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Festival: KEEP IT TRUE XXI - 27./28.04.2018

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


Ich fand das Facebook-Posting von Veranstalter Oliver Weinsheimer schon lustig, er fände es schade, bei zukünftigen geheimnisvollen Headliner-Ankündigungen den Zusatz "und nein, es sind nicht Cirith Ungol und auch nicht Heavy Load", nicht mehr bringen zu können. Social Medias sind eben spaßig - oder auch nicht. Denn die ersten Diskussionen gingen schon im Vorfeld los. Eine Preiserhöhung um satte 30 Euro für 2019, dafür Security auf dem Camping-Gelände, mehr Fress-Stände (die allesamt nun draußen sind, was die Rutschgefahr in der Halle wahrlich minimierte), bargeldloses Bezahlsystem mit einer schicken KIT-Karte, die auch für folgende Jahre gültig ist, ein Spültoilettenwagen und die erneute Reduzierung der zu kaufenden 2019er Karten auf die Menge "Eins" für eine vorgelegte 2018er Karte. Beteiligt habe ich mich an diesen Diskussionen nicht, die beste Meinung bildet man sich vor Ort. Auf zum Keep It True 2018!


Die Anreise am Donnerstag und der Aufbau des eigenen Camps ist wieder unspektakulär und problemlos. Ein Security-Trio wird bereits gesichtet und der Spültoilettenwagen steht direkt hinter der Halle, quasi direkt vor dem Ausgang, was dieses Nadelöhr aber an den nächsten zwei Tagen nicht gerade besser machte. Der Versuch, zur Warm Up-Party nach Dittigheim zu kommen, wird abgebrochen. Reine Shuttle-Taxen gibt es zwar nicht, aber es fahren ein paar Wagen regelmäßig hin und her und es wollen einige mit, so dass man nicht sofort einen Platz findet. Einer Gruppe ziemlich angetrunkener Fans dauert das zu lange, fangen sogar an, private Fahrzeuge anzuhalten und es fliegen vereinzelt Bierdosen. Da macht sich die Security bezahlt, die sich der Situation annimmt. Meine Wenigkeit nebst mitgereistem Kumpel verschlägt es in die neben der Halle gelegene "Höhlenbar", die ebenso mit Flüssignahrung und metallischer Beschallung wirbt. Dennoch - Distelhäuser kann man immer noch nicht trinken und der "DJ" beschränkt sich auf die wichtigsten Hits von (gezählten!) sieben Metalgiganten (Judas Priest, Iron Maiden, Metallica, Blind Guardian, usw.). Dann doch lieber ins Bett.

Freitag, 27. April

Morgens um sieben Uhr von der Sonne geweckt zu werden, die über die Berge kommt, ist was Tolles. Autotür aufmachen, frische Luft atmen und dann noch ein bisschen weiter schlafen. Nur so nebenbei - wo zur Hölle war die Security, als nachts um halb Drei irgendjemand auf dem Campingplatz selbigen mit derbem Hardcore-Techno beschallt. Und überhaupt …
Der nächste Kampf folgt kurze Zeit später. Nämlich die amtliche Warterei (eine Stunde für zwei Sprinterlängen in praller Sonne), um ein 2019er Ticket zu ergattern. Dann erspähe ich einen Freund am Anfang der Schlange, der mir einfach mein Ticket mitbringt. Würde nur die Hälfte der Kaufwütigen so handeln, die Schlange wäre nicht doppelt so lang wie die Tauberfrankenhalle …

Und nach dieser Tortur kann es keine bessere Band geben als STÄLKER. Speed, Riffs, Screams. Was Ranger für Finnland sind, sind Stälker für ihre Heimat Neuseeland, aus meiner Sicht vielleicht etwas abwechslungsreicher, aber mindestens genauso auf die Mütze! Was ich an der Trio-Form immer wieder vermisse, ist die zweite Gitarre, die den Druckabfall in den Solo-Passagen abfängt. Vier Tage nach diesem Auftritt klingt das in der mega-metal.de-Heimat Oldenburg in intimer Clubatmosphäre aber auch schon wieder anders. Die Paul Baloff-Gedächtnisfrisur von Gitarrist Chris und deftige Ohrfeigen wie "Black Magic Terror", "Total Annihilation", "Shocked To Death" und das coole Death-Cover "Evil Dead" sorgen für den restlichen Spass.

Stälker

Danach begehe ich einen folgenschweren Fehler. Man trifft Freunde (neue und alte), unterhält sich über Gott und die Welt (hauptsächlich Metal!), zischt am Camp ein Bierchen und hat einfach eine gute Zeit, während die Musik in der Halle ihres Weges zieht. Sigi, was bist du doch für ein gewissenloser Schreiberling …
… aber nur mal nebenbei erwähnt: Programmheft-Stilblüten wie "das Debütalbum "Resurrection" (1984) hat mittlerweile Kultstatus…" (TAIST OF IRON) und "mit ihrem ersten Album "Hell Or High Water" hatten sie in den 80ern einen Undergroundklassiker in Europa geschaffen…" (ALIEN FORCE) verraten mir auch herzlich wenig über die Stileinordnung der Bands, die ich somit verpasst habe.
Doch von BLASHPEME will ich unbedingt etwas erhaschen, haben mich die berühmten "Sortilege"-Fanchöre und das letztjährige Excess-Re-Release immer wieder neugierig auf französischen Metal gemacht. Die beiden Originale Pierre Holzhäuser (Gitarre) und Philippe Guadagnino (Bass), um Philippes Sohn an den Drums und Hürlement-Sänger Alexis Roy-Petit erweitert, zeigen sich sympathisch und engagiert - vielleicht auch, weil sie dieses Festival 2015 noch absagen mussten. Der Einstieg mit "Désir de Vampyr" erscheint mir Unwissendem perfekt, Uptempo funktioniert immer und Alexis trifft die "alten" hohen Töne sauber. Danach gleich mal ein Wechsel am Mikro, womit wir wohl Marc Fery sehen dürften. Stimmlich ist der Mann auf jeden Fall auch noch ziemlich gut, aber hohe Töne gibt es hier nicht, weswegen ich mir diese Aufsplittung einfach mal gefallen lasse. Auffällig ist eh, dass die vernommenen Songs allesamt echt griffig und mit richtig coolen Hooklines versehen sind. Und ihr 2010er Comeback-Album "Briser le silence" soll Ohrenzeugen zufolge an die beiden Achtzigeralben reichen können. Ich gehe dann mal auf die Suche.

Blaspheme

SIREN waren im Vorfeld auch schon wieder so ein Geheimtipp, bei dem fast die gesamte KIT-Gemeinde ob der Reunion steil geht. Zumindest im 4/5-Original Line Up, die aber meines Erachtens etwas hüftsteif zu Werke gehen. Da hat der zweite Gitarrist Todd Grubbs offensichtlich noch den meistens Spass an diesem Gig. Man präsentiert mit "Tornado Of Blood" einen neuen Song, der in Ordnung ist und punktet bei mir mit "Dead Of Night" und "Over The Rainbow". Blickfang der besonderen Art, ist derweil Sänger Doug Lee, dessen rote Brillengläser farblich perfekt abgestimmt sind auf die LED-Lichter in seinen Turnschuhen (!). Und dann auch noch die Einlage mit Hexenhut und -besen bei "Over The Rainbow", die auf einmal irgendwie die musikalischen Darbietungen zu überschatten scheinen. Ich zumindest musste echt schmunzeln. Next!

Er stand letztes Jahr bereits wieder auf den Bühnen dieser Welt, auf dem Metal Assault wurde bereits gesammelt, auf dem Keep It True war er anwesend. Es war klar, dass Steve Grimmett nach seiner Beinamputation im Januar 2017 nun auch auf der KIT-Bühne stehen sollte/musste/wollte. GRIM REAPER-Supporter diskutieren vielleicht darüber, warum das berühmte Debüt "See You In Hell" mit nur zwei Songs abgefrühstückt wird, das ebenfalls gute "Rock You To Hell" dafür sechs Mal bedient wird - ein starkes, dreizehn Songs umfassendes Set ist es trotzdem. Und der Star im Ring, vor dem man einfach den Hut ziehen muss, ist eben Steve Grimmett, der mit seiner Beinprothese immer besser klar kommt, zeitweise aber trotzdem im Rollstuhl Platz nimmt, um sich zu schonen. Wer schon mal versucht hat, im Sitzen perfekt zu singen, wird wissen, dass in solchen Momenten die Leistung leicht abfällt. Aber für das überraschende Dio-Cover "Don't Talk To Strangers" und das unvermeidliche "See You In Hell" steht und singt Steve wie eine Eins und der Hallenchor erledigt den Rest. Klasse und chapeau!

Grim Reaper

Nach dieser Kämpferleistung kommt die nächste Lehrstunde! Die RAVEN-Re-Releases halfen mir bereits bei der Vorbereitung und nun bin ich heiß auf meinen ersten Live-Kontakt (ja, wirklich!) mit den NWOBHM-Recken, denen man ja ebenfalls den Startschuss des Speed Metal andichtet. Zu Recht - da muss man nur "Faster Than The Speed Of Light" hören. Wie angekündigt, halten sich die Gallagher-Brüder nebst Drummer an die Vorgabe, nur die ersten drei Alben zu bedienen, was aus den folgenden 45 Minuten ein Hitfeuerwerk macht … in dem aber eigentlich die Gebrüder Gallagher selbst die Helden sind. Beide stehen kurz vor dem 60. Lebensjahr und zeigen es allen Anwesenden: gesanglich, handwerklich und in punkto Energie, Spielwitz, Härte, Authentizität und vor allem sympathischer Ehrlichkeit. Für mich einer der besten Auftritte dieses Festivals, auch weil man bei "Born To Be Wild" den guten Steve Grimmett noch mal als Unterstützung dazu holt und einen schicken "Rock Bottom"/"It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock 'n Roll)"-Jam hinlegt. Erschrocken bin ich derweil nur über die gerade mal halb gefüllte Halle …

Raven

Das sieht bei FLOTSAM & JETSAM ganz anders aus. Die Ankündigung des "No Place For The Deceiver"-Sets versprach dann ja noch mehr Old School, als ihr Auftritt vor ein paar Jahren. Und so kommt es wirklich, dass man - eingerahmt von "No Place For Disgrace" am Anfang und "Dreams Of Death"/"I Live, You Die" zum Schluss - wirklich das komplette "Doomsday For The Deciever"-Album (inklusive der Live-Premiere von "U.L.S.W." und dann auch noch "Flotzilla") zum Besten gibt. Auf dem Papier reicht allein das schon, um die Herzfrequenz ganz weit nach oben zu drücken. Und mit einer solch dermaßen tighten Performance aller Beteiligten geht da auch nichts schief. Ein beeindruckendes Bild, welches sich von den Rängen bietet - im Pit ist quasi permanent Action.

Wie auch am Folgetag ist die Stil-Verteilung der letzten beiden Bands logisch. Der Co-Headliner befriedigt die Thrash-Herzen, während der Headliner mit klassischer Metalhistorie den Abend beschließt. Und einen speziellen "Night Of The Unexpected Guest" von DEMON lasse ich mir zum Ausklingen gerne gefallen. Nur das Fragezeichen ob der Bühnendeko, die ja gemäß Ankündigung auch "speziell" zum Thema passen soll, will nicht verschwinden. Zwei große Kreuze und eine Erweiterung des Drumrisers, nur um ein paar Blümchen aus dem Baumarkt dort zu platzieren. Vielleicht doch nichts ankündigen?! Dann lieber das alte Gewand von Sänger Dave Hill, nebst der Original Ziegenmaske von damals. Allein diese Kostümierung scheint dem guten Dave einen amtlichen Schub zu geben, fühlt er sich offensichtlich wohl in der Rolle des verrückten Priesters, der zwar körperlich weniger agil ist, dafür aber mimisch alle Register samt Diven-artiger Gesten zieht. Dazu die Hitzusammenstellung aus der guten alten Zeit. Das komplette "The Unexpected Guest"-Album plus einige "Night Of The Demon"-Perlen, wobei der Titelsong natürlich den perfekten Set-Opener darstellt. Einziger Wehrmutstropfen - und ich vermeide absichtlich die Einschätzung über das "Warum": der Hallenchor zu "Don't Break The Circle" war auch schon mal wuchtiger. Aber "One Helluva Night" geleitet schön in die Falle.

Demon

Samstag, 28. April

Das Aufwach-Szenario ist wie am Vortag wunderschön, nur war es mitten in der Nacht kein Techno, sondern ein paar Nachbarn, die wieder irgendwo zwischen zwei und drei Uhr und völlig zugedröhntem Kopf es nicht schaffen, alte Judas Priest-Klassiker einigermaßen fehlerfrei über ihre Lippen zu bekommen. Ihre Versionen von "Diamonds & Rust", "Freewheel Burning" und "Take These Chains" schallen quer über das Terrain. Ob sie von der Security gestoppt wurden, die in der vorherigen Nacht auch die Techno-Party "durchgehen ließ", entzieht sich meiner Kenntnis.

Ein bisschen komme ich mir vor, als würde ich nur herumnörgeln. Das nächste Kopfschütteln geht aber auf das Konto einer Band - und das noch vor dem ersten Ton auf der Bühne! Einer sicheren Quelle zufolge, soll sich der Drummer des Headliners Heavy Load standhaft geweigert haben, auf dem festivaleigenen Drumkit zu spielen, so dass man sein eigenes Monstrum in einer Hauruck-Aktion aus Schweden herankarren musste … dazu später.

Und dann ist es doch wieder die gute Musik, der gute alte Freund Heavy Metal, der alle verqueren Gedanken beiseite wischt - Auftritt: IRONFLAME. Sänger Andrew D'Cagna (der das 2017er Debüt "Lightining Strikes The Crown" mal eben ganz allein einspielte) und seine gute eingespielte Live-Formation, präsentieren sich als wirklich angenehmer und sehr gehaltvoller Opening Act. Auch wenn die getriggerte Bassdrum etwas stört, kann das die Klasse von Riot-angelehntem Melodic Metal ("Marching On") nicht schmälern. Der vorgestellte neue Song "Sword And Shield" macht seinem Namen als Schlachten-Headbanger auch alle Ehre. Ausserdem gefällt die Stimme von Andrew wirklich gut. Ich bin wieder da - der Tag kann jetzt richtig beginnen!

Was habe ich im CD-Review von "East Of Sun" noch geschrieben? Na?? Eier!! Epischer Metal braucht Eier! Und GATEKEEPER kommen mit "Warrior Without Fear" auf die Bühne gestürmt und präsentieren die Highlights ihres just einen Tag zuvor erschienenen Debüts "East Of Sun" eben mit Eiern. "Bell Of Tarantia" und das speedige "Blade Of Cimmeria" gießen weiter Öl ins Feuer. Manche mögen Sänger Jean-Pierre Abboud für etwas überengagiert halten, aber mir gefällt die "Attacke"-Variante mehr. "Tale Of Twins" von der ersten EP (2013) widmet man einem Fan im Publikum, der "dir einen Mercedes verkaufen kann, auch wenn du pleite bist". Nun, ich kenne den Namen des Herren sogar, bin aber an dieser Stelle mal lieb.
Was Gatekeeper angeht, anstatt mit den beiden Cover-Songs ihres Debüt zu punkten (wäre mit Savatage und Omen auch ein Leichtes gewesen), greifen die Kanadier mit "Richard III" von Tredegar ganz tief in die Kultkiste und hauen zum Schluss mit "Detroit Rock City" eine ganz unepische Überraschung raus. Dass im Anschluss der Stand ihres Labels Cruz Del Sur Music belagert wird, ist wiederum keine Überraschung.

Gatekeeper

Bei CEREBUS gönne ich mir eine Pause. Aus dem Programmheft geht eh nicht hervor, welche Zielgruppe die Band ansprechen soll.
Das sieht bei BLIND ILLUSION ganz anders aus. "Bay Area" ist ein Schlagwort, mit dem man immer Aufmerksamkeit erregt. Aber auch ihr Auftritt auf dem letztjährigen Headbangers Open Air machte die Runde. Die Songs ihres 1988er Debüts "The Sane Asylum" werden nicht nur vollständig, sondern auch echt kompetent und tight dargeboten. Gitarrist/Sänger Mark Biedermann sieht man schon an, dass er die Jahre seit Bandgründung 1979 erlebt hat, er spielt aber immer noch einwandfrei und sein Auftreten als leicht verpeilter, fast zahnloser Redneck kommt irgendwie mega-sympathisch rüber. Dazu passt auch sein zweiter Axt-Mann Doug Piercy (ex-Heathen). Der 57-jährige geht mal locker als Tommy Lee Jones-Lookalike durch und beherrscht genau wie Bass-Neuzugang Tom Gears sein Instrument mehr als einwandfrei. Ein eigenwilliger Auftritt, der die Ohren aber verdammt gut durchgepustet hat.

Blind Illusion

SARACEN waren 2011 für mich eine faustdicke Überraschung, ihr Album "Heroes, Saints And Fools" ist unbestritten ein zeitloses Meisterwerk, aber irgendwie will sich mein Kopf nicht auf die Briten einstellen. Vielleicht beim nächsten Mal.
Auch für meine Abwesenheit bei WINTERHAWK würden mich diejenigen steinigen, die im Programmheft angesprochen werden. "…"Revival" (1982) ist vielen von euch in bester Erinnerung … wurde auch als "Meilenstein" bezeichnet…" heißt es. Nun, man kann halt nicht alles kennen und wissen. Aber wissend, dass der Rest des Abends die gesamte Aufmerksamkeit braucht, macht man halt Abstriche.

Die nächste dicke Überraschung kommt schließlich in Form der HITTMAN-Reunion. Bis auf den 2013 leider verstorbenen Bassisten Mike Buccel steht hier die Original-Truppe auf der Bühne, die vor 30 Jahren ihr großartiges Power Metal Debüt "Hittman" auf die Menschheit losgelassen hat. Ich selbst habe es viel später entdeckt und denke, dass sich damals schon viele gefragt haben, warum aus der Band nicht mehr geworden ist. Der heutige Abend rückt den Stellenwert der New Yorker zumindest für eine Stunde ins perfekte Licht, das Publikum schallt bei "Backstreet Rebels", "Metal Sport" und besonders "Dead On Arrival" mächtig durch die Halle, Gitarrist Jim Bachi kommt gen Ende des Gigs richtig aus sich heraus und der Sänger mimt den uneigennützigen Star auf der Bühne. Mag er heuer vielleicht eher wie ein Popstar agieren, so singt er aber noch genau so fantastisch wie vor 30 Jahren. In diesem bockstarken Auftritt gehen nicht mal die beiden neuen Songs "No Time To Die" (in dem ordentlich Judas Priest steckt) und "The Ledge" (schön emotionales US-Ding) unter. Großes Kino!

Hittman

"Es passiert schon wieder!" - ist mein erster Gedanke, als ich beim Opener "Death In Vain" noch schnell möglichst viele EXHORDER-Fotos schieße, um mich danach einem Thrash Metal-Rausch hinzugeben, der dem von Demolition Hammer im letzten Jahr zu jeder Sekunde absolut ebenbürtig ist. Die verbliebenen Urmitglieder Vinnie LaBella und Kyle Thomas hieven mit ihren drei neuen, technisch exquisiten Mitstreitern die unsterbliche Klasse ihrer beiden Alben "Slaughter In The Vatican" (7x bedient) und "The Law" (4x bedient) ins Jahr 2018, als wäre nie etwas gewesen. Darunter der Uralt-Song "Legions Of Death", das erbarmungslose "Unforgiven", "Exhorder" (jaaa!) und - da muss ich mich wiederholen - die Mutter aller Beatdowns "(Cadence Of) The Dirge". Ein Abriss, der seinesgleichen sucht! Eine Machtdemonstration, bei der Nörgler nix zu lachen haben. Nur über das Programmheft musste ich vor diesem Auftritt schon Lachen. Uns Exhorder als Pioniere des "Groove Thrash" anzupreisen, lasse ich voll gelten, aber bei einer fifty/fifty-Chance dann das Debüt "Slaughter In The Vatican" anzuführen … das lasse ich einfach mal so stehen …

Exhorder

Und jetzt soll der offensichtlich von der gesamten Welt erwartete Headliner folgen. Die einen sehen hier den letzten heiligen Reunion-Gral, andere, wie z.B. Oscar von RAM (wie er in einem Interview bekundete), fanden die Schweden schon immer zu lasch. Ich machte es wie bei Cirith Ungol im letzten Jahr, verkniff ich mir ein vorheriges "Warmhören" und gehe völlig unbedarft an den HEAVY LOAD-Gig heran - bis auf die Geschichte mit dem Drumkit halt. Das Ding ist zumindest groß, die Backline hat Manowar-ähnliche Größe und als der Hallenchor beim Opener "Heavy Metal Angels" einsteigt, bin ich wahrlich beeindruckt - aber hauptsächlich vom Feedback. Die Performance mit einem lustlosen Torbjörn Ragnesjö am Bass, Niklas Sunnenberg als Jüngling an der zweiten Gitarre, dem nicht sichtbaren Styrbjörn Wahlquist hinter "seinem" Drumkit und Bruder Ragne Wahlquist als Zeremonienmeister mit Headset und Gitarre hautsächlich im rechten Bühnenbereich agierend, wirkt irgendwie zerfahren, wenig locker und auch wenig persönlich. Steht man etwas weiter weg, bekommt man nicht mal wirklich mit, wer in den Ansagen überhaupt mit dem Publikum spricht. Das Feeback wird von Song zu Song auch weniger, beim fünften oder sechsten Song sehe ich gar nur eine einzige (!) Person auf den vollen oberen Rängen headbangen, während dieser Song auf einmal so abrupt versinkt, dass das Publikum sogar den Moment des Applaudierens verpasst und folglich gar nichts tut. Meine Frage, wo denn Eddy Malm ist, wird danach mit Ragnes Ankündigung beantwortet. Er würde während des Sets immer mal wieder auf die Bühne kommen und "seine" Songs mit der Band spielen. Ich komme mir gerade etwas veräppelt vor. Eine halbe Stunde nach Gig-Beginn (also nach 23 Uhr) packt Ragne noch eine spezielle Gitarre aus, haut für knapp fünf Minuten ein langweiliges Solo raus (oder war es schon ein Song-Intro?) und ich denke mir wirklich "geht mir bloß weg!" und verlasse die Halle, wo ich einer Bekannten in die Arme falle, die mir angesichts der Geschehnisse auf der Bühne den gleichen "das soll wohl ein Witz sein"-Blick zuwirft.
Ich bin ja wirklich stets bemüht und habe mich seit meinem KIT-Erstbesuch 2008 von so mancher Band (zu Recht!) überzeugen lassen, aber für mich war das der berühmte Schuss in den Ofen. Vielleicht hat das einer unserer Camp-Nachbarn (die mit den Judas Priest-Songs aus der letzten Nacht) aber auch gedacht und zerlegt deswegen seinen Pavillon in all seine Einzelteile ohne auf nebenstehende Autos oder Zelte Rücksicht zu nehmen … gute Nacht.

Heavy Load

Lasse ich dieses Wochenende nun noch mal Revue passieren, war es zu ganz großen Teilen wieder mal gigantisch. Sowohl musikalisch, als auch atmosphärisch. Und von den eingangs erwähnten Neuerungen stoßen bei mir im Nachhinein nur zwei übel auf. Zum einen der Toilettenwagen, der hinter der Halle wirklich im Weg stand, immer für Stau sorgte und am zweiten Tag eh absolut unbenutzbar war. Da waren unsere Dixies direkt neben dem Camp um Längen besser in Schuss.
Und jetzt noch eine Frage zur Kartensituation: Eine 2019er Karte für eine vorgezeigte und dann gelochte 2018er Karte und Schluss - hieß es. Warum konnte man dann am Samstagabend als 2019er Karten-Besitzer auf einmal ohne Weiteres noch mehr Karten kaufen?
Ich komme 2019 wieder - und das auch wirklich gerne, weil ich dieses Festival wirklich lieb gewonnen habe und meine unstillbare musikalische Neugier hier immer wieder Futter bekommt, obwohl es in den letzten Jahren schon mal Diskussionspunkte gab. Aber zum ersten Mal spüre sogar ich ein paar Risse. Wir sehen uns!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp