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Festival: WACKEN OPEN AIR - 30.07.-01.08.2015

Es war im Vorfeld klar, dass mein mittlerweile 16. Wacken Open Air irgendwie "anders" werden wird. Unsere Gruppe ist von Jahr zu Jahr geschrumpft und die Tatsache, dass der Pressecampingplatz im letzten Jahr recht weit ausgelagert wurde und man mit einem Busshuttle (!) zum Gelände fahren muss (wenn man keinen ewig langen Fußmarsch in Kauf nehmen möchte), führte nun also dazu, dass ich plötzlich ganz alleine auf weiter Flur stehe. Mein erstes W:O:A alleine. Kein Zelt, kein Pavillon, kein Grill. Nur mein Auto (= Schlafplatz) und ich - da nimmt man sich natürlich vor, das Beste aus der Situation zu machen. Doch die Newsmeldungen kurz vor Festivalbeginn steigerten nun nicht unbedingt meine Vorfreude. Dank Dauerregen herrscht auf dem Gelände Land unter, nichts geht mehr und die Besucher werden gebeten, ab sofort nicht mehr mit dem Auto anzureisen, weil keine Campingfläche mehr befahrbar ist. Ich ahne Böses und meine Sorgen steigen dementsprechend, zumal diesmal auch erst am Donnerstag anreise, also verhältnismäßig spät. Doch Glück gehabt, der Pressecampingplatz ist - bis auf die Einfahrt - problemlos befahrbar, zwar triefend nass, aber immerhin noch grün. Dann will ich also mal mit meinem Vorhaben beginnen und das Beste aus der Situation machen ...

Donnerstag, 30. Juli

Der "Spaß" beginnt bereits mit der Fahrt im Busshuttle, denn selbst der Presse-/V.I.P.-Bereich kann nicht angefahren werden, weshalb der Bus also mitten im Ort am Haupteingang hält. Was folgt, ist die reinste Tort(o)ur zu Fuß über die Campingplätze. Wer schon mal das Wattenmeer bei Ebbe gesehen hat: genau so sieht das komplette Gelände aus. Kein einziger Grashalm mehr, sondern Schlamm soweit das Auge reicht, der an manchen Stellen so tief ist, dass man selbst mit Gummistiefeln aufpassen muss, dort nicht hineinzulaufen.
Im Pressebereich angekommen und mit einem kühlen Getränk gestärkt, streiche ich erst mal meine persönliche Running Order zusammen, denn bei diesen Bodenverhältnissen werde ich garantiert nicht drei Tage lang von früh bis spät zwischen den Bühnen hin- und herlaufen.

Musikalisch startet der erste Festivaltag für mich mit IN EXTREMO. Mit den Berlinern kann man gerade auf Festivals eh nichts verkehrt machen, denn ein Garant für gute Laune sind sie allemal. Und so wird auch heute ein Feuerwerk an Hits abgebrannt, das - von entsprechender Pyro begleitet - vor allem die etwas härteren Stücke, sowie Hits der Band zu bieten hat. "Spielmannsfluch", "Vollmond", "Nur ihr allein" - um nur ein paar zu nennen. Trotz knöcheltiefem Schlamm, wird im Publikum getanzt, gesprungen oder alternativ auch gleich eine freiwillige Bauchlandung in eben diesem gemacht. Und selbst Sänger Michael Rhein sinniert darüber, ob er solch einen Schlamm jemals schon gesehen hat.

Danach schaue ich mal im Zelt bei der Headbangers und W.E.T. Stage vorbei, in der Annahme, dass der Boden dort besser aussieht. Das ist zwar in der Tat der Fall, aber von durchweg begehbar bzw. gar trocken, ist man auch hier weit entfernt. Egal, mit DARK TRANQUILLITY steht heute eins meiner persönlichen Highlights auf dem Programm und die Schweden enttäuschen mich natürlich in keinster Weise - im Gegenteil. Es ist ein kleiner Siegeszug, den die Schweden trotz mittelprächtigem Sound hier und heute auffahren. Das liegt nicht zuletzt sicherlich auch an Mikael Stanne, der wohl einer der sympathischsten Frontmänner sein dürfte. Mit starken Songs wie "Misery's Crown" (pure Melancholie) oder "State Of Trust" hat das prall gefüllte Zelt genug Möglichkeiten, um lauthals mitzusingen.
Und da ich eh gerade im Zelt bin, schaue ich auch noch eben bei den im Anschluss folgenden COMBICHRIST rein - eine Band, die vermutlich besser auf das M'era Luna passt, als nach Wacken. Doch erstaunlicherweise klingt vieles der norwegischen Industrial- (bzw. "Aggrotech"-) Helden live erstaunlich metallisch. Da bewegen selbst Headbanger, die gerade noch Dark Tranquillity abfeierten, ihren Kopf im Rhythmus der harten Beats. Gar nicht mal übel, was die Band hier zu bieten hat. Und in Wacken funktioniert musikalisch ja ohnehin vieles.

Wieder auf dem Hauptgelände, folgt dann im Anschluss etwas, was sich nur schwer in Worte fassen lässt. Wer diesen legendären Auftritt von SAVATAGE und dem TRANS-SIBIERIAN ORCHESTRA - die sowohl abwechselnd, als auch zeitgleich die beiden Hauptbühnen bespielen - verpasst hat, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Wann bietet sich schon so eine Chance? Ich selber habe Savatage bisher ein einziges Mal live erlebt, nämlich an exakt der gleichen Stelle wie heute, bloß im Jahre 2002. Meine Erinnerungen daran sind praktisch nicht mehr vorhanden, deshalb kommt es mir fast wie eine Premiere vor. Und wenn Jon Oliva & Co. dann gleich mit "Gutter Ballet" loslegen, dann dürfen einem zweifelsfrei die Freudentränen in den Augen stehen - zum Glück ist es ja auch schon dunkel. Nach wenigen Songs kommt Zak Stevens auf die Bühne und übernimmt den Gesang. Ich muss gestehen, dass ich seine Stimme absolut liebe und "Edge Of Thorns" oder "Hall Of The Mountain King" absolute Gänsehaut hinterlassen. Dann wird die linke Bühne dunkel und rechts geht's mit dem Trans-Siberian Orchestra weiter. Das Problem, dass viele Leute, mich eingeschlossen, kaum einen Song kennen (einiges ist ohnehin ganz neu und feiert heute Premiere), ist dabei nebensächlich. Man lässt sich von diesem perfekt durchchoreografierten Rock-Musical einfach mitreißen. Im letzten Drittel folgt dann das, was in der bisherigen Wacken-Geschichte einmalig ist: beide Bühnen werden gleichzeitig bespielt. Pech für die Leute, die ganz vorne stehen, Glück für die, die beide Bühnen im Blick haben. Man mag vielleicht kritisieren können, dass man von so vielen Eindrücken fast erschlagen wird und dass so mancher Song durch längere Instrumental- und Orchesterpassagen vielleicht etwas langatmig wirken mag, aber auch das sollte man einfach mal ausblenden und sich an solch großartigen Titeln wie "Believe", "Morphine Child", "Turns To Me" oder sogar "Christmas Eve" erfreuen. Schlicht und einfach ein legendärer Auftritt und sicherlich das Größte, was Wacken bisher zu bieten hatte.

Freitag, 31. Juli

Es ist zwar nicht wirklich warm, aber zumindest hat es seit gestern Vormittag keinen weiteren Regen mehr gegeben, so dass die allgemeine Situation allmählich minimal erträglicher wird.
Mein zweiter Festivaltag startet - wenn auch eher ungeplant - mit SEPULTURA. Die Truppe veranstaltet zur Mittagszeit bereits einen ziemlich amtlichen Abriss und lässt mit Gassenhauern wie "Roots", "Arise", "Chaos A.D." oder dem Motörhead-Cover "Orgasmatron" für einen Moment den Schlamm vergessen. Und auch, wenn trotz "30th Anniversary Show" wieder nur die üblichen Verdächtigen gespielt werden, Laune macht's zweifelsfrei.
So, wie im Anschluss KVELERTAK ebenfalls. Die leicht durchgeknallten Norweger (positiv gemeint), machen seit jeher ordentlich Spaß, auch wenn ihr Death/Punk/Black'n'Roll rein vom Papier her, dies gar nicht vermuten lässt. Auf die Ohren setzt es neben der Bandhynme "Kvelertak" auch solche Songs wie "Blodtørst" oder "Bruane Brenn", während Fronter Erlend Hjelvik wieder den lustigen Kauz gibt und selbigen zwischenzeitlich auch auf dem Kopf trägt (oder war es eine Eule?).

AT THE GATES setzen im Anschluss ein erstes dickes Ausrufezeichen am heutigen Tag. Auch wenn die Schweden 2008 einen Reunion-Gig in Wacken spielten, so dürften viele jüngere Fans solche Titel, ähm, Klassiker wie "Blinded By Fear" oder "Terminal Spirirt Disease" heute zum ersten Mal in ihrer vollen Livepracht erleben. Zusammen mit einigen neueren Songs vom Comeback-Album "At War With Reality", einer höchst dynamischen und energiegeladenen Show, sowie der Aussage von Sänger Tomas Lindberg, dass At The Gates Death Metal nicht mögen, sondern lieben, punktet die sympathische Truppe heute auf ganzer Linie.
Danach begebe ich mich mal ins Zelt, um mir von ANAAL NATHRAKH mal gepflegt die Ohren freipusten zu lassen. Die Truppe ist heute zwar nur zu viert (eine Gitarre weniger), aber das ändert nichts daran, dass die Briten mit Oberpsycho Dave Hunt am Mikro die wohl extremste Band des diesjährigen Festivals sind und für ein entsprechend volles Zelt sorgen.
Danach schnell wieder raus zur Party Stage, um zumindest noch die letzte Hälfte von ANNIHILATOR mitzubekommen. Ich persönlich finde es zwar ausgesprochen schade, dass Dave Padden nicht mehr am Mikro steht, aber auch Jeff Waters - der Chef persönlich - liefert einen guten Job. So habe ich "Second To None", "City Of Ice" und vor allem "Alison Hell" noch nie gehört. Ein gelungenes und wildes Thrash-Feuerwerk.
Und wo ich schon mal auf einer halbwegs trockenen Stelle stehe, bleibe ich doch auch gleich hier und schaue mir noch eben OOMPH! an. Nach dem beinahe Komplett-Ausfall mit dem vorletzten Album "Des Wahnsinns fette Beute", scheinen die NDH-Vorreiter mit dem neuen Album "XXV" wohl wieder die Kurve zu bekommen. Zumindest lässt die eröffnende erste Single "Alles aus Liebe" dies vermuten. Im weiteren Verlauf sind es aber natürlich die großen Hits der Band, die das Publikum entsprechend begeistern können. Bei "Augen auf!" oder "Träumst du?" singt scheinbar jeder mit.
Was an diesem Wochenende unmöglich zu sein scheint, bringen wohl nur IN FLAMES fertig. Nicht nur, dass man es sich leisten kann, den wohl stärksten Song nicht als Zugabe, sondern wieder mal als Opener (!) zu spielen, hüpft das komplette Publikum zu eben "Only For The Weak" im Schlamm auf und ab - so gut es halt geht. Es folgen Hit auf Hit - "Cloud Connected", "The Quiet Place", "Where The Dead Ships Dwell", "The Mirror's Truth" - und dazu eine beeindruckende Licht- und Pyroshow zu perfektem Sound. Und falls wieder einmal die Diskussion aufkommt, was denn nach Motörhead, Maiden oder Priest noch kommen soll, der hat die Antwort soeben gesehen.
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, die Temperaturen sind unter 10 Grad gesunken und es ist dementsprechend richtig ungemütlich nass-kalt. Doch WITHIN TEMPTATION will ich mir zumindest noch ein bisschen anschauen und werde für mein Ausharren auch entsprechend belohnt. Mit klasse Songs wie "Angels", "Paradise (What About Us?), dem Lana Del Ray-Cover "Summertime Madness" oder "What Have You Done" können die Niederländer um Sängerin Sharon Den Adel auf die volle Unterstützung des Publikums zählen, das immer noch in großen Scharen auf dem Platz steht. Ein gelungener Abschluss des zweiten Tages - nun aber schnell zurück zum Auto. Bei dieser Kälte bin ich echt froh, nicht im Zelt schlafen zu müssen.

Samstag, 01. August

Letzter Festivaltag. Die letzten zwei Tage und Nächte stecken mir bereits in den Knochen und wie immer am Samstag, überlege ich bereits, wann ich heute Abend denn wohl nach Hause fahren werden. Doch bis dahin stehen noch ein paar Bands auf dem Programm. Den heutigen Beginn um 12 Uhr (was für eine Zeit ...) machen KATAKLYSM und die steigen gleich voll ein und hauen dem Publikum ein Brett nach dem anderen vor den Kopf. Ob "As I Slither", das abschließende "Crippled And Broken", "The Black Sheep" oder "Like Animals" - Fronter Maurizio Iacono hat das jetzt schon feierwütige Publikum fest im Griff und verlangt sämtliche Kraftreserven. Ein Auftakt nach Maß.
Warum eine Band wie POWERWOLF bereits um kurz nach 13 Uhr ran muss, wissen wohl nur die Veranstalter. Die Band aus, ähm, Transsilvanien legt jedenfalls gleich mit "Sanctified With Dynamite" los, um die "einzige heilige Heavy Metal Messe Europas" zu feiern. Und das gelingt ausgesprochen gut. Ober-Werwolf Attila Dorn treibt so manchen Unwetter-Dämon aus und schafft es sogar, das Publikum zu einem Circlepit anzustacheln - und zwar rückwärts! Neben neuem Material wie "Blessed & Possessed", "Armata Strigoi" und "Army Of The Night", ist es vor allem ein Gassenhauer wie "Resurrection By Erection", der sämtliche Jünger in Extase versetzt. So geht Headliner. Und nächstes Mal dann bitte auch zu einer entsprechenden Uhrzeit.
Auch wenn AMORPHIS heute ein spezielles "Tales From The Thousand Lakes"-Set spielen: die "tausend Seen" auf dem Gelände trocknen in großen Schritten aus - Sonne und Wind sei Dank. Man kann tatsächlich mal wieder 20 Meter laufen, ohne permanent auf den Boden schauen zu müssen. Die Finnen nutzen die Zeitreise ins Jahr 1994 jedenfalls bestens aus und präsentieren das Beste eines bis heute noch faszinierenden Albums. Natürlich ist das kühle "Black Winter Day" die Spitze einer Reihe von großartigen Songs, wie nicht nur dem zeitlosen "The Castaway" und vielen weiteren Titeln dieses Album-Klassikers. Auf neueres oder aktuelles Material verzichtet man heute ganz, dafür gibt's noch einen kleinen Abstecher in das 1996er Album "Elegy".

Danach geht's ab ins Zelt, um mal zu schauen, was es mit dem Hype um BEYOND THE BLACK auf sich hat. Dass Anhänger und Interessierte in Scharen vor die Bühne strömen, war abzusehen. Durchaus überrascht bin ich aber von der grandiosen Stimmung, die gleich von Beginn an herrscht. Mit Hits wie "In The Shadows" oder auch dem klasse Duett mit Herbie Langhans (ex-Seventh Avenue) ist es aber auch ein Leichtes. Zwar wird dieser Auftritt - bereits der zweite in Wacken - nichts daran ändern, dass sich an der Band um die junge Sängerin Jennifer Haben nach wie vor die Geister scheiden werden. Neutral betrachtet war das aber jedenfalls ein klasse Gig.
Ich bleibe gleich im Zelt, um mir im Anschluss von CRYPTOPSY gepflegt einen auf die Zwölf geben zu lassen, was bestens klappt. Zwar ist der technisch anspruchsvolle und extreme Death Metal der Kanadier - nicht nur für mich - nicht immer nachvollziehbar, aber das muss es ja auch nicht immer sein. Bemerkenswert ist es aber allemal, wie man "so eine" Art von Metal rundum überzeugend mit nur einem Gitarristen spielen kann. Das scheint das Publikum ähnlich zu sehen, denn es belohnt die Truppe stets mit viel Applaus.

Ein letztes Mal geht's zurück zum Infield. Ich bin physisch so langsam nicht mehr ganz auf der Höhe und habe auch noch eine entsprechende Autofahrt vor mir. Also heißt mein diesjähriger Festivalabschluss BLOODBATH. Noch fix ein Tourshirt gekauft und dann mal schauen, wie Paradise Lost-Fronter Nick Holmes speziell die älteren Sachen singen wird. Dass er das - für meinen Geschmack - völlig kritiklos schafft, war mir im Vorfeld eigentlich sowieso klar. Die schwedisch/englische Supergroup startet fulminant mit "Let The Stillborn Come To Me" vom aktuellen Album, Holmes gibt den blutüberströmten Priester und drückt solchen Killersongs wie "Weak Aside", "So You Die" oder "Cry My Name" seinen eigenen Stempel auf. Die präzise schwedische Brachialität, die hier dargeboten wird, macht schlicht und einfach Spaß und hat am Ende sogar noch eine kleine Überraschung parat: Dan Swanö (bis 2006 in der Band) entert die Bühne und gibt "Eaten" zum Besten - grandios! So, wie die gesamten 75 Minuten.

Ich bin mir sicher, dass die heutigen Headliner - Judas Priest, Cannibal Corpse und Sabaton - das diesjährige Wacken Open Air mehr als würdevoll abschließen werden.
Ich mache mich derweil auf den Heimweg. Das war also das 26. Wacken Open Air. Nicht nur für mich persönlich wohl eins der anstrengendsten, aufgrund der extremen Witterungsverhältnisse.

Text: Marco Zimmer
Fotos: Pressefreigabe