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Konzert: MY DYING BRIDE - 02.04.2016 - Hamburg

Location: Grünspan
Support: Oceans Of Slumber


Wann waren My Dying Bride eigentlich zum letzten Mal für eine vollwertige Headliner-Tour in deutschen Landen unterwegs?! Ich kann mich nicht erinnern. Und sieht man mal von einigen Festivalauftritten in den letzten Jahren ab, ist es auch kein Wunder, dass der Hamburger Grünspan ziemlich gut gefüllt ist, weil jeder sich dieses Happening nicht entgehen lassen möchte - schon gar nicht auf einem Samstagabend.


Den "Vorturner" machen OCEANS OF SLUMBER aus Houston/Texas und sie geben mir als leicht zusammengewürfelter Haufen auch gleich Futter in Bezug auf ihre Herkunft, denn "Houston, wir haben ein Problem". Die Truppe serviert wellenartigen Doom mit proggigen Ansätzen und erstklassigem Gesang von Frontfrau Cammie Gilbert. Dazwischen türmen sich Blastbeat-Kaskaden auf, in denen sich Frickelsoli tummeln, ein Gitarrist liefert zwischendurch Metalcore-artiges Shouting, der Bassist tiefe Death-Growls, während der Drummer sein Kit - zumindest ultrapräzise - in seine Einzelteile zerlegt. In irgendeiner Form ist das interessant, die Mischung aber etwas zu breit gefächert, wodurch ich mich dazu hinreissen lasse, Frontfrau Cammie eine Band zu empfehlen, die ihrer würdig ist. An ihrer gesanglichen Leistung und auch ihrer optischen Präsenz gibt es nämlich nichts zu bemängeln. Auch für das mittendrin zugeblastete Moody Blues-Cover "Nights In White Satin" am Schluss kann sie wohl weniger etwas.

Oceans Of Slumber

Schlussendlich warten heute eh alle auf MY DYING BRIDE. Das Publikum - selbst ähnlich zusammengewürfelt, wie die Vorband - lässt daran keinen Zweifel, denn der Applaus nach jedem Song ist großartig, wenngleich es spannend mit anzusehen ist, wie Metal-Heads, Gothics, Jugendliche und Endvierziger jeder auf seine Weise die einzigartige Musik der britischen Trauer-Meister geniessen. My Dying Bride tun indes das, was sie immer getan haben - sie gehen auf die Bühne und triumphieren. Der 2014 zurückgekehrte Gitarrist Calvin Robertshaw brilliert mit seinem "Gegenspieler" Andrew Craighan, als wären all die Jahre nie gewesen, Bassistin Lena legt zusammen mit Drummer Dan Mullins das unumstössliche Fundament, während Keyboarder/Violinist Shaun MacGowan die einzigartigen Farbtupfer setzt, die den Sound von My Dying Bride so berühmt gemacht haben. Und nach den ersten vier instrumentalen Minuten von "Your River" betritt Aaron Stainthorpe die Bühne mit den bekannten Worten "Your bloodied body is what I cling to" … und Zack, er hat sie alle. Niemand, und ich meine niemand, leidet auf der Bühne so glaubwürdig und echt, wie dieser Mann. Er lebt jede Zeile, jedes Wort, jeden Ton, muss sich dabei nicht mal viel bewegen und strahlt zu jeder Sekunde die Einzigartigkeit der sterbenden Braut aus. Aber der Mann ist auch der Kommunikation mächtig und spricht heute Abend des Öfteren ein paar Worte, die zurückhaltend und mit britischem Humor unterlegt sind, aber immer seine Ehrlichkeit preisgeben. Schaut man sich dazu noch die Setlist an, merkt man überdeutlich, dass My Dying Bride im Prinzip in der Form ihres Lebens sind. Zehn Alben in 13 Songs zu bedienen ist schon eine Kunst. Jeder wird wohl den einen oder anderen "seiner/ihrer" Lieblinge vermissen. Aber dass es das Sextett mit Leichtigkeit und unbekümmerter Selbstverständlichkeit schafft, den Bogen vom aktuellen Album "Feel The Misery" (und einer herzzerreissenden Performance von Aaron in "And My Father Left Forever"), bis zur ersten EP "Symphonaire Infernus et Spera Empyrium" (und einem brachialen "Erotic Literature" vom Debüt!) zu spannen, zeigt eindeutig, dass diese Band ein Alleinstellungsmerkmal für sich bzw. in der Metalwelt geschaffen hat. Dafür werden My Dying Bride zu Recht genreübergreifend respektiert und verehrt. Ein wundervoller Abend mit der sterbenden Braut geht nach anderthalb Stunden zu Ende, jeder will mehr, bekommt nichts und ist trotzdem überglücklich.

My Dying Bride

Setlist - My Dying Bride
Your River
From Darkest Skies
And My Father Left Forever
My Body, A Funeral
Feel The Misery
Thy Raven Wings
The Prize Of Beauty
Erotic Literature
To Shiver In Empty Halls
The Cry Of Mankind
She Is The Dark

Like A Perpetual Funeral
Symphonaire Infernus et Spera Empyrium


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp