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Konzert: VEKTOR - 06.12.2015 - Hamburg

Support: Angelus Apatrida, Distillator
Location: Knust

Das nenne ich mal ein Nikolausgeschenk! Die SciFi-Thrasher von Vektor kommen endlich über den großen Teich und das auch noch als Headliner. Mit zwei vorzüglichen Supportbands im Gepäck kann da eigentlich nichts schief gehen. Außer, dass vielleicht nicht genügend Besucher kommen, da zeitgleich im Bambi Galore die australische Thrash-Legende Peter Hobbs mit Hobb's Angel Of Death und die Schwedendeather Interment zu Werke gehen. Zu dumm auch. Nun, das Knust hätte ein paar mehr Nasen vertragen können, aber es war angenehm voll.


Drei Mann - drei Instrumente - eine Mission. Thrash as Thrash can! DISTILLATOR aus den Niederlanden denken nicht lange nach, geben Vollgas und ballern in technischer 1a-Qualität völlig unbekümmert durch die Highlights ihres Debüts "Revolutionary Cells". Was fällt auf? Sänger/Gitarrist Desecrator ist ein schlaksiger Hüne, dem die Hosen zu kurz sind und die Bühne für seinen Ausfallschritt fast zu klein ist. Basser Frankie Suim ist ein agiler Flummi und Neu-Drummer Marco Prij mit seinen 19 Lenzen ein echter Haudrauf. Größter Pluspunkt ist der gute Trio-Sound. Gerade in den Solo-Passagen legt der Bass einen festen Teppich aus, auf dem die Gitarre sich breit machen kann. Stark. Die dynamischen 30 Minuten gipfeln in einem räudigen "Black Magic" von Slayer und ich frage mich ernsthaft, ob das von den Anwesenden jemand erkannt hat … weil das traditionsgemäß "hüftsteife" Nordpublikum sich nicht mal dann bewegt. Sind wir schon soweit?!

Distillator

"You Can't Bring Me Down" von den Suicidal Tendencies als Intro zu wählen, passt zu ANGELUS APATRIDA perfekt. Die spanischen Thrasher machen von der ersten Sekunde an einen Monster-Alarm und beeindrucken mit präziser Technik und jeder Menge Sympathie. Hier herrscht der "Good friendly violent fun", den Exodus/Bay Area-Fans mit leichtem Hang zur Frühneunziger Groove Thrash-Bewegung so lieben. In Hamburg kommt das Quartett sehr gut an, vielleicht auch, weil sie just vor Kurzem erst mit Dew-Scented hier waren. Entsprechend folgen ca. 20 Daueraktive vor der Bühne auch der Aufforderung nach Aktion - inklusive niedlicher Circle-Pits. Angelus Apatrida schöpfen aus dem Vollen, sprich einer gesunden Mischung ihrer vier Longplayer. Und obwohl mir bei den perfekt gezockten Granaten irgendwie immer noch die finale Konsequenz fehlt (Gedanke eines "ewigen Zweitligisten" kreisen in meinem Kopf), kann ich den Jungs nicht böse sein. Außerdem verwirrt mich Sänger/Gitarrist Guillermo Izquierdo "Polako", der wohl den Lookalike-Wettbewerb "bester junger Dave Mustaine" gewinnen will. Glaubt ihr nicht?

Angelus Apatrida

Es ist die "First Contact Tour". Und der erste Live-Kontakt mit VEKTOR sollte unvergesslich bleiben. Unumstössliche Sympathiepunkte sammeln die Vier aus Philadelphia gleich im Opener "Cosmic Cortex", den sie in der Mitte gleich zwei Mal (!) verkacken und neu starten müssen. Band und Fans halten sich herzlich die Bäuche und ab da ist der Höhenflug "First Contact" unaufhaltsam. Auf CD ("Black Future" und "Outer Isolation") sind Vektor ja bereits beeindruckend, aber dass die Jungs auch live in der Lage sind, ihre Tech Thrash-Wunderwaffen so dermaßen präzise abzufeuern und auch noch Zeit für adäquates Stageacting haben, hatte ich nicht gedacht, aber gehofft. Das sehen auch die Fans vor der Bühne. Hier treffen unterschiedlichste Freaks aufeinander. Vom Jüngling mit schicker Kurzhaarfrisur, der offensichtlich jedes Break kennt, auf einen ähnlich gearteten Langhaardackel mit Amon Amarth-Shirt, einen Altmetaller mit Voivod-Kutte (der kennt solch musikalischen Sphären nur zu gut) und junge Damen wahlweise mit Kutte und Desaster-Leibchen oder Undergang-Tourshirt. Der Rest steht mit teils weit aufgestellten Futterluken da und kann nicht fassen, was die Phili-Boys hier abziehen. Eine wahrlich meisterhafte Gratwanderung zwischen technischer Perfektion, massiver Härte und trotzdem zugänglicher Songs. Zu je drei Songs der ersten beiden CDs gesellen sich dann noch drei Neulinge vom neuen Album "Terminal Redux", auf welches wir noch bis März 2016 warten müssen. "Ultimate Artificer" - bekannt durch das www - ist ein Paradebeispiel der gerade beschriebenen Mischung. Ein Hammer von einem Song! Bei "Psychotropia" geht es erst Midtempo-mäßig zu Werke, doch als der Song gleich zwei Gänge hochschaltet, traue ich meinen Ohren nicht ob der Reminiszenzen an die göttlichen Milwaukee Thrasher Realm! Der Dritte im Bunde - "The Sickness Terminal" - ist gelinde gesprochen ein absoluter Hirnfick. Ist mir unbegreiflich, wie Fronter David DiSanto und seine Sidekicks das Ding unfallfrei über die Bühne bekommen. Ich bin platt! Da kommt das große "Accelerating Universe" als Abschluss genau richtig, selbst der sanfte Mittelpart sitzt hier perfekt. Aber Hamburg möchte mehr und bekommt den "Asteroid" in seiner ganzen Härte. Da können die Borg gleich mal einpacken - der "First Contact" hat mit einer Eroberung begonnen. Heute Abend waren Vektor nicht von dieser Welt!

Text & Fotos: Siegfried Wehkamp