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Konzert: BLACK TRIP - 19.09.2015 - Hamburg

Location: Knust


Meine Frau scherzt mit mir: "Du gehst mit mir auf ein Rock-Konzert?!" Ja, es geschehen noch Wunder. Dachte ich auch schon, als ich zum ersten Mal das Black Trip-Debüt "Goin' Under" (2014) hörte, gespannt wie ein Flitzebogen auf das Nachfolgewerk "Shadowline" (nicht mal einen Monat her) war und seitdem nicht mehr davon los komme. Aber sicher gehe ich auf ein Rock-Konzert. Und ich bin begeistert!

Den Sound, den der Support REDS' COOL fährt, hätte ich in meinen Anfangsjahren der metallischen Früherziehung mit Tele 5 und Annette Hopfenmüller weggeschaltet, denn der kleine Sigi hatte nur Bock auf "schneller und härter". Hier und heute heimsen die Herren aus St. Petersburg (!) mit ihrem 80er Hard Rock mit ein paar Blues-Anliehen hier und ein wenig AOR-Feeling da, von Song zu Song mehr Applaus ein. Die Hauptakteure des Quintetts sind eindeutig der abgeklärt-coole Johnny Cash-Lookalike-Gitarrist Sergey Fedotov (wie geil ist denn bitte das Logo von Toyo-Autoreifen auf der Gitarre?!) und vor allem Sänger Slava Spark, der durch seine latent weibliche Performance im Kontrast zu seiner exquisiten Reibeisenstimme permanent Sympathiepunkte sammelt. Musikalisch gibt es durchweg gutklassigen Stoff und der wird auch noch handwerklich gekonnt und fast schon oberlässig aus der Hüfte geschossen, dass sich alle schlichtweg wohl fühlen. Gegen Ende kommen mit dem dezent AOR-lastigen "Stranger's Eyes" und dem offensichtlichen Band-Hit "Bad Story" die letzten Gründe, warum der Merchstand nach dem Gig von nicht wenigen Anwesenden angepeilt wird.

Reds' Cool

Was danach kommt, hätte ich mir selbst nicht träumen lassen. Schnell ein "paar" Fotos schiessen und dann Attacke. BLACK TRIP gehen in Bein und Nacken, sie gefallen Männlein und Weiblein, es jubeln Altrocker und Neuzeit-Spezialisten mit Urfaust-Kutte. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was nun genau Black Trip von anderen "Retro"-Bands unterscheidet, aber irgendwie treffen sie einen ganz besonderen Nerv. Und der nötigt mich dazu, kein einziges Wort in mein Notizbuch zu schreiben, die Highlights ihrer beiden Album mitzusingen und einfach - wie man so schön sagt - abzurocken. Scheißdreck, sind die Jungs geil drauf. Selbst mit Aushilfsdrummer geht da nix schief. Die Erfahrung der einzelnen Musiker aus ihren Ex- und immer noch-Bands (u.a. Enforcer, Necrophobic, Nifelheim) zahlt sich mächtig aus. Schweden-Urgestein Peter Stjärnvind (unzählige Male als Drummer tätig) blüht als Gitarrist voll auf, geht zum Solieren auch mal in die Knie und feuert mit Sidekick Sebastian Ramstedt Doppel-Leads deluxe ins Knust. Bass-Hüne Johan Bergebäck gibt entgegen seiner Statur den Sympathikus und zehrt spielerisch von seiner eigentlichen Gitarren-Funktion in etlichen anderen Bands. Und dann ist da noch Joseph Tholl. Der Enforcer-Gitarrist hat bereits auf Konserve bewiesen, dass er einen starken Sänger abgibt. Und als wäre es das Einfachste der Welt, liefert der Mann eine bockstarke Performance ab, kommuniziert locker mit dem Publikum (schön, mal kein Standard-Gequatsche zu hören) und regiert mit faszinierender Leidenschaft auf brillanten Songs wie "Shadowline", dem leidenschaftlichen "The Storm" oder dem unvermeidlichen "Voodoo Queen". Eigentlich sind alle schon rundum glücklich, aber Black Trip servieren noch die Kirsche auf dem Kuchen - das Riot-Cover "Outlaw". Nein, wie geil! Alter, bin ich fertig! Man, sind alle glücklich!

Black Trip

Text & Fotos: Siegfried Wehkamp