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Festival: WACKEN OPEN AIR - 31.07.-02.08.2014

Zum 25. Jubiläum des größten Metal-Festivals der Welt, wurde im Vorfeld viel gerätselt, wie man die großen Headliner der vergangenen Jahre (u.a. Rammstein oder Iron Maiden) denn noch toppen soll!? Die Antwort ist so simpel, wie vielleicht auch etwas ernüchternd: gar nicht.
Statt großer Headliner oder dicken Überraschungen, setzt man auf Bewährtes und Bekanntes, wohl wissend, dass das W:O:A ohnehin wieder in kürzester Zeit ausverkauft sein wird und für viele Besucher die Bands sowieso eher nebensächlich sind.
Nicht aber für uns - und so stürzen wir uns wieder einmal in eine viertägige Hitze- und Staubschlacht.

Mttwoch, 30. Juli

Im letzten Jahr war ich schon auf den Geschmack gekommen, mir im Bullhead City Circus-Zelt ein paar Metal Battle Bands zu Gemüte zu führen. Auf der Suche nach Neuem, lande ich also bereits am Mittwoch um viertel vor Eins bei PLAGUE THROAT. Das indische Trio zockt guten, wenn auch nicht überragenden Death Metal, der mit allerlei Zutaten aus der US Schule und dem klassischen Grindcore gespickt ist. Gut genug zumindest, um mir selbst die Frage zu stellen, warum man die Band nicht gleich weiter zum Party San Open Air schickt.

(Foto: maz)

Die größte Frage bei meinen nächsten drei Bands ist aber: Welche Knalltüte hat denn die Begleittexte im Programmheft geschrieben?
Bei den NiederländerInnen von PUREST OF PAIN lockt das Schlagwort "…mit ihrem melodischen und oft raffiniert arrangiertem Death Metal…", endet aber in einer weitaus moderneren Version, als vermutet, die an frühe God Forbid mit gelegentlicher Djent-Rhythmik erinnert.
Bei den finnischen BLIND CHANNEL verzichtet das Heft auf Schubladen und tönt mit "… hochenergetischen, modernen Volldampfmetall … krachenden Riffs … eingängigen Refrains … geschickten Tempowechseln." Was folgt sind ein Techno-Intro, fünf Bubis, die unweit älter sein dürften, als Run Liberty Run vom letzten Jahr und zu Beginn eine halb gebrüllte Rap-Einlage. Aha …
Bei INFANTARIA aus Südafrika schlägt es dann wirklich Dreizehn. Als Die Hard-Metaller (von denen in Wacken definitiv einige zugegen waren) denkt man bei "… dass es im Thrash-Bereich auch weiterhin Bands gibt, die das Genre mit progressiven Elementen bereichern …" erst mal an Götter wie Realm und Toxik, sowie vielversprechende Youngster wie Vektor - geboten bekommt man aber Fiedel-Beatdowns mit gelegentlich atmosphärischen Parts, die neuerdings auch von Bring Me The Horizon genutzt werden. Oh man …
Und zu allem Übel kündigt das Heft für den späteren Abend EASE OF DISGUST an, die kurioserweise bereits 2012 hier als russische Erstplatzierte auftraten. Zu dumm nur, dass anstatt aber TENSIDE auftreten und die pdf-Running Order, die ich mir vor 24 Stunden runterlud, für Russland gar keinen Namen ausspuckte. Ich vermute also Schiebung, während sich Kollege Marco zu Recht über diesen Missstand auskotzt.

(Foto: maz)

Donnerstag, 31. Juli

Mit den gestrigen Fehlleitungen im Rücken sollte der Donnerstag doch besser anfangen, oder? Tut er!
Wieder im Zelt sind es die japanischen HELLHOUND, die der Wahrheit entsprechen. Allein der Hinweis, die Band habe bereits 2008 auf dem 11. Keep It True-Festival gespielt, reicht als Qualitäts-Merkmal. Und das Quartett exerziert sämtliche Metal Klischees voll durch. Vier Mann - vier Kutten - vier Sonnenbrillen (ja, auch der Drummer!) und nur puren Stahl in Form von "Metal Psycho" oder "Metal Warrior". Alles inklusive ein paar Agent Steel-mäßigen Tempo-Einsätzen und ordentlichen High Pitch Vocals.

Hellhound (Foto: sw)

Danach ein kurzer Verschnaufgang über das Areal nebst der totalen Verwunderung, dass die W:O:A-Besucher wirklich fast 400 Meter (!) lange Schlangen bilden, um ein Festival-Shirt zu ergattern. Überpünktlich wieder zurück im Zelt, vernehme ich noch den letzten Song der portugiesischen Metal Battle-Gewinner REVOLUTION WITHIN, der mich spontan an Hatesphere erinnert, wenn ex-Malevolent Creation-Fronter Kyle Simmons dort röhren würde. Der Blick ins Programmheft sagt "passt" - hätte man sich doch anschauen sollen.

Auf die folgenden EVOCATION aus China hatte ich mich mittels www-Recherche vorbereitet und bin entsprechend gespannt. Es betreten die Bühne: "Hypocrisy anno 1998 auf Steroiden". Meine Fresse, die Ausstrahlung, die Tightness, das vehemente Synchron-Banging, diese Selbstsicherheit. Dazu noch drei massive, hypnotische Songs in einem beeindruckenden Death/Black-Gemisch und die wohl eindeutigste Kernaussage "We hate fucking war!". Die unbändige Entschlossenheit, die diese Band hier an den Tag legt, kann einen wirklich das Fürchten lehren. Mein erstes unerwartetes Highlight! Gratulieren dürfen wir übrigens auch, denn Evocation machten in diesem Jahr den vierten Platz in der Metal Battle Gesamtausscheidung!

Evocation (Foto: sw)

Danach wird es Zeit, die neuen Infield-Begebenheiten zu testen. Dort, wo sonst die regulären Eingänge waren (also mit Taschenkontrolle, usw.) sind nur noch Ein- und Ausgangs-Schleusen zum nochmaligen Bändchen-Check. Die richtige Kontrolle findet entweder am Knotenpunkt Metal Markt/Händlermeile oder bereits vor Event-Zelt und Wackingerdorf statt. Soll heißen: wir haben nun ein riesiges Infield, in dem sich die Besucher zwischen allen Bereichen frei bewegen können. Das soll wohl entzerren und trotzdem mehr Platz schaffen. Letzteres glaube ich auch, denn das Bild, welches sich mir auf dem Weg zu Hammerfall bietet, spricht Bände.

Das Infield während Hammerfall (Foto: sw)

HAMMERFALL unterstelle ich indes, dass sie dem zunehmenden Jahrmarkt/Großevent-Anteil unter den Zuschauern ein Schnippchen schlagen wollen, starten sie nämlich erst mal mit dem Warlord-Cover "Child Of The Damned" durch und knattern dann auch noch in veränderter Reihenfolge durch ihr komplettes "Glory To The Brave"-Debüt. Bei "Stone Cold" steht ex-Gitarrist Stefan Elmgren mit auf der Bühne und ich meine sogar Jesper Strömblad (ex-In Flames) gesehen zu haben, der ja bekanntlich das besagte Debüt songwriterisch maßgeblich mit prägte. Nur das Ding mit der Sicht ist so eine Sache. Folgende Kommunikation zwischen Sänger Joacim Cans (mit Bart immer putziger) und dem Publikum ist aber auch ohne Bilder amüsant. "Wer war bei unserem ersten Auftritt 1997 hier?" … Pause … "Okay, das sind ungefähr 15 …" Unbezahlbar!

Die perfekte Mischung aus Authentizität und klasse Show mit mächtig dicker Hose bieten heute wohl STEEL PANTHER. Ich erinnere mich zwar noch ungerne an deren letzte Live-DVD, auf der ich die eigentlichen Songs zwischen dem endlos erscheinenden Gerede förmlich suchen musste, doch wenn man live dabei bzw. mittendrin ist - viel geredet wird auch heute wieder - ist das alles eher nebensächlich. Und wenn dann trotz der ganzen Show, mit mehr oder weniger jugendfreien Stories rund ums Thema Sex auch die Musik stimmt, ist alles im grünen Bereich. Und solche Stadionkracher wie "Death To All But Metal", "Pussywhipped", "Gloryhole" oder "Party Like Tomorrow Is The End Of The World" werden so erstklassig und spielfreudig vorgetragen, dass so manche Besucherin im Publikum spontan obenrum blank zieht. Den Videoleinwänden sei Dank ...

Steel Panther (Foto: maz)

Danach heißt es Abwägen. Die neue logistische Situation beinhaltet auch für die Presse ein paar Änderungen, so dass man entweder auf einen Bus-Shuttle-Service zurückgreifen kann oder zu Fuß zum/vom Infield geht. Beides nimmt wesentlich mehr Zeit als zuvor in Anspruch, so dass ein "mal eben eine Band begutachten" faktisch unmöglich ist. Dazu die Hitze (der Wettergott meinte es sehr gut mit uns allen!) und die Tatsache, dass eine Inventar-Band wie SAXON eigentlich keiner Worte mehr bedarf - auch nicht wenn sie ein paar klassische Musiker dabei haben.
Von ACCEPT nehme ich aber dennoch etwas mit. Nämlich die Gewissheit, in Zukunft für den Donnerstag lieber ein Fernglas am Mann zu haben und dass Hoffmann, Tornillo & Co. ein echt starkes Set spielen, ähnlich wie Overkill auch ihren dritten Frühling erleben und dass Klassiker wie "Princess Of The Dawn", "Metal Heart", "Fast As A Shark" und "Balls To The Walls" absolut unsterblich sind.

(Foto: maz)

Zu fortgeschrittener Stunde entscheide ich mich, doch noch mal zur WET-Stage ins Zelt zu gehen. MASTERPLAN gehörten einst zu meinen persönlichen Favoriten, aber dieses ewige Hin und Her am Mikro (Jorn Lande - Mike DiMeo - wieder Jorn Lande - Rick Altzi), kommt bei vielen Bands durchaus einem Todesurteil gleich und ließ mein Interesse an der Band schnell sinken. Ich hoffe heute einfach mal, "dass es ganz nett wird" und bin erstaunlicherweise von Beginn an restlos begeistert! Nicht nur, dass Rick Altzi (auch bei At Vance am Mikro) einem Jorn Lande stimmlich erstaunlich nahe kommt, scheinbar spielt die Truppe um ex-Helloweenie Roland Grapow heute auch ein spezielles "Debütalbum-Set", denn nahezu alle Songs stammen vom 2003er "Masterplan"-Album, was mich in wahre Verzückung versetzt. "Enlighten Me", "Kind Hearted Light", "Spirit Never Die", "Crystal Night", "Soulburn" - hätte ich diese überragende Dreiviertelstunde verpasst, ich hätte mir vermutlich in den Allerwertesten gebissen!

(Foto: maz)

Freitag, 01. August

Erste Erleichterung am Freitagmorgen - der Zuschauer-Overkill scheint verpufft. Jetzt strömt halt nicht jeder auf die beiden Hauptbühnen und CHTHONIC sind kein Megaseller. Aber ein stetig wachsender Act, der seinen dritten W:O:A-Auftritt (zudem der erste auf einer Main Stage!) zu nutzen weiß. Die sympathische Truppe aus Taiwan bringt mal gleich ein paar junge Musiker (und kein ganzes Orchester) mit, die die fernöstlichen Instrumente nun live ertönen lassen. Klasse! Dadurch klingen Melodic Death/Black-Kraftpakete wie "Supreme Pain For The Tyrant", "Broken Jade" und die beiden Überflieger "Next Republic" und "Takao" natürlich noch besser. Den Rest erledigt die eingespielte Truppe mit links - allen voran Fronter Freddy Lim und Bassistin Doris Yeh, die so manche Männer noch mehr ins Schwitzen bringt, als die jetzt schon brennende Sonne.
Unfreiwillige Anti-Komik: Während des Gigs überfliegt ein Kampfjet der Bundeswehr das Infield. Wer weiß, wie Chthonic das Thema Krieg behandeln und sich für Menschenrechte einsetzen, musste für eine Sekunde leicht würgen. Dümmster Zufall des Festivals.

Chthonic (Foto: maz)

Sagte ich gerade "brennende Sonne"? Ja, die ist bereits um die Mittagszeit so derbe, dass ich ENDSTILLE spontan aus meiner to watch-Liste streiche. Zehn Minuten vor Gig-Ende dreht der Wind strategisch doch so gut, dass ich im Presse-Camp das Sodom-Cover "Blasphemer" vernehme und sogar noch der "Navigator" vorbei schippert.

Hitze hin oder her, FIVE FINGER DEATH PUNCH müssen heute einfach sein, auch wenn es die Temperaturen fast unmöglich machen, den Amis auf der Bühne die größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken. Der Fünfer agiert natürlich höchst souverän, Fronter Ivan Moody ist gar barfuss unterwegs (ob das mehr Abkühlung bringt?) und moderne Metal-Hymnen wie "Hard To See", "Lift Me Up" (heute leider ohne Duett-Partner Rob Halford) und natürlich das abschließende "The Bleeding" (spätestens jetzt packt es jeden!) sprechen ohnehin für sich.

Five Finger Death Punch (Foto: maz)

Der Begriff "modern" hat sich in den letzten Jahren ziemlich weit gedehnt, so dass ich eine Band wie HEAVEN SHALL BURN fast gar nicht mehr als solches bezeichnen möchte, wenngleich sie zu ihren Anfangszeiten musikalisches Neuland betraten. Tatsache ist nur, dass sie aus "ihrem" Bereich eine der beständigsten (wenn nicht sogar die beständigsten!) und erfolgreichsten Bands sind, die mich musikalisch und live vollends überzeugt haben. So auch heute, wo sie eine Stunde lang Vollgas geben, dem Publikum nicht eine Atempause gönnen und dabei auch noch mit Hits um sich werfen, dass man entweder ausrasten oder nur ehrfurchtsvoll dem Gig beiwohnen kann. Höhepunkt für Herrschaften "älteren" Datums ist der Gastauftritt von ex-Edge Of Sanity-Mastermind Dan Swanö, der mit den Thüringern gemeinsam seinen Hit "Black Tears" schmettert. Soll im nächsten Jahr jetzt eine Reunion auf dem Wacken-Acker stattfinden?

Heaven Shall Burn (Foto: maz)

Nach dieser Machtdemonstration führt mein Weg zum einzigen Mal an diesem Wochenende zur Wackinger Stage. Mir egal, wer da sonst so fiedelt und flötet, aber die Fußglöckchen- und Methorn-Zielgruppe hat mit DORDEDUH aus Rumänien ungefähr so viel am Hut, wie ich mit Santiano (die sich Kollege Marco zeitgleich anschaut). Die Band der beiden ex-Negura Bunget-Recken Hupogrammos und Sol Faur entführt bei immer noch sengender Hitze (18 Uhr abends!) in die rumänischen Berge und Wälder. 100.000 Ölsardinen-Besucher verwandeln sich in Gebirge bewohnende Jahrhundertbäume und der Ackerstaub in schmeichelnden Sonnenaufgangsnebel. Und die 100 Mann/Frau vor der Bühne wollten genau das erleben. Ich zumindest muss nach diesen 45 Minuten kurzzeitig überlegen, wo ich doch eigentlich bin … ach ja, Wacken …

Dordeduh (Foto: sw)

Vor der Party-Stage ist es rappelvoll. Und das liegt nicht (nur) daran, dass hier in drei Stunden Carcass auf dem Plan stehen (sehr frühes Erscheinen sichert halt die besten Plätze), vielmehr sind es SANTIANO, die es nach mehreren Auftritten in den letzten Jahren auf kleineren Nebenbühnen endlich auf eine der drei Hauptbühnen geschafft haben - noch dazu zu einer Top-Zeit am frühen Abend. Das alleine gibt den engstirnigen "Hatern" natürlich wieder ordentlich Zündstoff, aber sowas lässt jeden norddeutschen Seefahrer bekanntlich völlig kalt. Hitzig wird's hingegen bei Titeln wie dem Opener "Gott muss ein Seemann sein" oder natürlich eben "Santiano". Dazu wieder die gewohnte Portion Irish Folk und Klassiker und einer ausgelassenen Party steht nichts mehr im Wege.

Santiano (Foto: maz)

Böse Zungen behaupten, alle würden dem MOTÖRHEAD-Auftritt nur beiwohnen, um zu sehen, ob Lemmy durchhält. Nun, er hält! Zwar sichtlich "verändert" durch seine Gesundheit, aber immer noch integer und genau dem gleichen Rock 'n Roll-Willen in den Augen, wie seinerzeit Ozzy Osbourne auf der selben Bühne. Ja, er lässt sich bei "Killed By Death" von Doro in den hohen Tonlagen heute unterstützen, aber Madame Pesch bewegt sich liebevoll keinen Millimeter von seiner Seite. Das und Lemmy's eigentlich obligatorischen Worte am Ende lassen mich doch einen Moment schwer schlucken. "Don't forget us!". Mensch Lemmy, mach bloß keinen Scheiß!

Wem das Gedränge und Geschiebe auf dem Infield zu groß ist und wer sich lieber im etwas kleineren Rahmen eine - wie ich finde - fantastische Band anschauen möchte, wird im Zelt vor der WET-Stage von HELL allerbestens bedient. Klassischer Metal, hin und wieder mal ein Iron Maiden-Riff, ein gute Portion Okkultismus und ein David Bower, der Dank Headset nicht nur begnadet großartig singt, sondern eben auch seine Arme und Hände für seine ausufernde Theatralik frei hat - da macht sich die Musicalerfahrung bemerkbar und schauspielerisches Talent besitzt er ebenfalls. Selbstgeißelung, auspeitschen, Kunstblut - Musik und Show (inklusive Pyro) gehören bei Hell unweigerlich zusammen. Für mich ein weiteres Highlight an diesem Wochenende.

Hell (Foto: maz)

Eine Diskussion am Vormittag, ob Wacken nun noch richtig Metal ist und die Frage, ob man jetzt dafür schon Besucher-"Einstellungstests" machen müsse, führt mich geradewegs zu SLAYER, wo vor dem Auftritt hinter mir folgende Worte gewechselt werden: "Ist Kerry King nicht dieser Nazi-Typ?" - "Nee, das ist der Andere. Und der sammelt nur, so wie Lemmy." Der "Andere" war Jeff Hannemann (R.I.P.) und hat sich wahrscheinlich in diesem Moment gepflegt übergeben. Dazu passt auch, dass vor der Bühne kein reines Slayer-Publikum anzutreffen ist, sonst wären die "God Hates Us All"-Rufe in "Disciple" nicht so kläglich abgeschmiert. "25 Jahre Wacken … ihr solltet aufgeregt sein" bemerkt der in Würde gealterte Tom Araya und bekommt arg verhaltenden Jubel. Das hält die von mir ab sofort respekt- und liebevoll "Two and a half Slayer"-getaufte Band aber nicht ab, satte 16 Mal in die History-Trickkiste zu greifen und neben den vielen unverzichtbaren Songs auch mal wieder "Necrophiliac" und "Born Of Fire" zum Besten zu geben. Nichtsdestotrotz muss selbst ich gestehen, dass sich "diese" Slayer vielleicht doch mal Gedanken über ihre Zukunft machen sollten … aber das ist mein ganz persönliches Problem. Gute Nacht.

Die Bühne bei Slayer (Foto: maz)

Samstag, 02. August

Für ARCH ENEMY war es vermutlich der beste Coup in der Bandgeschichte, die fortan nur noch im Hintergrund agierende Angela Gossow durch ex-The Agonist-Sängerin Alissa White-Gluz zu ersetzen. Sie ist eine wahre Rampensau, steht ihrer Vorgängerin stimmlich in nichts nach (eher im Gegenteil), ist wohl eine der schillerndsten Frontfrauen im Metal-Zirkus und kann von sich behaupten, mit "War Eternal" das bis dato erfolgreichste und vermutlich auch beste (?) Album der Band eingesungen zu haben. Der Verantwortliche, der allerdings auf die völlig unsinnige Idee kam, die Band als Black Stage-Opener um 12 Uhr mittags spielen zu lassen, gehört zwar geteert und gefedert, aber über mangelnden Zuspruch kann sich die schwedisch-kanadische Band wahrlich nicht beklagen. Blickfang und Sympathieträgerin Alissa, die vor zwei Tagen ihren 29. Geburtstag feierte, grunzt-growlt sich routiniert durch starke Songs wie "Ravenous", "My Apocalpyse", "We Will Rise" oder "No Gods, No Masters" (stark!) und lässt sich zusammen mit der Band nach der viel zu kurzen Stunde noch minutenlang vom Publikum feiern.

Arch Enemy (Foto: maz)

Der heutige Tag steht irgendwie auch so ein bisschen im Zeichen großer Thrash-Bands. Bevor am Abend Kreator und Megadeth das Gelände zerlegen werden, dürfen zur Mittagszeit SODOM ran - und scheinbar hat Tom Angelripper den "Ballermann-Humbug" namens "Star-Cooking" erfolgreich überstanden und so startet das Gelsenkirchener Trio in dichte Nebelschwaden gehüllt äußerst amtlich mit "Agent Orange". Was folgt, ist eine Stunde reinster Teutonen-Thrash, getreu dem Motto "höher, schneller, weiter" und mit Hits am laufenden Band. "In War And Pieces", "Outbreak Of Evil", "I Am The War", "Wachturm" und natürlich "Ausgebombt". Danke für diese Vollbedienung!

Sodom (Foto: maz)

Für den Samstag habe ich mir geschworen, der Sonne Paroli zu bieten, denn gleich vier granatenstarke Acts in Reihe bekommt man auch nicht immer. Der Startschuss heißt BEHEMOTH und ist zugleich mein erstes Wiedersehen mit der Band nach Nergal's schwerer Krankheit. Diese "Publicity" und seine Prominenz im Heimatland machen Behemoth aktuell ein wenig zu Mainstream-Extremisten, die aber mit dem neuen Album "The Satanist" Dauer-Ohrfeigen an Neider verteilen. Entsprechend vehement und unbarmherzig ist auch die Show, die als Tiefpunkt nur die Spielzeit von 60 anstatt der gemeldeten 75 Minuten hat. "Slaves Shall Serve", "Christians To The Lions" oder das neue "Ora Pro Nobis Lucifer" entschädigen zumindest anständig.

Behemoth (Foto: maz)

Neben Dordeduh folgt nun die Abwechslung des Festivals - das DEVIN TOWNSEND PROJECT. Der Canadian Wizard hat einen solch brillanten, verqueren Humor, dass man die Love & Fun-Einstellung nebst riesigen Augenzwinkereien in sämtlichen Metal-Klischees einfach abfeiern muss … oder ihn nur albern findet. Letztere waren dann auch nicht vor der Bühne. Devin und seine Truppe ziehen alle Register von "Stadion Rock mal anders"-Genialitäten ("Dead Head", "Numbered!", "Supercrush!") bis zum ultra-sperrigen "Planet Of The Apes". Alles großartig, alles perfekt. Nur der Soundmann hat mit den Townsend-schen Klängen und seinen Bariton-Gitarren arge Probleme. Der symphonische Mega-Beatdown "Grace" und die abschließende "Bad Devil"-Party verbreiten trotzdem pure gute Laune!

(Foto: sw)

20 Jahre "In The Nightside Eclipse", einem der wichtigsten Black Metal -lben überhaupt. Nach der EMPEROR-Reunion-Show in 2006 war es fast klar, dass der Wacken-Acker auch diesem Jubiläum beiwohnen wird. Und selbst der Wettergott schwärzelt kurzzeitig mit, als die Sonne bei "The Burning Shadows Of Silence" verdunkelt wird. Die Klasse des Albums ist unbestritten und alle Musiker müssten heute schon einarmig agieren, um sich Fehler zu erlauben. Hinzu kommt, dass für das Jubiläum auch noch der einstige Drummer Faust wieder auf den Hocker gehievt wurde und dieser Ihsahn, Samoth & Co. ordentlich antreibt. Durch seine eigene Band Blood Tsunami steht er eh voll im Saft. Nach besagtem Album in voller Länge kommen noch "Ancient Queen" und "Wrath Of The Tyrant" zum Zuge, bevor das Bathory-Cover "A Fine Day To Die" die tiefe Verbundenheit zu den eigenen Wurzeln wiederspiegelt.

Emperor (Foto: sw)

Die Band der Stunde heißt ohne jeden Zweifel AMON AMARTH. Das "alte" Infield ist voll und obwohl die neuen Schleusen noch grünes Licht geben, bleibt ein weiterer Großteil der Besucher im ehemaligen Biergartenbereich sitzen und bestaunt die beeindruckende Kulisse auf den Leinwänden. Speziell das neue Album "Deceiver Of The Gods" hat den Schweden ein paar Fahnenflucht-Vorwürfe bezüglich ihrer brachialen Death Metal-Vergangenheit eingebracht. Fakt ist aber, dass sich Amon Amarth wie keine zweite Band ihren jetzigen Stand in der Szene hart und zu Recht erarbeitet haben. Death Metal hin oder her. Das Bühnenbild mit den beiden begehbaren Drachenköpfen (Hegg in der Höh!) ist irre imposant und Setlist-technisch gehen die Wikinger wie immer aktuelle Wege. Bis auf "Victorious March" wird erst ab Album Nr. 5 bedient und die neuen Songs fügen sich bestens ins Set ein. Und auch ohne das schmerzlich vermisste "Death In Fire" darf man hier getrost vom heimlichen (oder bald nicht mehr?!) Headliner sprechen.

Amon Amarth (Foto: sw)

Wie in jedem Jahr und auf jedem mehrtägigen Festival, stellt sich auch heute wieder die Frage, wann man unter ein solch langes, wunderbares, aber eben auch recht anstrengendes Wochenende seinen persönlichen Schlussstrich zieht und die Heimreise antritt.
Nachts um 01.30 Uhr nach Kreator loszufahren, erscheint wenig sinnvoll. Die TV-Ausstrahlung dieses Gigs (auch von Avantasia) haben im Nachhinein jedoch bewiesen, dass natürlich auch das 25. W:O:A sehr eindrucksvoll beendet wurde.
Und auch wenn die Presse-Situation in diesem Jahr alles andere als optimal war - das ist Nörgeln auf hohem Niveau und mit Blick auf die bereits bestätigte erste Rutsche an Bands, dürfte es so mancher (mich eingeschlossen!) kaum noch abwarten können, bis es zum 26. Mal heißt: Rain or shine!

Vier Tage am Schwitzen waren ...

Siegfried Wehkamp - u.a. bei:
Plague Throat, Purest Of Pain, Blind Channel, Infantaria, Hellhound, Revolution Within, Evocation, Hammerfall, Accept, Chthonic, Heaven Shall Burn, Dordeduh, Motörhead, Slayer, Behemoth, Devin Townsend Project, Emperor, Amon Amarth

Marco Zimmer - u.a. bei:
Steel Panther, Masterplan, Five Finger Death Punch, Santiano, Hell, Arch Enemy, Sodom - sowie im Fotograben