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Festival: KEEP IT TRUE XX - 28./29.04.2017

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


"Zehn Jahre Keep It True, Herzlichen Glückwunsch!" dieser Kalauer eines nicht ganz unbekannten Pressevertreters klingelt immer noch nach - nachzuhören auf der entsprechenden DVD-Nachlese. Hochoffiziell jährlich pilgert die True-Gemeinde aber erst seit 2009 nach Lauda-Königshofen, verkauft die Tauberfrankenhalle regelmäßig aus und wurde durch die traumhafte Atmosphäre fast schon zur zweiten Heimat für den Schreiber dieser Zeilen.
Und was gibt es zum 20. Geburtstag? Brennendes Mobiliar, umgekippte Dixies, Camping-Besucher ohne Karte, einige Rückkehrer-Bands und sogar einen Veranstalter, der auch mal einen Song singen darf. Nein, wir sind hier nicht in Wacken! Auf einer Geburtstagsparty herrschen eben andere Gesetze. Da die musikalische Klasse außerdem seit je her das A und O darstellt und dieses Jahr einige wirklich faustdicke Überraschungen dabei waren, bleibt nur zu sagen:
Herzlichen Glückwunsch an Oliver Weinsheimer, Tarek Maghary und des Rest der Crew zum 20. Keep It True - "most True Metal Event of the year!"

Donnerstag, 27. April

Nur ein paar bierselige Worte zur obligatorischen Warm Up Party in der Sporthalle Dittigheim. Drinnen ist es schön warm, draußen arschkalt. Ein Rätsel, warum so viele lieber vor der Halle bleiben. Dort ist der absolute Cirith Ungol-Belagerungszustand mit Unmengen von Autogrammen und Fotos. Nebenbei bekommt Drummer Robert Garven auf der DJ-Bühne eine ansehnliche Lederjacke mit dem "Frost & Fire"-Airbush überreicht. Hintergründe dieser Aktion bleiben aber ungeklärt, weil die Akteure (DJ und Rob) keine stimmliche Autorität gegenüber der blubbernden Fan-Masse beweisen können. Skurril. Ansonsten der übliche Anheizer-Abend mit cooler Mucke aus der Konserve und der Gewissheit, dass Distelhäuser Bier weiterhin nichts für metallische Kehlen ist. Das zusätzlich angebotene Keller-/Land-Bier wird bereits vor (!) Mitternacht als "leer" ausgeschrieben.

Freitag, 28. April

Über den alljährlichen Run auf die Karten für das nächste Jahr brauche ich wohl nicht mehr viel erzählen. Gut nur, dass die Türen bereits zwei Stunden vor der ersten Band geöffnet werden. Wobei … ohne den Blick zur Bühne ist mein Bild von SATAN'S HOLLOW viel stimmiger. Traumhaft traditioneller Metal aus Chicago mit interessanter Frauenstimme und dafür gibt es dicken Applaus … Augen auf und wir haben einen Sexy T-Verschnitt am Bass (fairerweise sage ich dazu, dass er als kurzfristiger Ersatz kam) und eine texanische Hausfrau mit modischem Haarschnitt am Mikro. Ja, ich muss schmunzeln, kann mich ihrer musikalischen Qualität aber nicht entziehen. Das frisch veröffentlichte selbstbetitelte Debüt wird also nachträglich noch mal genau unter die Lupe genommen.

Satan's Hollow

Über die helle Robin Hood-Gewandung von WYTCH HAZEL muss ich auch schmunzeln. Musikalisch aber wieder nichts zu meckern. Sänger/Gitarrist Colin Hendra entschuldigt das Fehlen des Bassisten, was schade ist, da so den hochmelodischen und filigranen Doppel-Leads ein wenig das Fundament fehlt. Der Mix aus NWOBHM und Folk Rock der Truppe aus Lancaster/UK kommt trotzdem verdammt gut an und erinnert mich Unwissenden spontan an die Landsmänner von Dark Forest, nur eben ohne die vorherrschende Metal-Keule. Das zügige "Proclaim" oder "We Will Be Strong" haben trotzdem große Reize.
Star des Auftrittes ist hingegen der blinde (zumindest stark sehbehinderte) Drummer … kann man mal so stehen und wirken lassen!

Wer mehr "Metal" braucht, bleibt gleich, denn mehr Metal als bei MAJESTY geht natürlich nicht. Klar, dass Tarek Maghary und seine Recken auf dem 20. KIT nicht fehlen und mit der Festivalhymne "Keep It True" auch den Sack zumachen. Technische Probleme verzögern leider den Beginn, so dass man sich mit "Die Like Kings", "Hail To Majesty", "Metal Law" und "Thunder Rider" begnügen muss. Aber das bitte mit allen Klischees und einer Hallenladung Pathos, so dass auch die kleinen Podeste nebst Nebelfontänen ihre Daseinsberechtigung haben. Und dann noch das "Geburtstagsgeschenk" in Form von Oliver Weinsheimer höchst selbst, der mit Majesty den Song "Fight For Honour" seiner ehemaligen Band Shadows Of Iga singt. Sichtlich nervös helfen ihm "seine" Besucher vor der Bühne aber durch den Song, der - das muss gesagt werden - eine schöne Abwechslung im Majesty-Set darstellt.

Majesty

Es gibt solche und solche, und ATROPHY waren - warum auch immer - nie meine Art Thrash Metal Band. Hier stehen sie nun zu drei Fünftel im Original (Gesang, Bass, Drums), erst fällt eine Gitarre aus, dann der Bass, Sänger Brian Zimmermann kündigt sicherheitshalber schon mal den Ausfall der zweiten Gitarre an (der aber ausbleibt!), aber der Funke will irgendwie nicht richtig überspringen. "Violent By Nature" und natürlich "Chemical Dependency" machen schon Spaß und die Szene-Relevanz von "Beer Bong" erklärt sich von selbst, aber das KIT hat zumindest seit meinem Erstbesuch 2008 weitaus bessere Thrash Bands aus der alten Garde gesehen.

Die Grillpause am Camp macht sich Q5 zum Opfer und auch weite Teile des MEDIEVAL STEEL-Sets, aber seien wir doch ausnahmsweise etwas ehrlicher … und ich weiß, dass gleich Steine fliegen werden. Es war der "Magic Moment" des KIT 2013 - der Song "Medieval Steel". Und ja, die Halle steht auch dieses Jahr wieder absolut Kopf. Dieser Magie kann man sich gar nicht entziehen, außer man hat einen echten Hass auf epischen US Sound. Die Vorfreude (Untertreibung!) auf genau diesen Song liegt permanent in der Luft und diese Reduzierung scheint fast alles andere zu killen. Ähnliches erlebte ich just bei Angel Witch auf dem Hell over Hammaburg Festival. Und nun lasse ich es raus - Medieval Steel sind für mich ein One Hit Wonder.

Was man von OMEN wahrlich und ohne Übertreibung nicht behaupten kann. "Death Rider", "Last Rites" (wow!), "Warning Of Danger", "Teeth Of The Hydra", "Die By The Blade" und natürlich auch "Battle Cry" - die ersten drei Alben sind nach wie vor unantastbar. Und ihre Klasse lässt schon etwas darüber hinwegsehen, wie abwesend der Bassist eigentlich auf der Bühne ist und Gitarrist Kenny Powell auch schon aktivere Tage gesehen hat - Letzterem möchte ich aber aufgrund seiner Bemühungen keine Vorwürfe machen. Die Hauptshow muss also Mikro-Rückkehrer Kevin Goocher schmeißen, was er energisch und mit einer charmant schrulligen Art auch tut. Gesanglich ist das Geschmackssache. Er passt (wieder) zu Omen, keine Frage. Sein temporärer Ersatzmann George Call gefiel mir stimmlich dennoch besser, wenngleich er durch seine Leistung auf der neuen Cloven Hoof-Scheibe zeigt, dass er bei Omen eigentlich unter seinen Möglichkeiten agierte. Mann, als Metal-Nerd hat man echt Probleme …

Omen

Was dann passiert, treibt mir beim Blick in mein Notizheft immer noch die Freudentränen in die Augen. Da steht was von "so tight, so geil, so AAAH" und "UNFASSBAR". Und ich lege mich fest - DEMOLITION HAMMER liefern hier und heute den besten Thrash Metal Gig ab, den ich seit meinem Erstbesuch 2008 hier erlebt habe. Und das schliesst Sacrifice, Whiplash, Morbid Saint und sogar Rigor Mortis mit ein. Die Original-Mannschaft, die in Angel Cotte einen wahrhaft würdigen "Ersatz" für das verstorbene Schlagzeugmonster Vinnie Daze gefunden hat, legt binnen einer Stunde alles in Schutt und Asche, was diese Bühne je gesehen hat. Die relevanten Longplayer "Tortured Existence" und "Epidemic Of Violence" (von "Time Bomb" will hier heute niemand etwas hören!) werden quasi im Wechsel bedient, Bassist Steve Reynolds (55 Jahre jung!) flucht mehr als Rob Flynn und Alexi Laiho zusammen und seine Sidekicks Derek Sykes (Alter?) und James Reilly (57 Jahre!) haben ihre Saiten ultrapräzise im Griff und sind dabei aktiver, als manch anderer (sorry!) "alte Sack". Von "Skull Fracturing Nightmare" über das Vinnie Daze gewidmete "Hydrophobia", dem "Tortured Existence"-CD Bonustrack "Cataclysm" (!) bis zum alles zermalmenden Finale "Human Dissection"/"44 Caliber Brain Surgery" - jeder Schlag zerstört und die Menge wütet. Die totale Machtdemonstration.

Demolition Hammer

Nach dem Freudentaumel noch MANILLA ROAD? Das wird hart, zumal ich bereits 2008 an gleicher Stelle zugab, nie ein vollwertiger Freund dieses Sounds zu werden. Der erste Teil des Sets steht ganz im Zeichen von Schlagzeug-Rückkehrer Randy Fox. Der beeindruckt bereits, als er bei "The Prophecy" neben den Drums auch noch Keyboard spielt und in Windeseile einen fallengelassenen Stick kompensiert. "Mystification", "Dragon Star" und "Into The Courts Of Chaos" nehme ich noch gut wahr, doch spätestens bei "Flaming Metal System" (jetzt mit dem aktuellen Drummer Neudi) ist für mich ob des Demolition Hammer-Abrisses die Luft raus und ich zitiere aus meinen Notizen:
"Es ist journalistisch nicht wertvoll, eine dreiviertel Stunde vor Ende des Sets die Segel zu streichen. Aber wenn mein mitgereister bester Freund die Band feiert, die er auch "nur" nachträglich kennen und lieben gelernt hat, dann heißt das für mich etwas."
Mit dem als "Neudi-Request" angesagten "The Empire" entschwinde ich gen Koje.

Manilla Road

Samstag, 29. April

Der Morgen danach brachte dann das böse Erwachen. Nicht durch Hangover oder einen Muskelkater im Nacken durch die Demolition Hammer-Behandlung - nein, auf dem Weg zur Toilette im Sportlerheim verdrängt Fassungslosigkeit meine Müdigkeit. Umgekippte Dixie-Klos und eine Feuertonne, in der eine völlig verkohlte Bierzeltgarniturenbank steht, nebst diversen metallischen Gestängen. Ja, wo sind wir denn hier?! Später beim Frühstück kommen unsere Camp-Nachbarn mit einem intakten Pavillon (also vier Mann, vier Ecken) aus eben jenem "Drecksbereich" zurück. Mein verwunderter Blick wird quittiert mit "die haben uns heute Nacht die Stühle geklaut und verbrannt!". Auf meine Frage, ob der Pavillon nun die Retourkutsche sei, wird lieb gelächelt … touché.

Es ist kurz nach Zwölf und unfassbar, dass ich fast pünktlich in der Halle bin. Unfassbar ist aber auch, wie voll die Halle bereits ist. Keine Frage, ETERNAL CHAMPION aus Austin/Texas haben mit ihrem Longplay-Debüt "The Armor Of Ire" echt Staub aufgewirbelt und die Epic/US Fans wollen natürlich wissen, was da live geht. Nun, einiges! Vielleicht sind die Ansagen von Sänger Jason Tarpey doch etwas arg leise, sein stattlicher Oberkörper fördert hingegen bei so manchen männlichen Besuchern die vergessenen "mehr Sport"-Neujahrsvorsätze wieder zutage. Seine spezielle Stimme und fordernde Performance sorgen auf jeden Fall dafür, dass der Titelsong, "The Last King Of Pictdom" und das traumhaft malerische "Invoker" genau so glänzen, wie auf dem Tonträger und man an diesem Wochenende ganz viele Eternal Champion-Leibchen durch die Menge flanieren sieht. Eröffnung nach Maß!

Eternal Champion

Aber es kommt noch besser. "The Revenant King" soll laut einigen Spezies in der Szene das Album im klassischen Bereich des Jahres 2015 gewesen sein. Ich habe es verpasst, bin aber neugierig, wenn sogar Primordial's Alan Averill höchst selbst dafür gesorgt haben soll, dass VISIGOTH einen Deal bei Metal Blade bekommen. Und dann WOW! Die junge Truppe aus Salt Lake City gibt von der ersten Sekunde an Gas, überzeugt mit einer traditionellen Saitenkunst auf überraschend tief gelegten Gitarren und mittendrin der Derwisch Jake Rogers am Mikro, mit einem Ketten- und Nietenfetisch wie Rob Halford in den Frühachtzigern und einer kraftvolle Stimme in angenehm mittlerer Lage, die er trotz seiner agilen Performance immer im Griff hat. Und so geschieht es, dass ich binnen zweieinhalb Songs (!) vor dem Merch-Stand stehe und mir das Album bei laufendem Betrieb einsacke. Völlig überrumpelt von dieser Frische und purer Metal-Ausstrahlung, lasse ich Songs Songs sein und reagiere nur noch bei den Worten "letzter Song" und "Titelsong", den Jake Rogers dann mit Jason Tarpey von Eternal Champion im Duett schmettert. Und was ist das mal für ein heroischer Refrain - also können auch junge Bands einen "Magic Moment" auf dem KIT erschaffen!

Visigoth

Der Tag hat gerade begonnen und schon zwei solch starke Highlights - da nervt mich auf dem Rückweg zum Auto nicht mal ein Jüngling im "Drecksbereich", der mir ein alkoholisiertes "ey, ich hasse dein Shirt" entgegen wirft. So so, um knapp 14 Uhr bereits volltrunkene Jungspunde mit schneeweißem Bon Jovi-Achselshirt mögen also kein Arckanum … gut, dass ich das jetzt weiß …

Man verzeihe mir, wenn ich an dieser Stelle das Programmheft zitiere:
"Für viele Fans ist die EP von GLACIER einer der besten Releases des Genres. Leider starb im letzten Jahr der Mainman der Band Sam Easley. Als Tribut an Sam und diese großartige Band werden unter dem Namen DEVIL IN DISGUISE Originalsänger Mike Podrybau und befreundete Musiker aus Chicago die komplette EP, zwei unveröffentlichte Songs und den Demoklassiker "Eastern Guns" darbieten."
Ganz objektiv: der gute Wille zählt, die Umsetzung empfand ich als Unwissender gut, Mike ist natürlich in die Jahre gekommen (die EP ist immerhin von 1985), singt aber gut. Doch seine Kameraden sehen aus wie zusammengewürfelt. Optisch passt da gar nichts! Gegen die geile Uptempo-Nummer "Live For The Whip" (O-Ton Mike: "Der Song ist unveröffentlicht, außer ihr habt die Bootlegs."), "Speak No Evil", "Vendetta" (Bäng und die Matten vor der Bühne fliegen!) und eben "Eastern Guns" (bockstarker Refrain) bin ich aber trotzdem machtlos und muss die EP in der CD-Version ebenfalls verhaften - aber nicht in der signierten Form für mal eben 25 Euro mehr. Ich bitte euch …

Eine Band fällt dem Grill und diversen Plauschereien immer zum Opfer - TRAITORS GATE werden es verschmerzen. Ich auch. Dafür bin ich gestärkt für die nächste NWOBHM-Vollbedienung, die mit NIGHT DEMON schon in den Startlöchern sitzt. 2014 hatte ich sie noch beiläufig abgetan, heute sieht das ganz anders aus. Jarvis Leatherby und seine neuen Sidekicks reißen unglaublich mit und lassen keine Verschnaufpause für sich selbst und das Publikum mit der Schnappatmungseröffnung "Welcome To The Night"/"Full Speed Ahead"/"Maiden Hell". Eine NWOBHM-Verehrung jagt die Nächste und eigentlich wäre der Gig eh schon ein Triumphzug. Aber nein, Night Demon müssen noch "nachtreten" und bringen die Stimmung mit Iron Maiden's "Wasted Years" zum Überkochen. Boah!

Night Demon

Es ist schon witzig. Auf CD war ich von ATLANTEAN KODEX immer sehr angetan, aber live hatte ich dann wieder meine Probleme. Ich rede hier nicht von "schlecht", sondern von der Begeisterungsfähigkeit beider Seiten. Und ja, ich weiß, dass der Kodex keine Tralala-Stimmungskanonen-Mucke spielt. Dennoch - das gigantische Feedback bei "Sol Invictus" und der pure Gänsehautfaktor von "Twelve Stars And An Azure Gown" machen Deutschlands Epic Band Nr. 1 zu einem "Phänomen", welches ich einfach würdigen muss!

Was habe ich mich auf LEATHER Leone gefreut und werde instrumental und optisch erst mal nicht enttäuscht. Die Chastain-Stimme, die zu Recht als eine der besten Frauenstimmen überhaupt im Metal der Achtziger und Neunziger gehandelt wird, hat dieses Mal eine optisch und spielerisch waschechte Metal-Truppe um sich geschart und scheint mit ihrem überschäumenden Aktivismus auf der Bühne einem Jungbrunnen entsprungen. Mit den Chastain-Krachern "Ruler Of The Wasteland", "Chains Of Love", "Black Knight" oder "The Voice Of The Cult" im Gepäck, kann sie bei den Anwesenden auch gar nichts verkehrt machen. Interessant, dass "The 7th Of Never" oder der Titelsong ihres 1989er Soloalbums "Shock Waves" in der aktuellen Live-Fassung überraschend zeitgemäß hart klingen. Was mir alles nichts ausmacht, weil ich noch an den Tag zurück denke, als ich als vorpubertärer Hüpfer zum ersten Mal das "For Those Who Dare"-Video um TV sah. Ein objektiver Fakt ist aber, dass Menschen älter werden und Stimmen manchmal nicht mehr so mitziehen. Das fiel mir bereits auf dem letzten Chastain-Album "We Bleed Metal" auf und mir blutet das Herz, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass die gute Leather Leone heute bei eben "For Those Who Dare" und dem unsterblichen "Angel Of Mercy" arg kämpft und das Publikum zum Mitsingen animiert, weil sie es muss, nicht weil sie es will. Ich bin zwiegespalten.

Bei ASHBURY bleibe ich bei meinen Worten von vor zwei Jahren. "Die Kulttruppe aus Arizona liefert wirkliches Kontrastprogramm, nur eben frei von Metal". Und in weiser Voraussicht, dass der Abend noch lang ist und Großes seine Schatten vorauswirft, verzichte ich dankend.

Bei FIFTH ANGEL habe ich etwas gut zu machen. Gegenüber mir und der Band. 2010 (das Vulkan-Jahr) gab ich konditionell nach acht Songs auf. Nachdem ich ihre beiden Melodic/Power Metal-Traumscheiben "Fifth Angel" (1986) und "Time Will Tell“´" (1989) seitdem verinnerlicht hatte, ist die Marschrichtung klar. Und Fifth Angel machen daraus ein Kinderspiel. Satte fünfzehn Hits (wirklich nur Hits!!) feuert die Truppe ab, während ich in mein Notizbuch bei "In The Fallout", "Shout It Out", "Cathedral" (so groß!), "Call Out The Warning" (jaaa!) und "Wings Of Destiny" die dicksten Stimmungsbarometer-Kreuzchen kritzele. Man stelle sich mal vor: Diese Band hatte auf dieser Bühne 2010 ihren allerersten Live-Auftritt überhaupt, verschwand wieder und reformierte sich in diesem Jahr wieder für diesen Gig, plus einen vorher irgendwo in den USA - und liefert eine Glanzleistung ab. Selbst mit dem (sehr) kurzfristig eingesprungenen Q5-Drummer, weil sich Ur-Drummer Ken Mary kurz vorher an der Schulter verletze. Für mich ganz klar der beste Auftritt direkt hinter Demolition Hammer.

Fifth Angel

Und für die letzte Aussage wird man mich wohl wieder anfeinden. Aber ja, auch ich weiß genau, dass der CIRITH UNGOL-Auftritt Metal-historisch betrachtet, das Beste an diesem Wochenende ist. Wenn nicht gleich beim ersten Song die komplette Lichtanlage den Geist aufgegeben würde. Die Band zockt weiter und Bassist Jarvis Leatherby (Night Demon) flucht in seiner Funktion als Bandmanager in Richtung Stagecrew. Richtig in den Griff bekommt man das Problem nicht und die Leitern hinter dem Drumkit taten ihr Übriges, um Leatherby fast zum Meucheln zu bewegen, aber irgendwann gibt es zumindest farbiges Licht.
Nun meine Beichte. Erwartet keinen Fanboy/Kult-Bericht hier. Ich habe mich im Vorfeld absichtlich nicht mit Cirith Ungol beschäftigt, um diesen Auftritt als meinen Erstkontakt zu geniessen. Geniessen, genau! Vielleicht ist es sogar das fehlende Licht (welches den Fotografen im Graben die Schweißperlen auf die Stirn treibt), welches in Verbindung mit dem Opener, einer tighten Performance, der unmenschlichen Stimme von Tim Baker und den wie ein Befreiungsschlag detonierenden Worte "I'm Alive" geschuldet, dass ich sofort regelrecht in den Bann gezogen werde. "Join The Legions" heißt es als Nächstes und ihre Legionen, die sie sich im Laufe der Jahre aus den Lagern des kauzigen US Metal, dem Doom und des Black Metal rekrutiert haben, stehen wie ein Mann hinter ihnen! Meine nächsten Kreuzchen mache ich nun aus eigener Begeisterung und reagiere sofort bei "Blood & Iron", "Frost And Fire", "The Finger Of Scorn", "Chaos Descends", "Fallen Idols" und "Paradise Lost". Für mich steht schon nach der Hälfte der Spielzeit fest, dass die aktuellen Re-Releases der vier Longplayer bald mir gehören werden.
Ist dieser Auftritt - diese Reunion überhaupt - nun das, worauf die(se) Metalwelt wirklich gewartet hat? Das können nur Zeitzeugen und bedingungslose Cirith Ungol-Vergötterer wirklich bemessen. Ich hingegen hänge wie gebannt an Tim Baker's Stimme, die trotz seiner 60 Lenze (!) wahrlich Unfassbares zustande bringt und laut Kennern genauso klingt, wie auf Tonträger. Das glaube ich ungeprüft und lasse einen Headliner-Gig auf mich hernieder gehen, von dem eh alle, aber ich auch noch lange träumen werden. Schaurige Nacht!

Cirith Ungol

Und schon wieder alles vorbei. Ein Wochenende zum Niederknien, welches mit allergrößter Wahrscheinlichkeit (tolle Untertreibung, oder?) nächstes Jahr wiederholt wird. Bestätigt sind bis dato Stalker, Blaspheme, Cerbus, Taste Of Iron, Winterhawk, Saracen, Hittman mit einer exklusiven Reunion-Show und Raven mit einem Special Set die ersten Alben betreffend - und da war noch kein Co- bzw. Headliner dabei! See you in 2018!
P.S.: Ohne die o.g. Krawallbrüder. Die Pfeiffenköppe wurden ausgemacht und es wurde lebenslanges Hausverbot für alle diesen Veranstalter betreffenden Events gesperrt. Sehr schön!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp