die Drumsticks wirbelt, deren Hüftschmuck die Männer vor Ort rätseln lässt, ob sie wohl des Bauchtanzes mächtig ist. NIGHT DEMON aus den USA rocken einfach mal ganz gradlinig nach vorne und irgendwie passiert sonst so gar nichts und ein kleiner Lichtblick kommt in Form von sympathischer Spanien Power namens IRON CURTAIN. Mit seinen englischen Ansagen nebst spanischem Akzent kommt Sänger/Gitarrist Mike irgendwie ganz putzig rüber und das Publikum lässt sich von ihm bereitwillig den Chorus von "Heavy Metal Nation" beibringen, so dass alle zum Schluss die Kehlen gut durchölen können.

Wofür ich das Keep It True immer ganz speziell mag? Die nötige "Rumpel"-Abwechslung. In der Tradition des Extremen (Rigor Mortis, Whiplash, Morbid Saint, Possessed und ja, auch Midnight) verbreiten nun DECEASED ein echt geiles Chaos. Ein Alt-Punk an der einen, einen unehelichen Bruder von Gimli an der anderen Axt, der lässige Uriah Heep-Shirt tragende Basser, den Drummer nur hämmernd vernommen und mittendrin ein sympathisch irrer Kingsley "King" Foley, den ich letztes Jahr leider mit October 31 verpasst habe. Und was für einen heißen Scheiß die Jungs verbreiten. Die ursprünglich als Death/Thrash-Formation gestartete Band zeigte sich in jüngster Vergangenheit immer mehr traditionellen Metal-Elementen offen, donnert hier aber gerade mal bis zum 2000er "Supernatural Addiction"-Album durch die Halle, greift mit "Fading Survival" sogar auf das 92er Debüt "Luck Of The Corpse" zurück (was ja nun wirklich noch als Death Metal zu bezeichnen ist) und schiebt der ausklinkenden Meute noch ein knackiges "Black Metal"-Cover in den Allerwertesten, den sie ihnen 45 Minuten lang aufgerissen haben. Hach, ist das schön!

Deceased

Festivals sind so eine Sache. Viele Menschen, die man kennt oder kennen lernt. Und wie schnell kann man sich da verquatschen. Sorry an PERSIAN RISK.
Warum dieses Festival in der Lage ist, so viele alte Bands so weit im Voraus zu buchen? Weil deren Akteure meist alle Rentner sind und sonst nix zu tun haben. So hart und gemein diese Aussage einer anonym bleibenden Person auch ist, ein Fünkchen Wahrheit könnte vielleicht manchmal drin stecken. Wenn ich mir die Herren von VARDIS aber so auf der Bühne betrachte, haben die in den letzten 28 Jahren (da erschien der letzte Longplayer) trotzdem nichts anderes als Musik gemacht. Das britische Trio erschafft eine arschcoole Partystimmung mit NWOBHM, Rock 'n Roll, Blues, Boogie und sonst noch was, gespickt mit immer wieder spontanen Jam-Einlagen, in denen sich die Herren die Bälle zuspielen. Ist mir völlig egal, welche Songs da gespielt wurden. Allein Gitarrist/Sänger Steve Zodiac hat so viel Witz und Charme an sich, dass wohl jeder, bei dem es altersmäßig passt, ihn gerne als seinen saucoolen, rockenden Opa vorstellen würde.

Vardis

Hunger, Durst und gute Freunde machen aus ATANTEAN KODEX eher einen Grillantean Kodex. Das deutsche Epic Aushängeschild wird mir diesen Festivalsommer aber eh noch öfter über den Weg laufen und ich wette, dass der KIT-Auftritt Bombe war.

Und dann wird es emotional. Der tragische Tod von LETHAL-Originalgitarrist Eric Cook löste in 2012 große Bestürzung aus. Zumal Lethal bereits 2007 auf dem KIT spielten. Das Gedenken an ihn ist zu jeder Sekunde spürbar und der Auftritt mit den in Noten gegossenen Emotionen wird zu einem der Highlights des Festivals. Pain Link-Gitarrist Chris Brown übernimmt dabei den "Job" von Cook und ehrt ihn ganz zurückhaltend am unteren Rand seiner Gitarre (siehe Foto). Und rein musikalisch verstehe ich nun auch, was in einschlägigen Kreisen bereits seit Jahren, ach was, Jahrzehnten propagiert wird. Lethal's "Programmed" muss in einer Reihe mit dem Konzept-Wunderwerk "Operation: Mindcrime" von Queensryche genannt werden. Keine Diskussion. Hammer!

Lethal

TOXIK machen mir danach das Leben schwer. Keine Frage - ihre beiden Alben "World Circus" (1987) und "Think This" (1989) gehören in wirklich jeden gut sortierten Speed/Thrash/Prog-Haushalt. Doch erst mal ist der anspruchsvolle Sound mit nur einer Gitarre echt schwer verdaulich. Der angekündigte Zweitmann Ralph Santolla (Iced Earth, Deicide, Obituary) fehlt nämlich. Zudem wollen die insgesamt fünf vorgestellten neuen Songs nicht so richtig zünden. Dazu ein Gespräch mit Sean Peck, welches die Aufmerksamkeit des Schreiberlings wieder gen Fan-sein verschiebt … man ist auch nur ein Mensch. Aber interessant ist es, dass die Original-Mitglieder Josh Christian und Mike Sanders mit Shadows Fall-Drummer Jason Bittner den wohl "modernsten" Musiker der gesamten KIT-Geschichte auf die Bühne bringen. Und seinem Ruf als respektabler Schlagwerker wird er auch bei Toxik gerecht, egal ob er sein Kit gerade als Rechts- oder Linkshänder beackert. Er bleibt immer auf dem Punkt und spielt trotzdem lebendig. Zumindest etwas.

METAL CHURCH sind mir danach ein einziges Rätsel. Nicht weil ich sie nicht verstehe oder nicht mag, sondern - und das fragen sich ihre Anhänger auch schon ewig - weil sie nie den richtig großen Wurf gelandet haben, obwohl sie die Klasse dafür vorweisen können. "Ton Of Bricks", "Start The Fire", "The Dark", "Fake Healer" (wo sogar die Gitarrenlinien mitgesungen werden), "The Human Factor" und natürlich "Metal Church" und "Beyond The Black". Manchmal reicht das eben nicht aus, wenn man nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist (das wusste schon Lemmy). Das ist zwar irgendwie schade und vielleicht auch traurig, doch so geschieht es, dass die "Kirche" endlich ihre allererste Messe vor der feiernden KIT-Gemeinde abhält. Dort, wo man sie am meisten zu würdigen weiß. Wir würdigen einen würdigen Headliner!

Metal Church

Und jetzt noch mal zurück zum Anfang. Richtig grottenschlecht fand ich dieses Jahr keine der gesehenen Bands. Und genau das meinte ich in meiner Einleitung. Es war bis dato so und es wird wohl in Zukunft auch immer so bleiben. Allein wenn man sich die Aussicht auf das bereits ausverkaufte KIT XVIII in 2015 anschaut, stellt sich mir diese Frage auch gar nicht. Wir sehen uns im nächsten Jahr!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp