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Festival: HELL OVER HAMMABURG

09. und 10. März 2018
Hamburg - Markthalle/Marx


Das Hell Over Hammaburg Festival darf ruhigen Gewissens als feste Institution in der deutschen Festivallandschaft genannt werden, hat es sich doch mit der inoffiziellen Vorgabe "alles, nur kein Plastik" eh Freunde gemacht und dadurch Genre-übergreifend alle Möglichkeiten, um auch in der sechsten Ausgabe wieder hochqualitative Bands an den Start zu bringen. Zwar muss man als Schreiberling da nicht immer komplett konform gehen, aber irgendjemand munkelte noch was von "ausverkauft" (unbestätigt), also was weiß ich schon …

Freitag, 09. März

Das Festival startet standesgemäß mit Dingen, die fast schon zum guten Ton gehören: Kerzen, Rauchwerk, Gebete und freigeistigem Black Metal Geschepper mit wilden Anrufungen. GEVURAH aus Kanada starten zwar leicht sperrig in ihren Set und sind im weiteren Verlauf eigentlich nur in den ruhigen Momenten etwas zerfahrener, aber nach knapp 20 Minuten wirkt das Gesamtbild wirklich besser und die High Speed Gewitter starten ihren Rausch. Einzig ein leichtes Kratzen in der PA verhindert den vollen Hörgenuss der sehr wohl raumgreifenden Gitarrenläufe.

"Was machen DEAD KOSMONAUT?" fragt meine bessere Hälfte. Ähm … keinen Schimmer, ist irgendwie an mir vorbeigerauscht. Aber man schaut sich ja alles an, solange es möglich ist. Und dann kommt der "Aha"-Effekt, als ich Nifelheim-Frontsau Hellbutcher am Mikro erspähe. Stimmt, da war was. Die Truppe, in deren Reihen sich auch Fredrik Folkare (Unleashed, Firespawn, ex-Necrophobic) befindet, arbeitet sich durch Endsiebziger/Frühachtziger-Einflüsse und ist als zweite Band des Tages schon recht mutig, gleich an zweiter Stelle einen verdammt sphärisch ruhigen Song zu präsentieren. Ansonsten ist die gesamte klassische Palette vorhanden - mal doomig, mal rockig, mal uralte Judas Priest und Iron Maiden dürfen natürlich auch nicht fehlen, wenn man den Hellbutcher gut kennt. Der ist zwar weiss Gott kein begnadeter Sänger, dafür aber ein ehrlicher und authentischer. Seine Maiden-Verehrung gipfelt im "Killers"-Cover und seinem durchgeschwitzten "British Lion"-Shirt.

Dead Kosmonaut

Publicity ist publicity! Und als ULTHA von der Orga des Hamburger Clubs Hafenklang von einem ihrer Events wieder ausgeladen wurden, weil sie ja irgendwo mit Inquisition gespielt haben, brachte das den Namen natürlich in den Fokus. Hintergründe spare ich mir jetzt, aber da beide Bands letztes Jahr zusammen auf dem PSOA spielten … lassen wir das Thema einfach links liegen. Die Schlussworte von Basser C. waren trotzdem amüsant: "Vielen Dank, Hafenklang!".
Jetzt aber zur musikalischen Darbietung, die man nicht anders als energiegeladen und berauschend beschreiben kann. Das Kölner Quintett rattert ganz bei sich selbst durch die 50 Minuten und zieht die knackig gefüllte Markthalle mit jedem weiteren Song in seinen Bann. Da mir das Material immer noch nicht bekannt ist, erlebe ich hier eine Premiere, die ich zwar als echt stark erachte, eine Band wie UADA an der exakt gleichen Position im Jahr zuvor, ist da aber noch ein anderes Kaliber.

Ultha

SAVAGE MASTER polarisieren - keine Frage. Die Mucke ist kauzig, klassisch, traditionell - das kann man sowohl positiv, als auch negativ auslegen. Und an der Stimme von Stacey Savage scheiden sich eh die Geister. Aber am heutigen Abend spielt das Louisville-Quintett vor einer fast vollen "wir finden euch geil"-Markthalle. Und auf diese Meute überträgt sich auch die Tatsache, dass Stacey & Co. durch die Bank echt souveräner geworden sind - und dadurch ernstzunehmender! Dazu kann man die Highlights beider Longplayer bzw. beider EPs nur als Hit-Feuerwerk für den traditionellen Headbanger bezeichnen. "Black Hooves", "With Whips And Chains" (bei dem im Gegensatz zum KIT-Auftritt der Bassist heute nicht "verhauen" wird …), "Looking For A Sacrifice", "Burning Leather", "Ready To Sin" (Hammer, was da im Publikum abgeht) und die Rausschmeißer "The Ripper In Black" und "Death Rides The Highway". Und ich schreibe derweil in mein Notizbuch: "Diese Bedienung der Heavy Metal-Klischees scheint notwendiger denn je!".
Sagte ich, dass Savage Master polarisieren? Nun, das ist gut so - es ist schließlich Heavy Metal!

Savage Master

Da man (O-Ton: ein guter Freund) "den Unterschied zwischen den alten und neuen Songs genau hört", ist es wohl ganz gut, dass sich DIAMOND HEAD auf die alten Dinger konzentrieren. Das einzig verbliebene Urmitglied Brian Tatler gibt sich an seiner Klampfe relaxt und unaufdringlich, hat sichtlich Spaß an diesem Gig und überlässt seinem aktuellen Sänger Rasmus Andersen die Hauptshow, die dieser sehr agil, bestens bei Stimme und mit Entertainerqualitäten besetzt ist. Der Typ gefällt! Da kann man mal eben das neue "Set My Soul On Fire" bringen. Aber wenn "Helpless", "Sucking My Love", "Lightning To The Nations" oder "In The Heat Of The Night" (großartig!) ertönen, ist NWOBHM in Reinkultur angesagt. Den Flashback der etwas anderen Art bekomme ich zum Abschluss mit "The Prince" und dem unvermeidlichen "Am I Evil?" (kein extra Mitsing-Spielchen - clever gemacht!). Und es stellt sich mir eine ganz neutrale Frage: Wie viele Metalfans würden Diamond Head heute kennen, wenn es nicht Hetfield, Ulrich, Burton und Hammett seinerzeit gewesen wären, die uns ihre Versionen mit Nachdruck um die Ohren gehauen haben?!

Diamond Head

"Oh Captain, mein Captain!". Nein, Robin Williams (R.I.P.) ist leider nicht auferstanden, sondern MASTER'S HAMMER nehmen ihre Headliner-Position ein und sparen leider den mir einzig bekannten Song "My Captain…" (vom 1992er Klassiker "The Jilemnice Occultist") aus. Und mögen die tschechischen Kult Experimental-Schwarzheimer auf der Bühne schon etwas ungewöhnlich anmuten, so werden sie von meiner besseren Hälfte dennoch musikalisch vortrefflich beschrieben: "Die sind böse! Da können sich heute mal alle 'ne Scheibe abschneiden.". Zeremonienmeister Franta Štorm (irre - mit Hut, rotem Satinhemd und den Cowboy-Stiefeln Lemmy-like über der Hose!) knarzt sein Muttersprachler-Kauderwelsch ins Mikro, was einige Fans im Publikum sogar mitzusingen scheinen. Ohnehin sind Live-Auftritte der Band recht rar gesät, was wiederum zu einer vollen Halle führt, die einen echt tighten und druckvollen Set erlebt. Jedes Mal, wenn Franta "old Songs" oder das Album "Ritual" erwähnt, steigt die Stimmung, aber auch Neues wie "Psychoparasit" (vom just erschienenen neuen Album "Fascinator") kommt an und beinhaltet sogar so etwas profanes wie ein klassisches Metal-Gitarrensolo. Zwischen treibendem Doublebass-Midtempo und gezielt gehackten Speed-Passagen weiden sich die Die Hard-Anhänger an ihren Göttern, während ich mächtig beeindruckt, aber auch sporadisch überfordert mich frage, ob ich nach dieser Performance heute Nacht gut schlafen werde …

Master's Hammer

Samstag, 10. März

Ja, gut geschlafen! Master's Hammer haben also keine bösen Spuren hinterlassen. Dann kann der zweite Tag ja beginnen und im Vorfeld bin ich schon erstaunt, dass ich im Gegensatz zum letzten Jahr mehr Bands im kleinen Marx besichtigen werde. Öfter mal was Neues.


Der Samstag beginnt aber mit einem klassischen Fall von "falsche Fährte". Auf ihrer Facebook-Seite propagieren THE WIZARDS Folgendes: "THE WIZARDS is your new favorite 70's Hard Rock and Occult Rock band, but you still don't know!". Also steige ich in ihren Samstags-Eröffnungsgig erst später ein und bekomme anstatt eines muffig-vernebelten Seventies-Occult-Trips, eine amtliche, fast zeitlose Rock Show in der mal nicht die aktuell inflationär durch die Szene fliegenden Thin Lizzy-Twin Gitarren vorherrschen, sondern mir eine echt fett drückende Gitarrenwand entgegen donnert. Dazu passt Sänger Ian Mason, die authentische Verkörperung von Rock 'n Roll. Kraftvolle Bar-Stimme (teils mit coolem Danzig-Timbre), massig Tattoos, Schweiß (mit und ohne Shirt, was die Damen in den ersten Reihen freut), Stirnband und Leidenschaft - wenn er jetzt nur in den Ansagen souveräner wird und mehr "bei den Fans" ist, könnten die Spanier echt größer werden. Ein BH fliegt während des Gigs eh schon auf die Bühne und bleibt amüsant am Arbeitsgerät des Bassisten hängen. Und während ich diese Zeilen schreibe, höre ich (Danke, Internet) das 2017er Album "Full Moon In Scorpio" und bin wieder begeistert. Stark!

The Wizards

Bei den folgenden SPELL werden meine Siebziger-Abneigungen leider wieder voll bestätigt. Kerzen, Weihrauch, Blumenhemd und (Respekt für die Konsequenz) eine große Wohnzimmer-Tischlampe mindestens aus den Sechzigern. Zumindest sind die Songs griffig genug, um mich nicht sofort in die Flucht zu schlagen. Schwieriger wird es da bei einem Cover ihrer Heimathelden Rush (sorry, fragt mich bitte nicht nach dem Song), bei dem sich Bassist Cam mit der höheren Gesangslage von Geddy Lee doch etwas schwer tut.

UNIVERSE 217 schenke ich mir, da auf mich im kleinen Marx genau der dreckige Stinkefinger wartet, den das Festival zu diesem Zeitpunkt irgendwie braucht - und ich vielleicht auch. Auftritt: THE FOG, deren 45 Minuten nichts anderes ist, als räudig, dreckig und die vor allen Dingen richtig schön "bäh" sind. Und das im positiven Sinne. Solch abartiger Doom Death braucht keine Blümchen, Kerzen und sonstigen Schabernack. Vielleicht ein wenig Training, denn an einigen Stellen war es schon etwas holprig, ein Song wurde sogar ein zweites Mal gestartet und dass Drummer Avenger (u.a. bei Black Priest Of Satan und Nocturnal aktiv) für einen zerbrochenen Stick keinen Ersatz hat und sein Frontmann während der Songpause Ersatz holen muss, ist sowohl irgendwie dämlich, als auch extrem kultig. In meinem Hirn ist der Auftritt eine willkommene Entschlackungskur!

The Fog

Ich muss Degial fast dankbar sein, dass sie aufgrund eines Tourangebotes, zusammen mit Watain die USA zu unterwerfen, Hammaburg abgesagt haben. Nichts gegen Eric Forrest, der als Ersatz in der großen Halle einen speziellen Set "seiner" Voivod-Zeit zum Besten gibt, aber ich nehme mir die Zeit jetzt lieber für OLD MOTHER HELL im kleinen Marx. Vor gerade mal zwei Wochen erfuhr ihr 2017er Demo eine Neuauflage unter Labelführung und rechnet man mal das Label Cruz Del Sur Music, die gesichteten Depressive Age- und Obituary-Shirts der Bandmitglieder und ihre Baggypants zusammen, passt das auf dem Papier erst mal gar nichtzusammen. Und genau das ist die perfekte Ausgangslage für einen fantastischen Gig im voll besetzten Marx. Denn Bernd, Roland und Ruben sind so ein dermaßen perfekt aufeinander eingespieltes Power Trio, dass sie gar nicht anders können, als zu gewinnen! Und ihre "epische Power Doom"-Mischung (die Kurzform dessen, was ich schon versuchte im CD-Review zu beschreiben) landet punktgenau in den Köpfen, Ohren und Nacken der feierwütigen Meute, gekrönt vom Rausschmeißer "Old Mother Hell". "Well done" würde ich gerne sagen … aber es war noch viel besser!

Old Mother Hell

Danach kommt es, wie es in den Jahren zuvor auch immer kommt. Anderthalb Tage in zwei Locations voller verschwitzter Metal-Qualität brauchen nun mal Kontrastprogramm in Form von Frischluft. Die gegönnte Pause geht leider zu Lasten von SOLSTICE, die mir aber bereits 2015 auf derselben Bühne zusagten. Daher verpasse ich wohl nicht viel. Mit "White Horse Hill" steht im April ein neuer Longplayer ins Haus und wenn ich mir die gigantische Stimmung in der Markthalle anschaue, als ich zum letzten Song "Cimmerian Codex" wieder dazu stoße, werden sich wohl alle Anwesenden die Scheibe besorgen. Interessantes nebenbei: Als Sänger Paul Kearns zur ersten Reihe hinab steigt, um das Mikro zum Mitsingen zu übergeben, bin ich mir sicher, die Stimme von Visigoth-Fronter Jake Rogers zu hören. Und der ist ja heute selbst noch dran.

Zuvor lassen VENENUM noch Außergewöhnliches geschehen. Ähnlich wie Grave Miasma im letzten Jahr, jagen die Bajuwaren höllisch tight und intensiv durch die Highlights ihrer 2011er EP und dem letztjährigen Longplayer "Trance Of Death". Und dazu brauchen sie nichts als sich selbst und die Gabe, das sowohl harte, als auch anspruchsvoll abwechslungsreiche Material auch live reproduzieren zu können. Und im Gegensatz zu den Engländern leert sich die Halle nicht spürbar. Mehr Argumente für einen starken Auftritt braucht es hier nicht.

Venenum

VISIGOTH sind als Headliner im kleinen Marx die Band der Stunde und erhalten von ihrer Gefolgschaft ein Feedback, welches in zwei Jahren einen Auftritt auf der großen Bühne rechtfertigt. "Traitor's Gate", "Blood Sacrifice" und die unvermeidliche Hymne "The Revenant King" bedienen die Herzen der episch angehauchten Traditionsheadbanger wie aktuell keine zweite Band! Und - das muss jetzt mal in aller Ausdrücklichkeit und ohne Seitenhieb gesagt werden - das ohne den Titel "Album des Monats" im Deaf Forever Magazin. Was sagte ich noch über Bedienung der Metal Klischees? Griffige Songs, heroische Charakteristik, große Refrains zum Mitsingen und eine technisch versierte Mannschaft, deren Antreiber Jake Rogers am Mikro langsam und allmählich echte Fronterqualitäten entwickelt. Ganz große Iron Maiden- oder Judas Priest-Bühnen werden Visigoth in Zukunft nicht betreten, dafür hat sich die Szene einfach zu stark verändert, aber Visigoth werden einen Namen haben, wenn die Großen irgendwann mal nicht mehr sind. Dieser Auftritt hat es gezeigt.

Und dann ist da noch der Kodex. Machen wir es kurz, ATLANTEAN KODEX haben meinen höchsten Respekt für die Musik, die sie erschaffen, auf Konserve rangieren sie in ihrem Genre extrem weit oben. Ich habe sehr wohl ein Faible für die Stimme von Markus Becker, der ja auch bei den Speed Thrashern Septagon sauberst abliefert. Aber der Funke will bei mir in der Live-Situation einfach nicht überspringen - und ich habe es jetzt wirklich öfter versucht. "Enthroned In Clouds And Fire" startet durch, "Atlantean Kodex" lockert die doomigen Hüften und die schweren Riffs von "Pilgrim" treffen immer. Und ich sehe nur fünf Musiker, denen die Aussagekraft einer Einheit komplett fehlt und irgendjemand darf Gitarrist Manuel Trummer ruhig mal sagen, dass sein Manowar-Shirt wirklich unvorteilhaft eng anliegt. Würden die Fans (sprich: die volle Markthalle) das wissen, sie würden mich achtkantig rausschmeißen und dann genüsslich weiter feiern. Ein Blick auf die Setlist lässt ein hochemotionales Finale mit "Twelve Stars And An Azure Gown" erahnen. Da liege ich aber schon im Hotelbett.


Fazit: Es dürfte wohl meinen eigenen Vorlieben geschuldet sein, dass mich bei der diesjährigen Hell Over Hammburg-Ausgabe nichts so richtig vollständig aus den Latschen geschüsselt hat. Objektiv gesehen war die Qualität trotzdem wie immer vorhanden. Einzig ein Ansteigen des Epik-Faktor war auszumachen, Highlights im obersten extremen Bereich fehlten (mir?), vielleicht kommen Degial ja nächsten Jahr. Aber da wiederhole ich gerne meine Worte vom Anfang: Was weiß ich schon … das Hell Over Hammaburg wird 2019 bestimmt nicht ohne mich stattfinden!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp