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Festival: STONED FROM THE UNDERGROUND

Die Festivalsaison ist vorbei und es gilt zurückzuschauen. Dieser Festivalbericht soll etwas persönlicher gehalten werden, da ich finde, dass Festivals kaum anders sinnvoll zu beschreiben sind. Es ist eine persönlich, zutiefst subjektive Erfahrung.
Das Stoned From The Underground fand dieses Jahr vom 13. Juli bis 15. Juli statt. Als Berichterstatter steht man vor der Frage: Wie fasse ich das Ambiente und die Atmosphäre so zusammen, dass auch der Leser, der nicht vor Ort war, den Unterschied zu den unzähligen anderen Festivals nachvollziehen kann? Bewusst habe ich mich entschieden, ein paar Wochen zu warten, um die Erfahrung sinken zu lassen, andere Festivals zu besuchen und ein wenig zu vergleichen. Als jemand, der regelmäßig zwischen den Welten des Metal und des Stoner-Psychedelic-usw.-Rock wandelt, finde ich es wichtig, zu vermitteln, dass die Atmosphäre doch unterschiedlicher ist, als vielleicht weitläufig angenommen. "Rockfestival" ist nicht "Rockfestival". Und das, obwohl die Grenzen der Genres verschmelzen. Auf dem Stoned From The Underground spielen regelmäßig Metalbands wie Pentagram, Electric Wizard, Dopethrone und dennoch: irgendwas ist anders. Bewusst habe ich mich entscheiden, Tag für Tag vorzugehen, auch um meine eigene Erinnerung mit entsprechenden Fotos und Notizen abzugleichen.

Tag 0
Kurz vor dem Erreichen des Zeltplatzes, muss der geneigte Besucher zwangsläufig am wunderschönen See vorbei, der direkt am Festivalgelände liegt. Halb verwundert, halb fasziniert, gehen hier junge Familien baden und ältere Damen ihren Mops ausführen. Manchmal treffen die Welten aufeinander. Oft wird eher belustigt geschaut, wenn die langhaarigen, leicht vertrunkenen Festivalbesucher auf die 60er- und 70er-Jahre-Wurzeln des Stoner Rock verweisen. Einweiser und Security? Ein blau gekleideter Herr steht am Eingang zum Zeltplatz und winkt uns eher zu, als irgendwelche Anweisungen zu machen. Der klassische Tag 0 eines jeden Festivals unterscheidet sich hier wenig: Zelt aufbauen, Nachbarn begrüßen, erste Hopfensuppen. Nur das auf dem SFTU eben die theoretische Möglichkeit besteht, einen Badesee zu nutzen (auch die DLRG ist bereits vor Ort). Theoretisch. Denn die Region um Erfurt begrüßt uns mit einem so enormen Sturm, dass selbst mit vier Personen der Pavillon nicht zu halten ist. Und das sagt ein Schreiberling, der an der Küste der Nordsee geboren ist. Glücklicherweise bleibt dies die einzige unangenehme Wettersituation des (langen) Wochenendes.

Tag 1
Shotgun Valium eröffnen das Festival mit einer enormen Menge Energie, das Trio tendiert deutlich mehr in die metallische Richtung, als in die steinige. Im Zelt ist es enorm warm, jedoch Anfangs relativ leer. Das Publikum scheint noch ein wenig verschlafen, ein schräger Kontrast zur Band, die sich vorne wirklich bemüht, die Stoner in Bewegung zu versetzen. Rückblickend ist das Trio aus Erfurt eine der großen Überraschungen des Festivals, so sieht wahre Spielfreude aus. Musikalisch beginnt die große Bühne dann heute für mich mit einer kleinen Legende: CJ Ramone. CJ war zwar kein Gründungsmitglied der Punk-Pioniere, hat jedoch in späteren Jahren eine bedeutende Rolle in der Band gespielt. Als großer Fan der Ramones bin ich dementsprechend auf den Sound gespannt. CJ ist zwar mit seinem eigenen Album auf Tour, spielt aber auch Cover seiner ehemaligen Band. Und das spürt man im Publikum von Anfang an, viele scheinen eher ungeduldig auf die Cover zu warten. Im Nachhinein sehe ich den Auftritt zwiespältig. CJ Ramone versprüht ein seltsames Surfer-Image, das weder zu seinem Alter (jedoch dem der anderen Live-Musiker) noch seinen Wurzeln passt. Zwar machen die gelieferten Versionen von "Sheena Is A Punkrocker", "Blitzkrieg Bob" und "R.A.M.O.N.E.S" enorm Spaß, der Rest ist eher durchschnittlicher Surf-Rock. Zum Feiern jedoch genau richtig.

Shotgun Valium

Das ändert sich nun mit All Them Witches. Ob vom Veranstalter absichtlich hinter CJ Ramones gereiht oder nicht, bleibt offen, jedenfalls verfolgen auch die Jungs aus Nashville ein Surf-Thema. Anders als CJ verpacken sie es aber in eine rituelle, fast düstere Stimmung, die auf der Bühne mit dem Jam-Faktor der Musik verschmilzt. Inzwischen ist es dunkel und die Setlist beinhaltet für Witches-Verhältnisse wenig Akustiksongs, dafür mehr Midtempo-Stonerriffs. Der Auftritt glänzt mit einem dunklen Feeling, das englische "gloomy" passt nicht recht, denn die rauen Riffs verschmelzen mit schwer zu beschreibenden, ausufernden Samples. All Them Witches ist wahrlich eine Live-Band, schon auf Platte ist der Stil schwer zu beschrieben. Insgesamt ist das Flair des Stoned schon am ersten Tag erreicht. Wundersam wenige Schnapsleichen liegen hier, die Lautstärke auf dem Campground ist vergleichsweise niedrig. Auch: Wer vor die Bühne will, wird nicht kontrolliert oder abgetastet. Lediglich eine Freundin, die barfuß unterwegs ist, wird aufgefordert, Schuhe anzuziehen. Aus Versicherungsgründen, sagt der halbgelangweilte Security. Dennoch: hätte ich eine Flasche Whisky, 200 Gramm Kokain oder Schlimmeres vor die Bühne mitnehmen wollen, hätte ich das tun können. Rucksäcke werden abgewiesen, in meine Lederjacke oder meine Stiefel passt jedoch so einiges ...

All Them Witches

Tag 2
Endlich scheint die Sonne und obwohl es bereits 9 Uhr ist - quasi Mittag in Festivalzeit - ist es ruhig. Generatoren gibt es hier sowieso keine. Aber es schallt auch von nirgendwo "ironisch" das Intro irgendeiner Kindersendung. Zugegeben, die Dixis sind in der klassischen Verfassung. Unvermittelt frage ich mich, wie das auch nur irgendwer barfuß aushalten kann. Übrigens: Im Vergleich mit den klassischen Metalfestivals gibt es hier kaum Wildpinkler. Insgesamt - das ist mein Gefühl - gibt es einige Bereiche, in denen das Stoned From The Underground deutlich konservativer, fast spießiger, als andere Festivals wirkt. Viele Menschen laufen hier herum, zu denen das Label "Hipster" durchaus passen könnte. Bärte, Cappies, Sneakers, Energydrink, stylische Sonnenbrillen, ist das der Hippie von heute? Ist das der klassische Stoner? Ähnliches ist mir auch auf dem Desertfest aufgefallen. Egal, ich bin für die Musik hier und kann mich ansonsten nicht beklagen, die Nachbarn sind nett und es warten eine Menge großartiger Musiker auf der Bühne.

Der Höhepunkt von Musiktag 2 ist für viele Anwesende mit Sicherheit Elder. Jedenfalls ist der Bereich vor der Bühne verhältnismäßig voll. Übrigens ein weiterer Vorteil des SFTU: normalerweise ist es kein Problem, gemütlich bis in die vierte oder fünfte Reihe vorzulaufen, abgesehen von den jeweiligen Headlinern des Tages, wie Elder. Die Jungs aus Boston sind innerhalb einer recht kurzen Zeit von einer völlig unbekannten Doom-Kombo zum Flagschiff einer ganzen Stoner/Doom/Psychedlic-Szene geworden, gehyped bis zum Himmel, jedoch nicht unverdient. Aber von vorne, oder eher: Anderes zum Freitag. Denn so recht wurde ich mit keiner der anderen Bands an diesem Tag warm. Vielleicht liegt es daran, das Elder live einfach vieles in den Schatten stellen? Die Italiener namens Giobia eröffnen im Zelt und spielen einen netten, aber etwas uninspirierten Space Rock. Etwas fetter waren dann schon Mammoth Weed Wizard Bastard, die ein wenig nach Bongripper klingen, etwas sumpfiger vielleicht, und den, übrigens weiblichen, Gesang angenehm spärlich einsetzen. Ein sehr starker und vor allem lauter Auftritt, der aber hinter dem ersten Tag zurückbleibt. King Buffalo lasse ich aus und flaniere mit leerem Magen über die Fressmeile links der Bühne. Der Burger hier soll sehr gut sein, ich sehe bereits kommen, dass ich mir des Nachts nach 756 Bier einen gönne. Doch das Stoned hat auch viel Vegetarisches zu bieten, etwa Linsengerichte und einen Stand, der beinahe ausschließlich pflanzliche Mahlzeiten anbietet. Falls ihr einen Zeltmitbewohner habt, denkt jedoch unbedingt vor den Linsen an ihn, selbst ohne Festival-Lifestyle können Linsen den ein oder anderen verjagen, doch auf Bier und in einem kleinen Zelt … naja, zurück zur Musik. Dool (mit dem ex-Drummer von The Devils Blood) holen mich mit ihrem progressiven Gefrickel kein Stück ab, werden aber vom Publikum extrem gefeiert. Man kommt auch nicht umhin, in diesem Moment einmal mehr Respekt vor der der Genre-Vielfalt des Festivals zu haben. Die darauf folgenden Monolord sind live deutlich besser, mindestens aber gewaltiger als auf Platte und überraschen mit einem sehr schleppenden und depressiven Doom Metal, fast quälend träge riffen die Jungs aus Göteborg, der Heimat des Melo-Death. Genau mein Drehtisch! Die darauffolgenden Elder sind, wie schon angedeutet, ein Highlight. Der Sound ist mit dem zweiten Gitarristen, der seit kurzem dabei ist, deutlich komplexer und dichter, die vertonten Landschaften und Eindrücke versetzen das Publikum in Trance. Insgesamt spielen die Jungs ein sehr abwechslungsreiches Set über 75 Minuten, das leider etwas unglücklich (mit einer viel zu lauten Stimme) abgemischt ist.

Tag 3
Irgendwie war das alles mit 20 ein bisschen leichter, habe ich das Gefühl. Der Kater ist jetzt irgendwie anders, es sind weniger Kopfschmerzen oder Übelkeit, eher ein allgemeines Gefühl des "Ausgelaugt-Seins". Ich erklimme mit meiner Begleiterin morgendlich den (unerwartet steilen) Hügel in direkter Nachbarschaft vom Zeltplatz und versuche den Körper mit Konterbieren zu beruhigen. Die ersten Bands lasse ich aus, ich will mich voll auf die kommenden Egypt aus North Dakota konzentrieren. Der Opener Matterhorn fegt die restliche Müdigkeit aus meinen Knochen und lässt mich wieder realisieren, dass ich auf einem der musikalisch wohl interessantesten Festivals Deutschlands bin. Egypt donnern ihr Set in 45 Minuten herunter und lassen das Publikum in einer staubigen Welle aus Stonerriffs zurück. Ähnliches lässt sich über die danach spielenden Earth Ship und Karma To Burn sagen, beide liefern ein ordentliches Set ab, irgendwo zwischen Doom, Stoner und Metal und dem, was Fu Manchu mal Mitte der 90er gemacht haben. Die Growls von Earth Ship sind eine willkommene Abwechslung, auch wenn der ein oder andere im Publikum etwas hochnäsig-belustigt aussieht oder zumindest leicht affektiert Missfallen ausdrückt. Dennoch bleibt es konstant voll vor der Bühne. Besondere Erwähnung müssen Child und Acid King finden. Beide gehören zu meinen absoluten Highlights. Child spielen eine Art Super-Slow-Blues mit unglaublicher Bühnenpräsenz, Acid King verzaubern mit ihrem extremen Bass und der hypnotischen Sängerin. Bei Acid King ist der Bass wirklich so dröhnig, dass es wahrscheinlich den ein oder anderen schon wieder stört, ich hingegen freue mich über die wohl stärksten Druckwellen des Festivals und die vielen Songs aus dem Hammeralbum "Middle of Nowhere, Center of Everywhere".

Karma To Burn

Was bleibt? Die Headliner-Show, die eigentlich Pentagram spielen sollte, aber von Kadavar übernommen wurde. Pentagram haben alle Shows der Sommertour abgesagt, da Bobby Liebling in den USA abermals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, diesmal nicht für Drogen, sondern für eine Tätlichkeit, man munkelt gegenüber einem Familienmitglied. Man kann über Kadavar denken was man will, ein Ersatz für Pentagram sind die Berliner Jungs alleine deswegen nicht, weil es eine andere Art von Doom aus einer anderen Zeit ist. Dementsprechend bin ich negativ vorgeprägt und möchte kaum etwas zum Kadavar-Auftritt auf dem Stoned 2017 schreiben. Ich bin weder Fan der Musik, noch des übertrieben Hypes um die Band ("...aber sie haben doch lange Bärte!"). Handwerklich war der Auftritt gut und selten dieses Jahr war der Bühnenbereich derart gefüllt (allerdings auch derart homogen: ohne Kadavar-Shirt war man fast ein Fremdkörper).

Am Abfahrtstag bin ich endgültig gerädert und wundere mich beim Verlassen des Geländes noch, wie sauber der Platz ist. Ein weiterer Unterschied zu Metalfestivals, den ich auch schon beim "Krach Am Bach" in Beelen gemerkt habe: Stoner hinterlassen nicht nur weniger Müll, ich habe gar das Gefühl, die Wiese ist sauberer als vorher. Obwohl musikalisch genial (All Them Witches, Child und Acid King allen voran) bleibt ein seltsames Gefühl. Die "Szene" hat nicht nur äußerlich wenig mit Hippies oder Rock zu tun, mehr mit Trends und, seien wir ehrlich, einem gewissen "Gesehen-werden". Oder nehme ich das falsch wahr? Die Stimmung auf Metalfestivals ist im allgemeinen unverkampfter, irgendwie rauer, aber auch einladender, unkomplizierter. Solange die Musik jedoch auf einem derart hohen Level bleibt, werde ich wohl wieder und wieder nach Stotternheim kommen.
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Text & Fotos: Jens Hurling