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Festival: RELOAD - 25. bis 26.08.2017 - Sulingen

Ende August, wieder einmal Zeit für das Reload Festival in Sulingen bei Bremen. Die Warm Up Party mit den ersten Bands am Donnerstag Abend im Zelt, fällt einmal mehr meinem Job zum Opfer und auch der Opener auf der (einzigen) Open Air Bühne am ersten regulären Festivaltag muss wegen Check-In im Hotel ohne mich auskommen. Ansonsten kann ich behaupten, alle anderen 21 Bands tatsächlich gesehen zu haben. Natürlich nicht alles komplett und natürlich ist auch nicht alles mein Geschmack - aber irgendwie kämpfe ich mich halt durch die beiden Tage.

Freitag, 25. August

Wie bereits erwähnt, verpasse ich den Opener MAX RAPTOR, bekomme zwar noch die letzten zwei, drei Songs im Hintergrund nebenbei mit, bin aber erst mal damit beschäftigt, überhaupt anzukommen. Los geht's dann auch gleich mit THE NEW ROSES, die für Prong eingesprungen sind, die leider wieder absagen mussten. Die Wiesbadener Rocker machen mittags um 13 Uhr gleich ganz gut Laune, animieren das Publikum zu Mitsing-Spielchen bei "It's A Long Way", und präsentieren aus ihrem exakt heute erscheinenden neuen, dritten Album "One More For The Road", u.a. die aktuelle Single "Every Wild Heart". Ein guter Auftakt.
Ich muss gestehen, MR. IRISH BASTARD haben mich im vorletzten Jahr an gleicher Stelle fast in den Wahnsinn getrieben. Heute bin ich besser vorbereitet und so attestiere ich diesem 35-minütigen Gig zumindest ein "ganz okay". Der Sänger, namentlich The Irish Bastard genannt, witzelt mit den Worten "es ist ungewöhnlich schwer, vor Leuten zu spielen, die nicht völlig besoffen sind", was im nachfolgenden Song "I Only Like You When I'm Drunk" aber irgendwie genau anders herum klingt.
Im Anschluss sind dann ANY GIVEN DAY durchaus ein erstes kleines Highlight am heutigen Tag. Irgendwo zwischen Metalcore und Modern Metal und immerhin mit einem Sänger, der sowohl Growls, als auch guten cleanen Gesang drauf hat. Neben überzeugenden Songs wie "Ignite The Light" oder "Endurance", ist es auch der erste Circlepit des Tages, der diesen Gig rundum gelungen erscheinen lässt.
Während die (überaus sympathische) Security vor der Bühne dem Publikum mit Wasserbomben zu ein bisschen Abkühlung verhilft, stelle ich bei AUGUST BURNS RED fest, dass die Metalcore-Truppe aus Pennsylvania irgendwie nicht wirklich etwas Neues zu bieten hat. Das gruselige Intro ("Everbody's Free" von Rozalla), die langen Hosen plus FlipFlops des Gitarristen, die Songs, die allesamt völlig in Ordnung gehen, aber nur bedingt mitreißen - all das habe ich irgendwie gefühlt schon vor zehn Jahren von der Truppe gesehen.
Kontrastprogramm kommt im Anschluss von den Politpunkern ANTI-FLAG, die ordentlich Dampf in den Backen haben und wie wild über die Bühne wirbeln. Sänger und Gitarrist Justin Geever stellt richtig fest, "dass auf diesem Festival fast nur Metal ist, aber vielleicht kennt ihr ja dieses Stück hier" - es folgt die Coverversion "Should I Stay Or Should I Go" und das Publikum dreht durch.
Was folgt, sind zwei von diesen Bands, die nun nicht so wirklich meins sind. Bei TERROR muss ich aber zweifelsfrei zugeben, dass die Hardcore-Party vor der Bühne wirklich amtlich ist, und SKINDRED dürften sicherlich mit eine der dicksten Parties generell im Publikum angezettelt haben - ich drehe derweil aber mal lieber eine große Runde über das Gelände. Was essen wäre ja auch mal ganz gut.
Im Nachhinein war es ein Fehler, dass ich mich mit LIFE OF AGONY in der Vergangenheit nie so wirklich beschäftigt habe. Man muss zwar zugeben, dass die mehrmals aufgelöste und wiedervereinigte Band nicht die Stimmung von Skindred zuvor halten kann, aber rein musikalisch ist das hier absolut eher meine Baustelle, auch wenn man mit der Extravaganz von Mina/Keith Caputo umgehen können muss.
Die Zeiten, in denen ich bedingungslos jeden einzelnen Song von BULLET FOR MY VALENTINE abgefeiert habe, sind zwar auch schon rund ein Jahrzehnt her, aber die kleine Zeitreise, auf die mich die Waliser heute mitnehmen, tut irgendwie gut und lässt mich in Erinnerungen schwelgen. "4 Words (To Choke Upon)" oder selbst "Scream Aim Fire" wirken so unglaublich alt, obwohl selbst die Kids im Publikum jeden Titel lauthals mitsingen. Dazu ein bestens aufgelegter Matthew Tuck, "Waking The Demon" als Beginn vom Ende und das überragende (!) "Tears Don't Fall" als Abschluss, das einem fast die Freudentränen in die Augen treibt. Das war mal ein mehr als amtlicher Co-Headlinerauftritt!
Doch wenn es eine Band gibt, die noch "höher, schneller, weiter" kann, dann sind das heute natürlich HEAVEN SHALL BURN, die in gewohnt routinierter Manier jetzt alles in Schutt und Asche legen, was die anderen Bands noch übrig gelassen haben. "Combat", "Counterweight" und natürlich das starke "Black Tears"-Cover, sorgen in Verbindung mit der bestens aufgelegten Band, dem massiven Ton und der klasse Lichtshow für rundum zufriedene Gesichter im Publikum.

Samstag, 26. August

Der zweite und letzte Festivaltag startet mit OF COLOURS aus Frankfurt, die vor einigen Wochen den Reload-Bandcontest gewonnen haben und nun eben als Opener auf die große Bühne dürfen. Und das machen die Jungs, plus das Mädel am Mikro, eigentlich auch alles ganz ordentlich. Modern Metal/Metalcore, wie er vielleicht am letzten Festivaltag mittags um 12 Uhr noch nicht so wirklich zünden mag, zumal sich der Zuschauerzuspruch auch noch arg in Grenzen hält, aber mit "The Arrival" hat man zumindest einen recht ordentlich Hit am Start.
THE CHARM THE FURY aus Amsterdam sind eigentlich eine kleine Mogelpackung. Man bezeichnet den eigenen Stil schlicht als Metal, aber letztendlich ist auch das hier wieder Metalcore, wieder mit einer Dame am Mikro und wieder alles recht beliebig und ganz nett. Für mich persönlich reicht "ganz nett" aber leider nicht.
Wie man es um Längen besser macht, zeigen dann im Anschluss die Engländer von BURY TOMORROW. Hier gibt es Hits, Hooks und Melodien am laufenden Band und Songs, die einen auch wirklich packen, wie "Last Light" oder das abschließende "Earthbound".
Zeit für einen totalen Stilwechsel mit MASSENDEFEKT. Sänger Sebastian Beyer hat nicht ganz Unrecht, wenn er anmerkt, dass es "nicht ganz leicht heute ist". Wohl war. Als "kleine" Punkrock-Band, eingepackt zwischen gefühlten Unmengen an Metalcore-Bands, geben die Ruhrpöttler dennoch ihr Bestes, auch wenn sich bei klasse Songs wie "Schwarz weiß negativ" der Zuschauerzuspruch etwas in Grenzen hält.
Meine Damen und Herren, heute Nachmittag sinkt für sie ... das Niveau. KNORKATOR sind im Anmarsch und sorgen für eine dicke Party, bei der man nicht alles wirklich ernst nehmen sollte. Ob "Ich lass mich klonen" nun so eine gute Idee ist? Für "Zähne putzen, pullern und ab ins Bett" ist es jedenfalls noch viel zu früh, für "Wir werden alle sterben" sowieso. Was bleibt, ist ein kurzweiliger Spaß und mächtig viel gute Laune.
Da mein (Metal-)Core-Bedarf für heute eigentlich gedeckt ist, schreibe ich während des Auftrittes von WHITECHAPEL in mein Notizbuch "anstrengend!". Ich weiß, der Tennessee-Fünfer macht ja offiziell eigentlich "Modern Death Metal". Ich nenne sowas Deathcore und drehe lieber noch eine Runde übers Gelände - not my cup of tea.
Den Sprung, den Heaven Shall Burn in den letzten Jahren hingelegt haben, haben ihre Buddies von CALIBAN bisher (noch) nicht geschafft. Im Gegensatz zu den Thüringern, machen Caliban aber auch noch wirklich reinen Metalcore. Ja, mal wieder Metalcore. Aber Caliban gehören halt nicht umsonst zur absoluten Spitze in diesem Genre, und so kann man sich das Treiben auf und vor der Bühne auch gut anschauen. Zu Titeln wie "Paralyzed" oder "We Are The Many" nicke dann sogar ich mit Kopf.
Genau wie Die Toten Hosen kommen auch BETONTOD aus (dem Raum) Düsseldorf, und genau wie diese, machen auch Betontod deutschsprachigen Punkrock, der sich in den letzten Jahren immer mehr dem Mainstream angenähert hat und dem hier und da so ein bisschen der "Dreck" des Punkrocks verloren gegangen ist. Dennoch wird im Publikum ordentlich gefeiert ("Revolution", "Traum von Freiheit") und lauthals mitgesungen ("Hömmasammawommanomma").
Auf persönlichen Wunsch tritt Hatebreed-Fronter Jamey Jasta heute nicht mit seiner Band auf, sondern mit seinem Soloprojekt JASTA. Das stößt zwar nicht überall auf Zustimmung, aber "besser Jasta, als gar kein Hatebreed" - das denke ich mir anfangs auch, stelle allerdings dann auch schnell wieder fest, dass die paar Hatebreed-Hits, die auch ich richtig gut finde, heute dann doch irgendwie fehlen.
Auf TRIVIUM hatte ich mich an diesem Wochenende richtig gefreut. Die Truppe, die eine erstaunliche musikalische Wandlung durchgemacht hat, kann man sich eigentlich immer wieder gut geben. Das klasse Licht auf der Bühne lässt bereits erahnen, was hier gleich im Anschluss geboten wird...
Aber erstmal hat Sänger/Gitarrist Matthew Heafy, einziges noch verbliebenes Originalmitglied, das Publikum mit Leichtigkeit im Griff. Bevor das Wikingerschiff gleich die Bühne entert, können sich alle Modern Metal-Kids ein letztes Mal nochmal so richtig verausgaben. Ich persönlich bin ja eher der Fan der "The Crusade"/"Shogun"-Phase der Band und freue mich natürlich ganz besonders über "Down From The Sky". Die Masse hingegen feiert den Rausschmeißer "In Waves" beeindruckend ab - alle 10.000 Besucher des Festivals scheinen hier mitzusingen.
Doch was bereits gestern galt, gilt auch heute. Trotz überragendem Co-Headliner, setzt der eigentliche Headliner noch einen drauf. AMON AMARTH lassen gleich von Beginn an jeden Zweifel im Keim ersticken, ob "so eine Band", auf "so einem Festival", das nun eben viel Core und auch Punk zu bieten hat, funktionieren kann. Und ob sie das kann! Alleine das eröffnende Doppel aus "The Pursuit Of Vikings"/"Valhall Awaits Me" - untermalt von einer gigantischen Lichtshow und der Wikingerschiffdeko auf der Bühne, sorgen für fast schon ekstatische Verhältnisse vor der Bühne. Ein wie immer bestens gelaunter Johan Hegg, sowie die ohnehin bestens aufeinander eingesepielte Truppe, zünden ein wahres Hitfeuerwerk, das Sulingen an diesem Wochenende noch nicht gesehen bzw. gehört hat. "Death In Fire", "Fate Of Norns", "Guardians Of Asgaard", und wie sie nicht alle heißen.
Besser hätte man das diesjährige Reload Festival nicht schließen können!

Text & Fotos: Marco Zimmer