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Festival: PARTY.SAN METAL OPEN AIR 2018

Sich über das Wetter aufregen, bringt bekanntlich gar nichts. Nachdem mir selbiges im letzten Jahr das Festival ziemlich vermieste (Dauerregen, Wind und Kälte), war ich dieses Jahr schlauer und buchte mir ein Hotelzimmer. Das geht zwar nun leider nicht in fußläufiger Entfernung, sondern schlägt sich mit 15 km Pendeln pro Tag nieder, erwies sich im Nachhinein aber als absolut goldrichtig. Nach Winterjacke, Wollmütze und 5 Grad Nachttemperaturen im letzten Jahr, steht man in diesem Jahr am Donnerstag bei 35 Grad quasi knöcheltief in seinem eigenen Schweiß...

Donnerstag, 09. August

Den Startschuss ins Wochenende liefert die "DEATH-Tribute-Band" GRUESOME. So zumindest lautet der O-Ton von Fronter Matt Harvey (im deutlichen "Gegen Nazis"-Shirt), der nach wie vor keinen Hehl daraus macht, dass man auf den Pfaden wandelt, die einst Chuck Schuldiner betrat. Da mögen einige Wenige der Band vielleicht nach wie vor den voreiligen Stempel "Kopie" aufdrücken wollen, und zugegeben, das DEATH-Cover "Pull The Plug" mag dies vielleicht sogar noch unterstreichen, aber die Mehrheit scheint die Klasse der Band, die gerade ihr zweites Album "Twisted Prayers" veröffentlicht hat, mittlerweile erkannt zu haben. Die Stimmung im Publikum ist bestens und Songs wie "Trapped In Hell" oder "Inhumane" werden bedingungslos abgefeiert.
Was auch ich schon wieder verdrängt hätte, rufen UNANIMATED dankenswerterweise nochmal ins Gedächtnis: "It's hot here...". Während so einige lieber die nächste Kaltgetränkestelle aufsuchen, scheinen die anderen der zumindest optisch eher spärlichen Darbietung der Kulttruppe (mit Unleashed-Drummer Anders Schulz) förmlich zu verfallen. Songs wie "Through The Gates" oder "Whispering Shadows" haben auch nach stattlichen 25 Jahren (!) nichts von ihrer Magie eingebüßt und nach neun Jahren Wartezeit erscheint nun genau morgen endlich neues Material in Form einer EP, die mit dem Titelsong "Annihilation", sowie "Adversarial Fire" überzeugend vorgestellt wird.
Als alter Festivalhase weiß man mittlerweile, dass die Wolken am Horizont zu Beginn des Gigs von DEAD CONGREGATION alles andere als harmlos aussehen. Doch zuvor gibt es Old School Death Metal amerikanischer Prägung auf die Ohren, der sich angenehm mit einem Hauch griechischer Atmosphäre verbindet. Keine Ahnung, welche Götter die Griechen um Fronter A.V. heraufbeschworen haben, aber nach ohnehin schon bedrohlichen Granaten wie "Vanishing Faith" und "Lucid Curse", fegt ein so starker Sandsturm über das Gelände (passenderweise bei "Only Ashes Remain"), dass der Gig abgebrochen und das komplette Festival für eine Stunde unterbrochen werden muss. Schnell ab ins Auto, das ordentlich durchgeschüttelt wird ...
Von nun an ist das Wetter für das restliche Wochenende nahezu perfekt. Die umbarmherzige Hitze ist einer angenehmen Wärme mit einem bisschen Wind gewichen und das bloße Anschauen einer Band ist nun nicht mehr ganz so anstrengend. Wobei "anstrengend" durchaus ein Wort ist, dass man bei ANAAL NATHRAKH nicht selten hört. Was auf CD und auch im kleinen Club so gut funktioniert, will zumindest bei mir heute nicht so ganz zünden. Klar, der komplexe Industrial-/Death-/Black Metal-/Grindcore-Sound lässt sich natürlich nicht 1:1 live reproduzieren - und vielleicht ist genau das der Punkt, dass mir die ganzen Samples, Playbacks & Co. heute irgendwie quer im Ohr liegen. Trotz allem eine klasse Band, die mich aber heute leider irgendwie nicht "abholt".

Anaal Nathrakh (Foto: sw)

Auch wenn EVIL WARRIORS schon seit über elf Jahren aktiv sind, haben sie erst Anfang des Jahres ihr zweites Album "Fall From Reality" veröffentlicht. Das Leipziger Trio - meine erste Band im Zelt in diesem Jahr - macht ordentlich Dampf und gefällt nicht nur mir ausgesprochen gut. Das explosive Death/Black/Thrash-Gemisch wird mit einer energiegeladenen Performance dargeboten und sorgt in Verbindung mit den letzten Nachwehen des Sturms für ein brechend volles Zelt.
Bei TOXIC HOLOCAUST herrschen im Anschluss auf der Hauptbühne vor allem Speed und Energie. Das Trio punktet vom Start weg mit dem Überhit "War Is Hell" und thrasht sich durch bald schon 20 Jahre Bandhistorie. Die Setlist macht dabei noch mehrmals beim 2008er "An Overdose Of Death..."-Album halt ("Wild Dogs"!), hat aber auch neuere und ältere Songs in petto, sodass eigentlich jeder (im Pit) auf seine Kosten kommt.
Auch ich gehöre zu den Leuten, die im Zelt gespannt auf den Gig von CRESCENT aus Ägypten warten. Man erwartet Death Metal mit Exotenbonus und bekommt auch genau das geboten. Dabei schlägt das reine Interesse schnell in Begeisertung um, denn die Truppe (die sich bei Hitze und Sandsturm eigentlich fast wie zu Hause fühlen dürfte), weiß mit mächtig Groove, klasse Leads und einer amtlichen Mischung aus Behemoth und (natürlich) Nile rundum zu überzeugen.
Besser spät als nie, oder?! Als EMPEROR im letzten Jahr die "Anthems To Welkin' At Dusk"-Komplettaufführung nur für das Wacken Open Air bekannt gaben, war das Geschrei groß. "…Perlen vor die Säue…", "…die wissen das da gar nicht zu würdigen…", "…auf dem PSOA viel besser aufgehoben…" war der Grundtenor im Mecker-Camp. Jetzt sind sie hier und sie führen auf! Das berühmte Intro halb vom Band, halb live gespielt (klingt noch besser) und "Ye Entrancempyrium" fegt von der Bühne wie der kurze Sturm am Nachmittag. Sicherlich - Ihsahn sieht heuer definitiv nicht mehr wie ein Schwarzwurzeljüngling aus, aber die musikalische Darbietung ist aufgrund der Erfahrung aller Musiker an Präzision und Majestätik nicht zu überbieten. Und jetzt halten wir uns noch mal genau vor Augen, dass das gigantische Material ("The Loss And Curse Of Reverance", "With Strength I Burn"!) bereits 25 Jahre auf dem Buckel hat und trotzdem nicht mal im Ansatz an Strahlkraft verloren hat. Da muss ich mich sogar beim Schreiben wieder kurz Sammeln …
Das Grande Finale besteht aus "Curse You All Men", "I Am The Black Wizards" und "Inno A Satana" und lässt keinen Zweifel darüber, wie musikalisch wertvoll Emperor seinerzeit waren und auch heute noch sind.

Emperor (Foto: sw)

Freitag, 10. August

Wie jedes Jahr am Freitag und Samstag regieren bei der jeweils ersten Band die Klobürsten im Pit. Zeit für Goregrind, der heute von den Italienern GUINEAPIG kommt. Und die sind zwar komplett frei von Höhepunkten oder gar Songs, die irgendwo hängen bleiben könnten, aber immerhin ist das Trio weitaus "seriöser", als so manch andere Combo an dieser Stelle. Wie man sich "sowas" zu Hause auf CD anhören kann, werde ich zwar wohl nie eindeutig klären können, aber für den kurzweiligen Spaß taugt das allemal.
Im Anschluss an diese Sause ist jedoch ganz schnell Schluss mit lustig. THE COMMITEE bitten vermummt und mit Rednerpult zur Messe, die atmosphärisch-schwarz daherkommt, für diese Zeit (mittags um 13 Uhr) vielleicht etwas schwerfällig wirkt, aber mit dem eröffnenden "Man Of Steel" gleich das Publikum in seinen Bann zieht. Die Multikultitruppe mit teils hör- und spürbarem Doom-Hintergrund wird hier heute sicherlich so manchen Fan hinzugewonnen haben.
BENIGHTED knüppeln danach mit ihrem Death-Grind alles nieder, zeigen allerdings auch, dass es durchaus auch mal melodischer zu Werke gehen kann. Erstaunlich, dass die runderneute Truppe - nur Fronter Julien Truchan ist seit der Gründung vor 20 Jahren noch mit dabei - so routiniert und eingespielt wirkt. Keine Statisten, die sich stur auf ihren Job konzentrieren, sondern man hat den Eindruck, als spiele die Band in dieser Konstellation schon ewig zusammen. Das gefällt und macht nicht nur das brachiale Sepultura-Cover "Biotech Is Godzilla" zu einem ziemlichen Kracher.

Benighted (Foto: maz)

Die quasi Nachfolger von Agalloch, PILLORIAN, um ex-Agalloch Sänger und Gitarrist John Haughm, sowie ex-UADA-Drummer Trevor Matthews, lassen wohl so einige Agalloch-Fans enttäuscht zurück. Schlecht ist das Material vom letztjährigen Debüt "Obsidian Arc" zwar nicht, aber Nachhaltigkeit geht nun wirklich anders. Der Gig als solches ist völlig in Ordnung, einzelne Songs hervorzuheben, aber eigentlich unmöglich. Ob sich Pillorian den verständlichen Vergleichen zu Agalloch jemals werden entziehen können, bleibt abzuwarten. Wer heute insgeheim auf den einen oder anderen Agalloch-Song gehofft oder zumindest ähnliches Material erwartet hat, geht leider leer aus. Pillorian gehen wesentlich härter zu Werke, schaffen es aber (noch) nicht, ihrem Black Metal etwas ... ähm ... Farbe zu verleihen.
Eingefleischte Fans von COFFINS dürften arme Menschen sein. Seit ihrer Gründung im Jahre 2000 hat es das japanische Quartett auf bereits 30 (!) EPs, Splits, Singles und Demos gebracht, von Studio- und Livealben, sowie drei Compilations mal ganz zu Schweigen. Respekt, wer eine vollständige Sammlung besitzt. Spaß machen die Jungs trotz technischer Probleme (mehrfach fällt die Gitarre aus) allemal. Doom/Death der Marke Asyphyx/Autopsy passt perfekt zum Party.San und das Publikum dankt es der sympathischen und quirligen Band auch entsprechend, nicht zuletzt dank starker Songs wie "Evil Infection".
Auch wenn RAM mit ihrem klassischen Heavy Metal die "typische Festival-Zielgruppe" eigentlich gar nicht ansprechen dürften, waren die Schweden um Rampensau Oscar Carlquist letztendlich und rückblickend vielleicht sogar eins der Highlights des Festivals. Mit ordentlich Judas Priest-Schlagseite und mächtig Spaß in den Backen, ist der Gig sowas von "trve", dass es die reinste Freude ist. Ein Pit voller Headbanger und gen Himmel gestreckter Fäuste, dazu Kracher wie "The Usurper" (!), das alte "Sudden Impact" von der Debüt-EP, oder "Eyes Of The Night" und fertig ist ein Auftritt, an dem es rein gar nix zu meckern gibt.

RAM (Foto: maz)

GOATH aus Nürnberg haben erst kürzlich ihr zweites Album auf die Menschheit losgelassen und eröffnen am frühen Abend die Zeltbühne. Und von da aus wird eine halbe Stunde lang die pure Boshaftigkeit des sonst so sympathischen Trios zelebriert. Abgrundtiefer, räudiger Minimalismus, tiefschwarz und bitterböse, das komplette Gegenteil von RAM und für mich durchaus ein kleines Highlight des Festivals.
Bei DESERTED FEAR hingegen herrscht trotz Old School Death Metal durchgehend gute Laune und pure Freude. Auch wenn die Pyros anfangs in Hose gehen, irgendein Kasten am Bühnenrand Feuer fängt, so manche Explosion so nicht gewollt war und ich mir im Fotograben durchaus etwas Sorgen mache, aber letztendlich läuft alles reibungslos und der kometenhafte Aufstieg der Thüringer, die heute ein Heimspiel haben, geht unaufhaltsam weiter. Nicht nur live funktioniert die Truppe einfach ausgezeichnet und die durchweg starken Songs sprechen ohnehin für sich.

Deserted Fear (Foto: maz)

Was kann ich euch über den EXHORDER-Auftritt erzählen, was nicht schon im diesjährigen Keep It True-Bericht steht?! Ähnlich der Demolition Hammer-Situation vom letzten Jahr (erst KIT, danach PSOA) legt hier eine Thrash Institution der Neunziger (die seinerzeit auch jeweils zwei essentielle Szene-Alben veröffentlichten) einen fulminanten Gig hin. Die beiden verbliebenen Urmitglieder Kyle Thomas (unglaublich agil und mega sympathisch) und Vinnie LaBella (cool unter Sonne mit seinem Weihnachtsmannbart) haben eine Mannschaft rekrutiert, die das Material perfekt umsetzt und so ziemlich jedem der Anwesenden einen Scheitel zieht. In dieser Form kann man sich Thrash-Juwelen wie "Death In Vain", "Unforgiven", "(Cadence Of) The Dirge" (und ich wiederhole: die Mutter aller Beatdowns als richtiger, vernünftiger Song!) oder "Desecrator" einfach nicht entziehen. Basta! Ich bin glücklich!

Exhorder (Foto: maz)

THE SPIRIT aus Saarbrücken sind wohl eine der ganz wenigen Bands (die einzige?), die den Sound von Dissection aktuell so perfekt einfangen, ohne wie eine Kopie zu klingen. Mit ausgefeilten Songs, packender Atmosphäre und trotz spürbei leichter Nervosität (dieser Gig ist der bisher größte der Band), liefert das Quartett überragende Black/Death-Perlen wie den Opener (und zugleich Titelsong ihres Albums) "Sounds From The Vortex" oder "Cross The Bridge To Eternity". Ein weiteres Highlight dieses Wochenendes.
UNLEASHED haben sich für heute durchaus was einfallen lassen und spielen erstens Songs, die man von den sympathischen Schweden eher selten hört (u.a. "I Have Sworn Allegiance") und zweitens auch viel alten Kram wie "Where No Life Dwells" oder "Into Glory Ride". Der Gig ist zwar insgesamt eher nüchtern und trocken, aber immerhin nicht so routiniert-gelangweilt, wie es in der Vergangenheit manchmal der Fall war. Am Status, den die Band innehat, kann man ohnehin nicht rütteln und selbst das eigentlich ausgelutschte "Death Metal Victory" macht heute richtig Laune.
Mich würde ja brennend interessieren, wie viele der Anwesenden sich auf einen ähnlich geilen VENOM-Auftritt gefreut haben, wie er bereits 2011 über die Bühne ging. Die Ankündigung eines "Special Set" ließ hoffen und der Einstieg mit "Black Metal", "Welcome To Hell" und "Bloodlust" ist mehr als nur nach Maß. Cronos ist Cronos, Rage ist ein adäquater Gitarrist und an den Kesseln klöppelt The Jackal als Vertretung für den krankheitsbedingt pausierenden Dante, der wiederum aber anwesend ist und unbedingt ein paar Worte zu seiner baldigen Rückkehr auf den Schemel loswerden muss … sehr verzichtbar. Daraufhin gehen auch noch fünf aktuelle Songs ins Land (zwei davon von der "100 Miles To Hell"-EP aus 2017, die mir nicht mal bekannt war), bis der nächste Old School Block angestimmt wird, und das findet auch nicht jeder Anwesende so spannend. Nichts gegen die Songs an sich, aber Stimmung gibt es eben nur bei "Buried Alive", "The Evil One", "Countess Bathory" und "In Nomine Satanas". Zwei "Fallen Angels"-Tracks sind dann die Brücke zu "Warhead" und die Zugabe startet wieder "aktuell", das versöhnliche Ende besteht aus "In League With Satan" und "Witching Hour". Nun, der Gig war "special" … aber denkt man mal zwei Schritte weiter, waren die Fans in ihrer Erwartungshaltung genau so stur, wie die Band, die ohne Kompromisse ihren Stiefel durchzog. Passt also irgendwie. Gute Nacht!

Venom (Foto: sw)

Samstag, 11. August

Der dritte und letzte Festivaltag startet wie gewohnt im Zelt mit einem Frühshoppen, den GORILLA MONSOON entsprechend musikalisch begleiten dürfen. Das Dresdener Stoner-Doom-Quartett passt sich indes perfekt dem Zeltboden an und groovt sich staubtrocken und ziemlich lässig durch das schon erstaunlich gut gefüllte Zelt, während sich die Goregrinder RAZORRAPE als heutiger Opener auf der Hauptbühne über ebenfalls relativ viel Zuspruch freuen können. Im Pit fliegt wieder allerhand Unrat (Lauchstangen, Seifenblasen, Gummitiere) und tiefgründige Titel wie "Hey Whore, Let's Gore" oder "Bitch Butcher Boogie" reißen wohl auch den letzten Suffkopp aus dem Schlaf.
Wesentlich ernster und darüber hinaus auch mächtig amtlich, gehen die Spanier von GRAVEYARD zu Werke. Schade nur, dass sich die Reihen nach Razorrape sichtbar gelichtet haben. Das hält Fronter Fiar aber nicht davon ab, wild gestikulierend und leicht theatralisch solche Old School Hymnen wie "The Mighty Columns Of Irem", "Faces Of The Faceless" oder "Mine Is The Shining Light" in die Menge zu feuern.

Graveyard (Foto: maz)

Über mangelnden Zuspruch können sich auch WOLFHEART nicht beklagen, die einzige finnische Band des Festivals, die zudem erstmals überhaupt auf dem Party.San spielt. Der düstere Melo-Death der Truppe geht zwar absolut in Ordnung, aber dass Fronter Tuomas Saukkonen gar nicht zu wissen scheint, auf welchem Festival er denn gerade spielt ("Thank you, Summer Breeze"...?) und sich auch mit der Entschuldigung "All these German festivals look the same" nicht gerade Freunde macht, trübt den insgesamt guten Gig dann doch ein wenig. Ein überzeugender neuer Song wie "Breakwater" reißt da dann auch nicht mehr viel raus.
HARAKIRI FOR THE SKY hätten sich vermutlich nicht wenige Besucher lieber im Dunkeln gewünscht. Nicht deshalb, weil die Bühnenpräsenz von Sänger J.J. praktisch nicht vorhanden und sein Outfit diskussionswürdig ist, sondern vielmehr, weil sich die herbstliche Melancholie des Post Black Metal der Österreicher am frühen Nachmittag irgendwie etwas in der Sonne verliert. Aber mit geschlossenen Augen funktioniert's eigentlich ganz prima und man kann sich kurz etwas treiben lassen.
Spätestens bei CARPATHIAN FOREST wird man allerdings unsanft wieder aus seinen Träumen gerissen, was nicht zuletzt an Nattefrosts Stimme liegt, die manchem etwas quer im Ohr liegen könnte. Stimmlich ist das auch für meine Ohren mitunter kaum zu ertragen. Mäßige Coverversionen von Turbonegro und vor allem The Cure ("A Forest") mit Cradle Of Filth-ähnlichem Gekreische tragen ihr übriges dazu bei. Zumindest stimmt die Optik, Corpsepaint und Bühnenbild sitzen, und die Entfernung des Sounds weg vom reinen Black Metal, hin zum Black'n'Roll mit viel Groove weiß durchaus zu gefallen.

Carpathian Forest (Foto: maz)

Im Anschluss legen EXCITER einen wahrlich furiosen Auftritt hin. Die dienstälteste Band des Festivals - 40 Jahre und kein bisschen leise - feuert ein "Best of"-Programm ihrer ersten drei Alben "Heavy Metal Maniac" (1983), "Violence & Force" (1984) und "Long Live The Loud" (1985) in die Speed-hungrige Meute. Mehr 80er Headbanger-Futter geht eigentlich gar nicht, und Drummer/Sänger Dan Beehler, sowie seine beiden Saitenhexer John Ricci (62 Jahre alt!) und Allan James Johnson werden frenetisch gefeiert. Ein klasse Auftritt, der unabhängig davon, ob man nun jeden Song kennt, mächtig Spaß macht.
Warum ich mir HIEROPHANT, den heutigen Opener im Zelt (vom Frühshoppen mit Gorilla Monsoon am Vormittag mal abgesehen), anschauen wollte, ist eine Frage, die mich nach wie vor beschäftigt. Mit dem Dargebotenen kann ich kaum etwas anfangen. Was früher noch Hardcore/Sludge/Grind war und zwischenzeitlich Uptempo Death Metal, ist jetzt irgendwie crustiger Midtempo Death, der auf Konserve zwar durchaus funktionieren mag, aber live heute irgendwie keinen Blumentopf gewinnt. Mit elendig langen Pausen zwischen den Songs, sowie sehr unspannenden atmosphärischen Parts, lichten sich die Reihen im Zelt zusehends.
SADISTIC INTENT aus Los Angeles sind sowas wie ein kleines Kult-Phänomen. Aus dem US-amerikanischen Underground kaum wegzudenken, genießen sie auch in unseren Breiten einen entsprechenden Status. Und das, obwohl sie in ihrer mittlerweile schon über 30-jährigen Bandgeschichte noch kein einziges reguläres Studioalbum veröffentlicht haben. Doch Songs, um die Dreiviertelstunde mit fiesem Old School Death Metal, der nicht selten an Morbid Angel erinnert, zu füllen, hat die Truppe um die beiden Cortez-Brüder genug. "Asphyxiation", "Impending Doom", "Numbered With The Dead" oder "Ancient Black Earth" sorgen für herrlichstes Gemetzel.

Sadistic Intent (Foto: maz)

Mit ENGULFED betritt die erste türkische Band, die jemals auf dem PSOA gespielt, die Bühne. Nachdem sie im letzten Jahr in der mega-metal.de-Heimat Oldenburg einen furiosen Gig vor extrem spärlicher Kulisse spielten, ist die Wiedersehensfreude groß (auch abseits der Bühne) und der Andrang vor der Bühne wie die Spieldauer - zunehmend. Mit beängstigender Präzision auf allen vier Positionen, öffnen Engulfed den siebten Kreis der Hölle und machen sich mit den Highlights ihres Debüts "Engulfed In Obscurity" viele neue Freunde unter denjenigen, die z.B. den Dead Congregation-Abbruch immer noch betrauern. Als nach dem letzten Ton ein Teil des Publikums zufrieden gen Ausgang tingelt und mindestens die Hälfte davon wieder umkehrt, da Front-Schrank Serkan noch um ein gemeinsames Foto bittet, spricht wohl für sich.
Ich würde zwar nicht so weit gehen, und sagen, dass man PESTILENCE auf den Ausnahme-Klassiker "Consuming Impulse" reduzieren könnte/sollte, aber mit dem Ausstieg von Martin van Drunen nach eben diesem Album, habe ich auch irgendwie das Interesse an der Band verloren. Umso mehr freue ich mich heute natürlich über zeitlose Klassiker wie "Out Of The Body", "Dehydrated" und mit Abstrichen auch noch "Twisted Truth", sowie dem einen oder anderen Klassiker vom 1988er Debüt "Malleus Maleficarum". Bandkopf Patrick Mameli ist aber nunmal eben nicht Martin van Drunen und der Old School-Faktor geht durch technische Perfektion und eine reichlich emotionslose Show leider ziemlich flöten.

Pestilence (Foto: maz)

Mal abgesehen von zwei Wacken-Gigs, habe ich unsere Oldenburger Death Metal Urgesteine von OBSCENITY immer nur vor heimischem Publikum gesehen. Heute ist es für mich mal interessant zu sehen, wie die Band vor "Fremden" so wirkt. Obwohl, fremd sind die Anwesenden definitiv nicht, denn die Fachkundigen jubeln sofort, wenn älteres Material wie "Disgrace Over You" angekündigt wird. Für die halbe Stunde wird einmal durch die Band-Historie geballert - von aktuellem Stoff über "Human Barbecue", bis hin zum obligatorischen Uralt-Rausschmeißer "Utter Disgust" (ein Kumpel kommentiert den Chorus vortrefflich: "…der klassische Old School Florida Groove!"). Mit Manuel Siewert (ex-December Flower) hat man einen stimmlich und optisch passenden Fronter gefunden, der im Gegensatz zu den letzten beiden Vorgängern hoffentlich mal etwas länger auf diesem Posten bleibt. Zumindest wird schon am neuen Album gearbeitet.
ESSENZ erwischen mich auf dem falschen Fuß. Sie starten in ihre 30 Minuten mit doomig-sperrigem Material, während ich das neue Album "Manes Impetus" im Ohr habe, welches just an diesem Wochenende veröffentlicht wird. Und so wollen der kantige Live-Erstkontakt mit dem starken Tonträger-Erstkontakt in meinem Kopf nicht so ganz zusammen finden. Nach drei Tagen Festival nehme ich das ausnahmsweise mal zum Anlass, nach der Hälfte der Spielzeit zu verschwinden. Nichts für ungut. Aber auf den Gig beim Hell over Hammaburg 2019 freue ich mich trotzdem. Den zweiten Versuch sind mir Essenz auf jeden Fall wert!
Mein schwarzmetallischer Abschluss heißt POSSESSION, denen ich zwar auch nur kurz beiwohne, aber bei dem gefüllten Zelt und dem aggressiven Sound, der von der vernebelten und blutrot getränkten Bühne kommt, muss ich mir die Belgier bei nächster Gelegenheit und mit etwas mehr Kondition zu Gemüte führen. Auf Konserve sind sie nach wie vor prächtig, um mal zwischendurch richtig Frust abzubauen.
Apropos "Abschluss" und "blutrot". WATAIN werte ich nicht (mehr). Ist mir schnuppe, wie ernsthaft und auch authentisch Eric Daniels und seine Mannen ihren Stiefel durchziehen, ihre Berechtigung spreche ich ihnen auch überhaupt nicht ab. Aber wer sich selbst als Kunstform betrachtet, sollte auch vor anderen Kunstformen gegenüber Respekt zeigen und mit dem berühmten Verschütten des Kelches voll geronnenem Blut zumindest solange warten, bis sämtliche Fotografen aus dem Graben verschwunden sind. Mich würde sehr interessieren, ob irgendwelche Arbeitsgeräte Schaden genommen haben und ob es diesbezüglich auch noch "Diskussionen" hinter Bühne gab, denn die Security hat ebenfalls ordentlich was abbekommen. Ist nicht unbedingt die feine schwedische Art … die ziemlich gestunken hat.

Watain (Foto: sw)

Aber von ein paar Blutstropfen (die nach dem Waschen auch wieder draußen waren) lässt man sich kein Festival versauen. Schon gar nicht ein so großartiges Party.San ... es ist immer wieder ein Vergnügen, hier dabei zu sein!


Text: Siegfried Wehkamp (Emperor, Exhorder, Venom, Engulfed, Obscenity, Essenz, Possession, Watain)
alles andere: Marco Zimmer