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Festival: RELOAD - 26. bis 27.08.2016 - Sulingen

Waren es im letzten Jahr noch 6.500 Besucher, die das Reload Festival 2015 bereits zu einem Erfolg machten, fanden in diesem Jahr sogar knapp 10.000 Feierwütige den Weg ins niedersächsische Sulingen, südlich von Bremen.
Die Wetterprognosen für das letzte Augustwochenende sagten bereits voraus, auf was man sich einstellen musste: Extreme Hitze und damit verbunden auch jede Menge Staub - keine Ahnung, was an diesen beiden Tagen letztendlich unangenehmer war.

Die Warm Up-Party am Donnerstag im Zelt vor dem Festivalgelände, in der bereits drei Bands spielen, u.a. die Dimple Minds, muss wie immer ohne mich auskommen. Mein Urlaub ist halt begrenzt.

Freitag, 26. August

Der erste Festivaltag beginnt zeitlich etwas arg knapp. Bändchen holen, im Hotel einchecken, zurück zum Gelände, usw., was leider zur Folge hat, dass ich von der belgischen Post Metal/Sludge Band STEAK NUMBER EIGHT gerade noch die letzten Takte mitbekommen. Schade, aber vermutlich funktioniert der nicht ganz leicht verdauliche Sound der Jungs ohnehin besser in einem Club.
Das Aachener Trio FJØRT, das als Definition ihrer Musik auch "Lärm" mit angibt, ist indes gar nicht mal so anstrengend und lärmend, wie man es vermuten würde. Der Post Hardcore (passt besser) der Band sorgt für ein sich immer weiter füllendes Gelände (trotz jetzt schon erbarmungsloser Hitze) und nicht nur mit "Valhalla" hat man einen ziemlichen Hit im Gepäck.
Bei einem heutigen Headliner wie Limp Bizkit, macht die US-Crossover Band DOG EAT DOG natürlich absolut Sinn. 1991 gegründet, hat es Truppe gerade mal auf vier Alben gebracht, wobei die einzigen zählbaren Erfolge der Band auch eben in den 90er Jahren lagen. Mein Fall ist das alles nicht so wirklich, auch wenn ein Kracher wie "Pull My Finger" selbst mich zum Mitwippen verleitet.

Im Anschluss folgt ein US Hardcore Dreierpaket, das man vielleicht anders über den Tag/die Tage hätte verteilen können. COMEBACK KID sind eher meine heutige Hintergrundmusik zum Shoppen und rauschen einmal mehr nahezu spurlos an mir vorbei. STICK TO YOUR GUNS gefallen da schon etwas besser, was wohl daran liegt, dass die Band aus Orange County immerhin ein paar Melodien am Start hat. Respekt an dieser Stelle ans Publikum, das bei exakt 34 Grad (!) einen Circlepit anzettelt. Ich schwitze mich bereits tot, ohne überhaupt irgendetwas zu machen. Im Anschluss halten AGNOSTIC FRONT die bisherige Stimmung gut aufrecht und überzeugen gegen Ende auch die letzten Zweifler - mich eingeschlossen - mit einer klasse Coverversion von "Blitzkrieg Bop".
Mein erstes Highlight am heutigen Tag sind am frühen Abend die EMIL BULLS, die wie immer mit viel Sympathie, Spielfreude und klasse Songs überzeugen. Auch wenn es langsam auf 19 Uhr zugeht, von Abkühlung ist irgendwie keine Spur. Das Publikum tanzt und tobt und ein mörderisches Dreierpaket aus "The Most Evil Spell", "The Way Of The Warrior" und "Here Comes The Fire" lässt ohnehin niemanden stillstehen.

Emil Bulls

Kurz bevor FEAR FACTORY die Bühne betreten, wird neben mir im Publikum getuschelt: "hoffentlich spielen die viel altes Zeug!". Dem schließe ich mich zwar durchaus grob an, auch wenn nicht zuletzt das heute vorgetragene "Powershifter" nicht nur richtig stark ist, sondern für mich auch einer der besten Fear Factory-Songs der letzten paar Jahre ist. Aber natürlich sind es Titel wie "Replica", zu denen das Publikum richtig steil geht. Meine Befürchtungen, dass Sänger Burton C. Bell - wie bei meinen vergangenen Kontakten mit der Band leider häufiger vorgekommen - die cleanen Töne nicht so wirklich trifft, sind heute zum Glück unbegründet. Mir persönlich reichen die 45 Minuten dann aber auch, denn dieser typische Industrial-Drumsound der Band ist mir irgendwann auch echt genug.
Von ARCH ENEMY "mit Frau am Mikro" mag man halten, was man will. Fakt ist, die Band war nie so erfolgreich wie aktuell mit Alissa White-Gluz und das letzte Album "War Eternal" ist ein Kracher. Und abgesehen davon: Was in der kommenden dreiviertel Stunde an Riffs und Gitarrenmelodien von der Bühne fegt, ist absolut traumhaft. Ja, die Schweden eben. Und Frau White-Gluz (Blue-Gluz würde besser passen...) gibt wie gewohnt die sexy Rampensau. Ob neueres Material wie "No Gods, No Masters" (bei dem das ganze Publikum springt) oder ältere Songs wie "Ravenous", die schwedisch/kanadische Truppe hat das Publikum stets sicher im Griff, kann es sich sogar leisten, auf "We Will Rise" zu verzichten (schade...), schließt aber überragend mit "Nemesis" ab.

Arch Enemy

HATEBREED gehören zu den wenigen Hardcore-Bands, die selbst ich mir immer wieder gerne anschaue. Das liegt vermutlich daran, dass sie ja eigentlich dann doch mehr Metal als Hardcore sind. Mit "Destroy Everything" zu beginnen, macht jedenfalls gleich mächtig Laune und die Hardcore-Fans, die am Nachmittag noch nicht auf dem Gelände waren, sind jetzt allesamt vor der Bühne und feiern ihre Helden ordentlich ab. Die Temperaturen sind mittlerweile endlich soweit abgesunken, dass man etwas Langärmliges anziehen kann und sich auch ohne sofortige Schweißausbrüche bewegen kann. Letzteres passt mir speziell bei "Live For This" (großartig!) eigentlich ganz gut.
Als letztes Jahr bekannt wurde, dass LIMP BIZKIT einer der diesjährigen Headliner sein werden, hielt sich meine Begeisterung etwas in Grenzen. Schon zur Jahrtausendwende fand ich im direkten Vergleich Linkin Park immer irgendwie besser. Und wenn man es darauf anlegt, kann man den heutigen Gig auch sicherlich gut zerpflücken und kritisieren. Zu viele Samples, zu viel Gerede, zu viele Coversongs halb angespielt (Metallica, Pantera, Nirvana - zumindest "Du hast" von Rammstein war echt cool!) und rein netto bleiben unterm Strich nur wenige wirkliche Limp Bizkit-Songs übrig. Fred Durst - letzte Woche erst 46 Jahre alt geworden - gibt den hippen Crossover-Macker und entschädigt mit genau den Songs, die hier heute jeder hören will: "Rollin'" (als Opener!), "My Generation", "My Way", sowie als grandiosem Finale "Take A Look Around" (Gän-se-haut!). Das direkt im Anschluss eingespielte Outro, "Don't You" von den Simple Minds, hält die überragende Stimmung noch ein paar Minuten oben. Alleine für die "paar Hits", hat sich das allemal gelohnt.

Limp Bizkit

Die ursprünglich als Samstags-Opener gesetzten Itchy Poopzkid, mussten wegen Terminproblemen nun im Anschluss im Zelt ran. Super Band, zig Mal gesehen, aber nach mittlerweile gut zwölf Stunden Live-Musik, habe ich jetzt nur noch zwei Wünsche: Duschen (!) und schlafen.

Samstag, 27. August

Davon, dass Itchy Poopzkid heute nun nicht der Opener sind, profitieren AS WE ARISE aus Stadthagen - die Zweitplatzierten des Reload Bandcontests (die Sieger spielen im Anschluss), die nun spontan noch mit auf das Billing gerutscht sind. Vom Veranstalter als "Frühsportband" angekündigt, gibt Fronter Max das heutige Motto auch gleich vor: "Nicht dumm rumstehen, sondern mitmachen!". Das lassen sich einige Besucher auf dem sich zunehmend füllenden Platz vor der Bühne nicht zweimal sagen und sorgen mit so manchem Circlepit für ordentliche Staubwolken. Ein sympathischer Auftritt der Metalcore/Hardcore-Band, die sichtlich Freude am Gig hat und diverse kleine Geschenke ins Publikum wirft.
Danach haben es FRIDAY FLASHBACK, die Gewinner des Reload Bandcontests, deutlich schwerer. Vor der Bühne ist es merklich leerer geworden, obwohl der Pop Punk/Skate Punk des Quintetts aus dem nur 30 km entfernten Nienburg bei der jetzt schon wieder brütenden Sonne irgendwie besser passt. Keine Ahnung, ob die Truppe auch Coversongs spielt, aber so manches kommt mir irgendwie bekannt vor (Blink-182 anyone?)

Weil mich DAS PACK vor zwei Jahren schon auf dem Deichbrand Festival zum Lachen gebracht haben, ist das Hamburger Trio für mich heute natürlich Pflicht. Und sie spielen wieder alle ... ähm ... Hits: "Du bist eine Nutte", "Pferdeapfel", "Heavy Metal Kind" (und alle rufen SLAYER!), sowie "Vanillebär". Wer immer noch meint, J.B.O. wären lustig, möge sich bitte unbedingt mal Das Pack geben.
Wie wichtig ein guter Sänger ist, wird mir im Anschluss bei BURNING DOWN ALASKA recht deutlich. Musikalisch ist der (selbst betitelte) "New Wave Hardcore" der Recklinghausener Truppe durchaus ansprechend, aber leider machen die Growls von Tobias Rische so einiges kaputt. Die wenigen cleanen Parts von Kassim Auale sind dagegen zwar ganz okay, reißen aber auch nicht mehr viel raus. Sorry Leute, aber das ist nicht so meins.
An dieser Stelle hätte ich mich nun eigentlich riesig auf Unearth gefreut, die aber leider wieder absagen mussten. Der "Ersatz" ist WATCH OUT STAMPEDE! - mal wieder, denn die Bremer spielten erst letztes Jahr hier. Dufte Jungs, aber als Unearth-Ersatz hatte ich mir dann doch etwas anderes erhofft. Mehr gibt's aber auch nicht zu meckern. Obwohl ... Kesha's "Die Young" finde ich im Original schon so schlecht, dass die heutige Metalcore-Coverversion auch nicht viel besser ist. Aber ansonsten passt bei der jungen Truppe alles und der Sound ist ziemlich mächtig.
Wie man Metalcore/Post-Hardcore in Perfektion zelebriert, zeigen danach die schwedischen ADEPT auf eindrucksvolle Weise. Sänger Robert Ljung schwitzt in der prallen Sonne schon nach wenigen Takten buchstäblich wie ein Schwein, gibt aber unentwegt Vollgas. Bei mittlerweile mehr als zehn Jahren Bandgeschichte hat man natürlich so einiges an Hits in petto: "The Ivory Tower", "Shark! Shark! Shark!", das klasse "The Lost Boys", sowie die aktuelle Single "Dark Clouds". Und irgendwie frage ich mich, ob das ein neuer Trend geworden ist, dass sich das ganze Publikum - zum wiederholten Male an diesem Wochenende - hinhocken/hinsetzen soll und auf Drei hochspringt? Wer's mag.

Adept

Für die MONSTERS OF LIEDERMACHING reicht meine musikalische Toleranz heute dann leider nicht aus. Sechs Herren sitzen auf Stühlen und geben Liedermacher/Singer/Songwriter-Musik zum Besten. Manche finden's gar komisch, ich frage mich wiederholt, was das eigentlich soll ... auf einem Metal-/Rock-Festival ...
Dann doch lieber DIE KASSIERER, bei denen es eine sehr weise Entscheidung von mir war, keine Fotos vom Fotograben aus zu machen, denn Sänger Wolfgang Wendland lässt recht früh bereits seine Hose komplett herunter und singt minutenlang so, wie Gott ihn erschaffen hat. Möchte man das bei einem Mitte 50-Jährigen aus nächster Nähe sehen? Ich glaube nicht. Erfreuen wir uns also lieber an solch tiefgründigen Punk-Songs wie "Besoffen sein", "Sex mit dem Sozialarbeiter", "Blumenkohl am Pillemann" (Hit!) und natürlich "Mach die Titten frei, ich will wichsen".
Es ist zwar erst 14 Tage her, dass ich SODOM das letzte Mal gesehen habe, aber das schmälert die Vorfreude und den Genuss in keinster Weise. Nachdem bereits im letzten Jahr Kreator das Reload Festival "niedergethrasht" haben, sind nun also Tom Angelripper & Co. an der Reihe. Und die lassen sich natürlich nicht lumpen und servieren neben Songs vom neuen Album "Decision Day" natürlich auch solch unsterbliche Klassiker wie "Outbreak Of Evil", "Ausgebombt", "Agent Orange", sowie "In War And Pieces" oder "Sodomy And Lust".

Sodom

Ich habe AIRBOURNE in der Tat noch nie zuvor live gesehen und auf bisherigen Festival erfolgreich ignoriert, denn ich habe mir immer gesagt: "Wenn ich AC/DC hören will, höre ich AC/DC.". Nun, nach dieser wirklich klasse Show der (ebenfalls) Australier, stelle ich fest, dass ich der Band damit schon ein Stück weit Unrecht getan habe. Okay, Songs wie "Too Much, Too Young, Too Fast" klingen schon sehr stark nach dem "Original" und bei einem anderen Song schwirrt mir spontan "Highway To Hell" im Kopf herum. Das alles ändert aber nichts daran, dass dieser Gig - inklusive des wirklich klasse Sounds - wirklich beeindruckend war. Ich werde mir vermutlich nie eine CD von Airbourne zulegen, aber live kann man sich diese sehr sympathische und äußerst spielfreudige Band jederzeit geben. Ich bin durchaus etwas überrascht.
Ebenfalls überrascht es, warum es die Verantwortlichen bei FIVE FINGER DEATH PUNCH nicht hinbekommen, in knapp einer Stunde Umbauzeit (angesetzt waren 30 Minuten), einen ähnlich guten Sound wie zuvor bei Airbourne hinzubekommen. So gehen die ersten zwei, drei Songs leider im Soundbrei unter, was extrem schade ist, denn das eröffnende Triple hat es mächtig in sich: "Lift Me Up", "Hard To See" und "Never Enough". Sänger Ivan Moody mimt zwischenzeitlich den Psycho, die Band agiert höchst professionell und nicht zuletzt Songs wie "Burn MF" lassen das Publikum (viele Tagesgäste mit Five Finger Death Punch-Shirt) regelrecht ausrasten.

Five Finger Death Punch

Doch was war das? Habe ich da tatsächlich einen Regentropfen abbekommen? Kurz darauf blitzt es am Nachthimmel und da wir alle wissen, wie das enden kann, entschließe ich mich, den Rückweg zum Hotel anzutreten. Es fängt nun wirklich an zu regnen und die Blitze am Himmel kommen näher. Statt eines 30-minütigen Fußmarsches zurück zum Hotel, entschließe ich mich spontan für ein Taxi, was sich als goldrichtige Entscheidung herausstellt. Kaum im Hotel angekommen, schüttet es aus allen Eimern. Ich höre vom Hotelzimmer aus tatsächlich noch das abschließende "The Bleeding", sage DANKE RELOAD FESTIVAL 2016 und freue mich jetzt schon wieder auf das nächste Jahr!

Text: Marco Zimmer
Fotos (Bands): Marco Zimmer
Fotos (Crowd): Jessika Wollstein