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Festival: HELL OVER HAMMABURG

03.-04. März 2016

Hamburg, Markthalle/Marx


Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Deswegen soll euch Leser auch gar nicht interessieren, unter welch stressigen Umständen der mega-metal.de-Abgesandte es doch noch zur vierten Ausgabe des Hell over Hammaburg Festivals geschafft hat. Eines ist auf jeden Fall sicher: Metal hat heilende Kräfte, gibt Energie zurück und macht einfach nur glücklich.

Freitag, 04. März - Markthalle

Im Gegensatz zu den letzten zwei Jahren hat sich etwas geändert. Die Warm Up Show fällt flach, dafür haben sich die Veranstalter für einen "halben" Festivalabend als Appetizer (welch Untertreibung!) entschieden, der - im Gegensatz zum Haupt-Tag - nur in der großen Markthalle über die Bühne geht.

Ihr habt die Einleitung gelesen, für die eröffnenden ARGUS tut es mir leid, dass ich zu wenig von ihnen mitbekomme, um vernünftige Zeilen über sie zu schreiben. Als Entschädigung gibt es zumindest ein Foto.

Argus

Mein "Wachmacher" heißt um 18:15 Uhr also KÖRGULL THE EXTERMINATOR. Wenngleich ich objektiv gestehen muss, dass die SpanierInnen irgendwie schaumgebremst rüberkommen. Rabiat, etwas stumpf und sogar leicht chaotisch, erfüllen sie auch in optischer Hinsicht nicht vollends die Erwartungen, die ihr aktuelles Album "Reborn From The Ashes" in mir schürte. Da fehlt mir irgendwie der Funke an Wahnsinn, der z.B. von Lilith's Stimme ausgeht.

Körgull The Exterminator

Da haben ARCHGOAT das Ding mit dem "Stumpf-Gerüpel" schon wesentlich besser drauf. Die finnischen Urgesteine des (Bestial) Black Metal haben es zwar auch nicht so mit einem ihrem Sound entsprechenden Stageacting, verziehen aber keine Miene, während sie ihre wuchtigen Hassbatzen ohne Unterlass in die Markthalle absondern. Die "Die Hard"-Fanatiker gehen derweil mit jedem weiteren Song steil wie Fiffi und opfern sich mit wehenden Matten und kleinen Pits. Diverse "Hey Hey"-Rufe (zugegegeben - die Celtic Frost-Riffs eignen sich gut dafür) lassen zwar die Frage offen, ob das noch "Bestial Evil" sei, doch als das Mikro von Bassist Lord Angelslayer während eines Songs herunterrutscht, ist der Chef gar nicht amüsiert und pfeffert das Ding stinksauer irgendwo zwischen die Boxen. Danach cool wie Tom Araya zum Nächsten schlendern und das gemeine Fussvolk den Schaden richten lassen. Welch Stümper auch.

Den Kalauer des Wochenendes hat natürlich wieder meine Frau belauscht. "Nee, das ist nicht der Typ von High Spirits. Der hier hat viel kürzere Haare.". Alter! Wer die Visage von "Professor" Chris Black nicht erkennt, muss zurück in die Grundschule. Ich komme aber gleich mit, weil ich aus Zeitmangel einfach nicht vollends mit dem Material der Amis vertraut bin. Das wiederum macht gar nichts, denn Black & Co. zocken ihren anspruchsvollen Metal seit je her mit angenehmem Zugänglichkeitsfaktor. Darüber hinaus bedienen sie gleich mehrmals ihr Referenzwerk "Nucleus" und lassen mit Tempoausbrüchen, wie beim Rausschmeißer "Endless Guilt", auch die Muckis spielen. Das Auftreten von "Xiphias" bestärkt mich derweil darin, dass das letzte Album "Night Of The Hammer" immer noch nicht das Gelbe vom Ei ist und vom vorgestellten, neuen Song "Into The Maze" jetzt schon getoppt wird. Thumbs up!

Dawnbringer

Flashback beim Freitagsheadliner. "Legste mir noch'n bisschen Delay auf die Vocals?!". Exakt die selben Worte gab SULPHUR AEON-Fronter M. an gleicher Stelle im Jahr 2014 von sich … doch dieses Mal ist "das derzeitige Death Metal-Maß aller europäischen Dinge" der Headliner und hat die Position nicht nur durch das zweite Album "Gateways To Annnihilation" zu Recht inne. Ein paar wenige in der Markthalle mosern zwar herum, dass die Drums den Gitarren keine Luft zum Atmen lassen und dass die wirklich perfekt aufeinander eingespielte Band auch genau so perfekt wie auf CD klingt. Doch dann kommen die beiden übermächtigen Titelsongs "Swallowed By The Oceans Tide" und "Gateways To Annihilation", flankiert durch abartig geile Geschosse wie "Devotion To The Cosmic Chaos", "Titans" oder "The Devils Gorge" und schon ist aller Negativismus verstummt, denn Sulphur Aeon haben regiert!

Sulphur Aeon

Samstag, 05. März - Markthalle/Marx

Schlafen, Duschen, Frühstücken, Schlafen, Frischluft tanken, Metal! Ja, das wird ein guter Tag … unter dem - zumindest was mich betrifft - nur die Bands zu leiden haben, die im Marx auftreten. Man hat halt seine eigenen Vorlieben und kann sich auch nicht zerreißen. Aber der Markthalle/Marx-Crossover wird trotzdem weiterhin wohlwollend von den Fans angenommen und ist ja auch irgendwie eine echt coole Sache. Bitte nicht ändern!

LETHAL STEEL, den Opener im Marx, muss ich aber sehen und mir schnell einen Platz sichern. Sorry an die Berliner HEAT, die "drüben" hoffentlich ordentlich abgerockt haben. Die schwedischen Jungspunde machen es gar clever und fangen einfach zehn Minuten früher an. Das speedige "Warrior" sorgt gleich für Stimmung und auch das restliche Material ihres Ende Januar erschienenen Debüts "Legion Of The Night" lässt die Herzen der Traditionsbanger im Marx höher schlagen. Die Jungs sind dermaßen Old School, dass man mit geschlossenen Augen nicht auf eine solche blutjunge Band kommen würde. Die Jungs ziehen ihr Set leicht nervös, aber mit Klasse und Herzblut durch und Sänger Viktor Gustafsson lässt mit leichten Stimmproblemen "durchblicken", dass er mit seinen Jungs gestern wohl ordentlich gefeiert hat. Was soll's - in der Dreiviertelstunde sind alle glücklich.

Lethal Steel

Verdammter Bühnen-Crossover - ich gebe Hackengas, um pünktlich in der Markthalle zu sein. Das Deutschland-Debüt von TRIAL darf ich nicht verpassen. Ihr Zweitwerk "Vessel" vom letzten Jahr klingelt immer noch in meinen Ohren und es soll so sein, dass die Schweden auch in der Lage sind, diese Qualität auch auf die Bühne zu bringen. Gleich der Einstieg mit "To New Ends" und "Where Man Becomes All" versetzt die Spezialisten im Publikum in Ekstase, während - das muss man zugeben - sich die Halle von Song zu Song dezent leert. Auf den Mix aus Mercyful Fate, Sanctuary und leichten schwarzmetallischen Anleihen kann halt nicht jeder und an der Stimme von "Mr. Theatralik des Tages" Linus Johansson scheiden sich wohl auch die Geister. In musikalischer A-Klasse wie "Ecstasy Waltz" kann man indes keine Fehler finden. Schade nur, dass "Restless Blood" ausgespart wurde, dann wäre ich vor der Bühne in die Knie gegangen.

Zeit für die (un?)erwarteten Abräumer. Keine Ahnung, wie das WEDERGANGER-Debüt "Halfvergaan Ontwaakt" so an mir vorbeigegangen ist, aber nach diesem Auftritt wird sich das ändern! Das Black Metal-Überfallkommando aus den benachbarten Niederlanden zelebriert seinen sowohl originellen, als auch radikal finsteren Sound mit genau dem richtigen Schuss Wahnsinn, den solch ein Sound braucht. Jeans, schwere Stiefel, Hoodie, Kapuze, Lederjacke drüber, das nächste Opfer suchend. Wenn die beiden (!) Fronter Botmuyl und Alfschijn Schulter an Schulter vom Drumriser gen Bühnenrand stapfen, kann man echt Angst bekommen. Während Botmuyl fast so stoisch wahnsinnig wie Gaahl (God Seed, ex-Gorgoroth) wirkt und dabei markerschütternde Vocals von sich gibt, ist es gerade Heldentenor Alfschijn, der über die Bühne wütet, als wollte er sich bei Midnight bewerben und mal gleich den Mikroständer schrottet. Das Ergebnis ist ein Rausch, der mehr als nachhaltig in den Köpfen der Anwesenden hängenbleibt. Ja, Wederganger haben schlichtweg abgeräumt!

Wederganger

Das beweist danach auch die Schlange vor dem Merch-Stand der Niederländer … es gleicht einer Belagerung. Ich gönne mir derweil eine Verschnaufpause, in der mir auffällt, dass ein Blick ins Marx auch aus Gründen der Vervollständigung gut wäre. Hier böllern gerade BESTIAL RAIDS den bis an die Decke gefüllten Raum so zu, dass Archgoat vom Vortag wie Filigrankünstler wirken. Das Polen-Trio, von denen ich einen Blasphemy-"Ziehsohn" an Bass und Mikro und einen bösen Gasmaskenträger an der Gitarre erspähen kann, rangiert in Insiderkreisen im oberen Bereich des Bestial/War Black Metal … ja, passt!

Diverse Gründe führten zu einer längeren Pause und ich könnte mir selbst nachsagen, dass ich RAM nicht von Anfang an sehe, weil sie "nur" der Ersatz für Black Trip sind, deren Sänger Joseph Toll gerade mit seiner Hauptband Enforcer in Südamerika unterwegs ist. Aber RAM sind der bestmögliche "Ersatz" und ihr aktuelles Album "Svbversvm" einfach zu geil, als dass man sie deswegen ignoriert. Mit einem Hechtsprung schaffe ich es noch zum Monster-Finale, bestehend aus der neuen Überhymne "The Usurper" (ein unfassbar geiler Song!), so wie "Machine Invaders" und "Infuriator". So schnell kann man wieder im Metal-Himmel sein!

RAM

Es war mir ein Anliegen, zumindest irgendetwas von (dolch) zu sehen, da die Band ja auch ein Mysterium um sich selbst macht - dachten sich auch nicht wenige, die so dicht gedrängt im kleinen Marx stehen, dass kein Dolch mehr dazwischen passt … ich weiß, der Witz ist blöd, aber die Vorstellung, mit einer Brechstange noch eine Briefmarke in das Marx hinein zu schieben, ist irgendwie auch skurril …

Da kann ich mich lieber auf den bevorstehenden Auftritt von SKEPTICISM vorbereiten. Live-Gigs der finnischen Funeral Doom Urväter sind rar gesät und ein beeindruckendes Schauspiel. In massivem Zeitlupentempo und einem perfekten Gleichgewicht aus Härte und Zerbrechlichkeit, nimmt der 50-minütige Trauermarsch seinen Lauf. Zentraler Punkt des Gigs - Sänger Matti Tilaeus. Der Mann grollt abgrundtief in sein Mikro, während er sich in den Gesangspausen der regungslosen, tiefen Trauer hingibt. Dazu gehören auch die weißen Rosen, die er zu Beginn auf die Monitorboxen legt, später an weibliche Besucher verteilt und eine weitere fast achtlos ins Publikum wirft … dass diese dann auch noch ungefangen bleibt und leblos zu Boden fällt, steht heute als Synonym für die Trostlosigkeit und überwältigend schöne Ausweglosigkeit des Dargebotenen. Die Meister haben gesprochen und zerlegen mit dem finalen "Closing Music" gestandene Männer in ihre emotionalen Einzelteile!

Skepticism

Können die Polen von MGLA das toppen? Sie sind zumindest derzeit in aller Black Metal Munde. Ich wollte mich ganz bewusst überraschen lassen, vermied fast jeglichen Vorabkontakt und kann nach diesem Gig den "Hype" (buh!) zumindest auf musikalischer Ebene total verstehen. Die komplett vermummte Truppe entfacht einen Flächenbrand aus infernalischem Black Metal, der in Sachen Dichte, Melodie und Finsternis sehr wohl Erinnerungen an die Glanztage von Emperor, Dissection oder Naglfar hervorrufen darf. Die Truppe gibt nie nach, fordert vehement, ist schwarz bis ins Mark und kennt kein Erbarmen. Sie haben in meinen Augen nur einen Fehler. Was bringen mir drei fast bewegungslose Gestalten auf der Bühne, während meine Ohren meinem Hirn permanente Amok-Signale geben?! Die einzig wahre Augenweide der Band ist Drummer Darkside. Ihm die ganze Zeit bei der Ausübung seines Fachs zuzuschauen, ist eine wahre Pracht. Den Rest lasse ich jetzt unter den Tisch fallen - die Werke der Band gehören schleunigst in meine Sammlung!

MGLA

Nach der MGLA-Schelle lichten sich die Reihen der Markthalle zumindest so weit, dass man leider attestieren muss, dass z.B. Satan vor zwei Jahren mehr Zuspruch als Headliner hatten. Echte DEMON-Fans stört das wenig, werden sie von ihren Helden gleich mehrfach mit Songs des "The Unexpected Guest"-Album belohnt. Live-Konzerte waren in der Vergangenheit selten - Sänger Dave Hill spricht von seinem beinahe Hörverlust - und der Keep It True-Gig ist auch schon fast sechs Jahre her. Doch hier und heute läuft zumindest alles rund, in der Mitte des Sets wird es ein klitzekleines bisschen zäh, was aber auch an der fehlenden Kondition nach anderthalb Tagen Qualitätsbeschallung liegen kann. De facto agiert hier eine über dreißig Jahre alte Band, die ihre Erfahrung voll ausspielt und dabei trotzdem noch richtig Spaß an der ganzen Sache hat. Und vielleicht kommt es auch nur mir so vor, als würden heute alle auf die beiden unvermeidlichen Überhits "Don't Break The Circle" und "Night Of The Demon" warten. Dabei hat die Band noch viel mehr davon, nur sind an diesem Abend nicht alle im Gepäck.

Demon

Danach falle ich völlig ausgepowert ins Bett und bin heilfroh, doch noch hier gewesen zu sein. Das Hell over Hammaburg hat sich in Windeseile zu etwas ganz Besonderem entwickelt, wenngleich - die Scherze sind hoffentlich erlaubt - ich ein Wacken'sches Schmunzeln im Gesicht hatte, als Sulphur Aeon nach zwei Jahren schon wieder bestätigt wurden und die Festivalleitung mit der Ankündigung der diesjährigen Ausgabe die Worte "The IVth Crusade" benutzte, aber trotzdem partout nicht Bolt Thrower auf dem Billing erscheinen wollten…
HoH 2017 wirft seine Schatten bereits voraus - man "munkel", die Tygers Of Pan Tang, Sortilegia, Dark Forest und Night Viper sind mit von der Partie. Reicht mir schon als Grund - bis nächstes Jahr!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp