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Festival: HELL OVER HAMMABURG

03. und 04. März 2017
Hamburg - Markthalle/Marx


Schon irre, wie schnell sich das Hell Over Hammaburg Festival zu einer festen Institution in der einheimischen Festivallandschaft gemausert hat. Für mich ist es eh zu einem weiteren Stammfestival geworden, für Forumsmitglieder eines gewissen "tauben" Metal-Magazins zum alljährlichen Treffen und trotzdem gibt es immer wieder neue Gesichter, die sich die "ein Gebäude/zwei Bühnen"-Geschichte zu Gemüte führen wollen. Hauptsächlich natürlich wegen der exquisiten Bands, die hier aufspielen.

Freitag, 03. März - Markthalle

Was habe ich gelacht …
Offensichtlich bin ich der einzige Mensch auf diesem Erdball, der dem neuen Hellbringer-Album "Awakened From The Abyss" - sagen wir mal - "nichts abgewinnen" konnte (was mir auch von offizieller Seite bestätigt wurde), aber das ist mir schnuppe. Danach lief der Band der Gitarrist weg und schlussendlich sagten sie ihren HoH-Auftritt ab … und damit das klar ist: Ich bin nicht schuld daran!
Ihren Eröffnungsposten nahmen ARROGANZ dankend an, mussten aber vor einer etwas spärlichen Kulisse ran, in die noch nicht so viel Bewegung kommen will, wahrscheinlich weil man "gerade erst aus dem Puff geworfen wurde" (O-Ton: Fronter -K-). Ja, Arroganz sind so und böllern ihren Death Metal eben roh und brutal hinaus. Für Songs wie das doomige "Intoxicate" und besonders den Titelsong des zweiten Album "Kaos.Kult.Kreation" gibt es aber vernünftigen Applaus.

Arroganz

Ganz nebenbei fällt mir auf, dass ich wirklich seit dem letzten HoH nicht mehr in diesem Gebäude war und der Markthalle mal ein Kompliment für die Upgrades machen möchte. Toiletten saniert, neue Tresen, die Theke im Marx ist verschwunden, dadurch gibt es keine Stufen mehr. Ob die Raucher letztes Jahr in ihrem Aussenbereich schon Heizstrahler hatten, weiß ich als pseudo-militanter Nichtraucher natürlich nicht, aber beim Durchqueren ist das schon angenehmer. Alles in Allem gute Veränderungen.

Bei NIGHT VIPER wird sich wohl in Zukunft nichts ändern, wie ein neuer Song zeigt. Die wie immer gekonnt zwischen Seventies Rock-Charme und Eighties Metal-Frische grätschende Band aus Schweden sammelt mit jedem weiteren Song Pluspunkte und räumt echt knackig ab. Liegt es an der zierlichen Frontfrau Sophie-Lee, die zwar keine perfekte Sängerin ist, dafür aber Authentizität versprüht? Oder an Drummerin (!) Jonna Karlsson, die ihre Mannschaft mit Druck und einem permanenten Grinsen antreibt? Oder ist es einfach der ansteckende Enthusiasmus der gesamten Band um Gitarrenhüne Tom Sutton? Wohl von allem etwas. Sie verbreiten einfach gute Laune.
Randbemerkung hier: Besoffen ist, wer bereits beim Soundcheck ausgiebig dem Headbanging frönt. Es ist gerade kurz nach 17 Uhr …

Night Viper

"Schaut euch bloß UADA an!" schreibt Kollege Marco vom heimeligen PC und meine Frau macht ihn mit einem Social Media-Foto Posting neidisch. Neue Welt eben …
… in der das Quartett aus Portland/Oregon einen wirklich mächtigen Eindruck hinterlässt! Kein Bühnenlicht, nur vier Halogenstrahler auf der Bühne bzw. hinter dem Drumkit und dann ab die Post in die Neunziger, die uns UADA mit wohligen, rabiaten und rasenden Reminiszenzen an Bands wie Naglfar und vor allem Dissection vor den Latz knallen. Gerade in Bezug auf Letztere sind die Amis eine willkommene Alternative für diejenigen, die sich die Dissection-Meisterwerke aufgrund von Jon Nödtveid's krimineller Entgleisungen nicht mehr unfallfrei anhören können.
Dass die Verwendung von mehr Vokalen als Konsonanten im Bandnamen auch automatisch für mehr Bewegung auf der Bühne sorgt, ist leider nicht wissenschaftlich bewiesen. Ein Vergleich mit MGLA vom letzten Jahr lässt die Vermutung aber zu …
Fazit: bärenstarker Auftritt, der eine weitere Verfolgung der Band unumgänglich macht! Da ist der Run auf das Merchandising vorhersehbar (siehe Wederganger im letzten Jahr) und so bin ich clever genug, um schon mit den letzten Tönen das Debüt "Devoid Of Light" als schicke Schallplatte einzutüten.

UADA

Ob mir nun die Australier Tarot besser gefallen hätten (sie haben ja leider abgesagt), wage ich nicht zu behaupten, aber die nachrückenden OUR SURVIVAL DEPENDS ON US um Funkenflug-Initiator Barth hatten es auf Konserve schon nicht leicht bei mir. Man kann nicht alles mögen und auf den Bergeremiten-Sound der Salzburger muss man sich einlassen müssen (ja, diese Betonung muss sein müssen!). Zumindest entwickeln die Songs live mitunter einen amtlichen Groove, einige gesungene Töne sind nicht immer ganz gerade, aber mangelnde Überzeugung kann man der Band weiß Gott nicht vorwerfen. Deswegen würde ich sie auch nie als schlecht bezeichnen. "Schlecht" wird einem da schon eher durch den permanenten Weihrauch-"Beschuss" von der Bühne, der für einen unfreiwilligen Kalauer sorgt. Man kann eine Ode an die Natur wie "Mountains Of My Home" schwerlich geniessen, wenn die Lüftung in der großen Halle sogar durch eingesetzten Gehörschutz zu vernehmen ist …

Welchen Nachteil hat ein Indoor-Festival? Wenn du an der Theke stehst und dich mit Bekannten verquatschst, kannst du nicht nebenbei Bands sehen. Mit einem Viertel Ohr vernehme ich zwischendurch "Euthanasia", wohl wissend, dass ich eigentlich schon längst in der Halle bei den TYGERS OF PAN TANG sein sollte. Die NWOBHM-Urgesteine um das einzig verbliebene Originalmitglied Robb Weir rocken aber im aktuellen Line Up dermaßen cool drauflos, dass ich froh bin, zumindest noch Klassiker wie "Suzie Smiled" oder "Spellbound" mitzubekommen. Wie schon auf den Re-Recordings aus 2010 und 2011 zu hören, macht speziell Sänger Jacopo Meille eine gute Figur mit seiner mehr als nur passenden Stimme.

Tygers Of Pan Tang

Dass man während des gesamten Festivals öfter mal mit seinem Handy spielt, ist in der heutigen Zeit ja nichts Neues. Aber nebenbei erfährt man beim Surfen und "HoH ist sooo geil"-Bilder posten, dass am 03. März 1977 keine Geringeren als Status Quo ihr internationales Bühnendebüt in der Hamburger Markthalle feierten.

Wer hätte da gedacht, dass genau 40 Jahre später eine der tiefsten Unterwelt entsprungene Band wie GRAVE MIASMA den Freitagabend des Hell Over Hammaburg Festivals beschließt. Also, ich im ersten Moment nicht. Und der Großteil der Besucher auch nicht, da sich die Halle im Laufe der knapp 75 Minuten merklich leert. Wer bleibt schon freiwillig im siebten Kreis der Hölle?! Nun, alle, die sich vor der Bühne in der unbändigen Entschlossenheit und völligen Unberechenbarkeit der Band berauschen lassen. Dieses Death/Black Metal Quartett kommt zwar aus London, ist aber ansonsten nicht von dieser Welt. Und das ohne irgendwelche Schnickschnack-Requisiten auf der Bühne. Nur eine Band, die ihre außergewöhnlichen Kompositionen auch körperlich unterstreicht und somit weitaus mehr Glaubhaftigkeit ausstrahlt, als so manche "Ritual-Inszenierung". "Uff" kann ich da nur sagen, wenn ich einer leibhaftigen Transformation beiwohne ("Yama Tranforms Into Afterlife") oder morbide Größe verspüre ("My Tomb Is My Altar"). Das letzte Mal erlebte ich solch eine Bewusstseinsattacke bei einem Esoteric-Gig. Bin ich noch hier? Ja, Zugabe startet gerade - "Ascension Eye". Danach brachte mich nur der Dauerregen auf dem Weg zum Hotel wieder zurück ins irdische Leben. Uff!

Grave Miasma

Samstag, 04. März - Markthalle/Marx

Über gutes Wetter freut man sich immer. Aber der Samstag ist draußen so angenehm, dass es fast eine Schande ist, den Rest des Tages in der Halle zu verbringen. Aber wer will bei solch einem Line Up widerstehen?!

Nun, ich widerstehe - aber in der Halle. Da eröffnen DOOL und ich frage mich ernsthaft, warum neuerdings alle auf Post Punk, Dark Wave und dergleichen stehen. Sind es noch Nachwehen des einstigen The Devil's Blood-Hype, da deren Rhythmus-Fraktion hier agiert? Viel haben die beiden aber echt nicht gemein, außer die drei Gitarren und eine Frontfrau (die aber eine der Klampfen bedient). DOOL sind gemäß dem, was ich leicht genervt, auf den Wachmacher-Kick wartend in mein Notizbuch kritzele "intelligenter, melancholisch bis depressiver Studenten Post Rock mit mehr Bums und ein wenig Dark Wave". Sie machen ihre Sache gut, gehen nur komplett an mir vorbei und bleiben im Endeffekt das, was TDB mir auch schon waren - egal.

Ein richtiger Wachmacher wartet im kleinen Marx und hört auf den Namen VULTURE. Speed/Thrash meets latent angeschwärzte Vocals meets 'ne Wagenladung Nieten meets ein geil adaptiertes "Rapid Fire" von Judas Priest. So war es auf ihrer letztjährigen Debüt-EP "Victim To The Blade", so donnert es heute durch den Raum und bringt die Meute in Wallungen. Für mich immer wieder faszinierend, wie sich ein Quintett auf der kleinen Bühne nicht gegenseitig die Nieten in den Speck rammt. "Rapid Fire" kommt abermals richtig gut in der Vulture-Version, das neue "Electric Ecstacy" aber auch. Danke Jungs, ich bin wach und muss schon gleich weiter …

Vulture

… denn jetzt ziehe ich in den Krieg. Und das einzige, was nicht zum QRIXKUOR-Auftritt passte, waren die Räucherstäbchen. Etwa zum Hammer verzuckern?! Nein, was dieses Höllenkommando aus London treibt, ist noch viel weniger für Zartbesaitete als Grave Miasma gestern - nur eben ohne Headlinerqualitäten. Ein Flächenbrand aus vermeintlichem Death Metal Chaos (denn die Jungs wissen genau, wie sie ihre Instrumente zu bedienen haben!) und schwarzmetallischer Extremität, der gemeingefährlich und beängstigend durch die Markthalle donnert. Nicht mehr und nicht weniger, aber im allerhöchsten Maße massiv!

Die neuen Begebenheiten im kleinen Marx machen einen kurzen Blick auf das aktuelle Geschehen jetzt leichter. Sehr schön. Also mal eben bei YEAR OF THE COBRA reinschnuppern. Gegen die Reduzierung von Instrumenten habe ich nichts, solange sie einen Raum füllen können und Großartiges zu leisten im Stande sind - siehe Mantar oder Bölzer. Aber das ist hier Drum 'n Bass - natürlich nicht der Stil, sondern die Instrumentierung nebst der Bass spielenden Sängerin. Das funktioniert in meinen Ohren so gar nicht und klingt, als würde man beim Rehearsal panisch auf den Gitarristen warten.

Waren Qrixkuor wohl mit an der Spitze der diesjährigen HoH-Extremitäten, so sind DARK FOREST der helle Traditionsstern auf der anderen Seite. Böse Zungen reden fast von Hobbit Metal … na ja, die Briten sehen zumindest aus wie Robin Hood's Erben, haben aber alle Argumente auf ihrer Seite. Ihre Songs haben Drive, Melodien bis zum Abwinken, einen glasklaren Sänger und mit dem neuen Album "Beyond The Veil" haben die Briten ihr bis dato bestes Werk abgeliefert. Kein Wunder, dass gleich vier Songs daraus zum Zuge kommen, wobei "Where The Arrows Falls" und besonders das großartige "Autumn's Crown" richtig abräumen. Es ist halt doch ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Schalala und Symphonie-Schmalz und kitschfreiem Integrieren von mittelalterlichem Vermächtnis.

Dark Forest

Das wird auch zum Thema im spontanen Gespräch mit einem Pärchen aus Österreich, die sofort reagieren, als ich Dark Forest als "very british indeed" bezeichne, weil sogar der Schlagzeuger Linkshänder ist. Zusammen legen wir dann nochmals fest, dass die einzige Metalband aus Deutschland, die in der Lage ist/war/sein wird, solch ein tolles Folk-Flair in klassischen Metalsound zu präsentieren, eben Blind Guardian sind. Ende der Durchsage.

Mit langem Quatschen lässt sich meine nächste Verspätung in der großen Halle wieder nicht verhindern, was im ersten Moment auch nicht schlimm, da es SORTILEGIA sind, die die Markthalle abermals mit Räucherwerk verseuchen. Zumindest hört man die Lüftung jetzt nicht, denn von der Bühne fegt ein Black Metal-Orkan, den ich aufgrund seiner rhythmischen Gleichförmigkeit zwar bedingt geil finde, ihm durch die unheimliche Sogwirkung aber trotzdem gespannt beiwohne. Abgesehen davon ist das Ganze visuell … nun, ein minimalistisches Happening. Wieder kein Bühnenlicht, dafür ein kleiner Altar mit sage und schreibe 13 Kerzen (für die gesamte Markthalle!), hinter denen sich Fronterin Koldovsto mit ihrer Axt verschanzt - der viehisch treibende Drummer Haereticus ward gar nicht gesehen. Faszinierendes Spektakel, welches man als Erst-Konsument nicht wirklich greifen kann.

Zeit für was ganz Anderes. Wie definiert man "Headliner"? Ganz leicht - wenn ein ganz bestimmter Song bereits vor dem Auftritt durch die große Halle schallt und auch nach dem Gig in der Halle, im Foyer und sogar auf dem Lokus (!) zu hören ist. "Hiiiiiiigh Spirits"!! Nagelt mich darauf fest, die HIGH SPIRITS werden in zwei oder drei Jahren dieses Festival beschliessen. Stimmungsmäßig ist es heute schon so weit. Zwölf Mal greift die hochagile Truppe um Sänger/Entertainer Chris Black (Dawnbringer, Pharaoh) in ihre High Energy Rock/Metal-Fundgrube und hat ja bekanntlich weitaus mehr, als nur die besagte Bandhymne zu bieten. "Flying High", "Full Power", natürlich "Another Night In The City", "You Make Love Impossible" oder "When The Lights Go Down" - jeder Song ein Treffer, ein Ohrwurm … ein Endorphin-Spender, findet auch meine österreichische Bekanntschaft. Der Typ steht auf der anderen langen Seite der Halle in meinem Blickfeld und grinst 50 Minuten lang bis hinter beide Ohren.
Unumstössliches Fazit: Das war soeben der nächste HoH-Headliner! Dann aber bitte nicht - so wie heute - zehn Minuten früher abhauen. Das geht doch nicht …

High Spirits

Danach folgt eine isländische Black Metal Band, die ihr mir absichtlich vorab nicht zu Gemüte geführt habe, weil ich aus erster Hand wissen wollte, warum MISþYRMING diese Co-Headliner-Position verdient haben. Da kommen vier blutjunge und völlig verschmierte Typen auf die Bühne und brettern mit einer "scheißegal, ob ihr denkt, dass wir zu jung sind"-Einstellung ultrahart, wahnsinnig mächtig und höllisch versiert durch spannende und clever ausgearbeitete "abseits gängiger"-Formate Dampframmen, dass mir Hören und Sehen vergeht. Denen sitzt irgendetwas Schlimmeres als nur der Schalk im Nacken, das grenzt schon an Besessenheit. Ergebenheit trifft es auch, wie das "Ritual" zeigt, nach jedem Song kollektiv hinter den Mikroständern auf die Knie zu gehen, bevor es in die nächste Keule geht. Ja, die Position erscheint verdient und die Band werde ich mir ganz besonders merken.

Stell dir vor, es ist Open Air Festival Saison und du willst vor dem Headliner nur kurz zum Auto, noch mal einschenken, verquatscht dich und hörst die beginnende Band aus der Ferne. Nun, das Hell Over Hammaburg ist drinnen, das Auto ist in diesem Fall das Hotel, das "Einschenken" beschränkt sich auf fünf Minuten in der Waagerechten relaxen …
… und dann kommt man halt wieder zu spät - und ich ahnte, dass das nicht unbedingt schlimm ist. Sind ANGEL WITCH am Ende doch ein One Hit Wonder?! Mitten ins Geschehen rein, sehe ich eine Band um den letzten Mohikaner Kevin Heybourne, die ihren Set solide runter zockt, einen zumindest engagiert wirkenden Bassisten vorzuweisen hat und in den (vielen) Doppel-Lead-Passagen eine regelmäßige Zusammenführung von Kevin und seinem Kollegen sieht. Die Halle ist zwar voller als erwartet, aber Stimmung sieht anders aus. Ich bin mir nicht sicher, ob die Band das auch merkt und genau weiß, worauf eh nur alle warten. "Angel Of Death" kommt fast Punkt Mitternacht, danach der 1978er Demosong "Baphomet" und dann halt das unvermeidliche, irgendwie lasch runtergespulte "Angel Witch". Das Publikum will auch nicht mehr so aus der Hüfte, kein Vergleich zu den High Spirits und selbst Demon hatten im letzten Jahr weitaus mehr Zuspruch - und auch mehr Hits …

… und da waren sie wieder, meine drei Probleme:
1. Ein abermals geiles Festival ist schon wieder vorbei.
2. Wieder wenig Bands im kleinen Marx gesehen, was zwar an meinen Vorlieben liegt, aber auch an der hochkarätigen Besetzung in der großen Halle.
3. Eigentlich könnte es gleich weitergehen. Für 2018 ist ein Wiedersehen mit Venenum, Atlantean Kodex, Solstice und Midnight angekündigt.

Klarer Fall - bis nächstes Jahr!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp