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Vorankündigung: STONED FROM THE UNDERGROUND

Stoned From The Underground 2018 - Ein Festival wie wir es brauchen - aber nicht verdienen.

Achtung, Vorsicht, pseudo-soziologische Einleitung, bevor ich zu einem großartigen Festival bei Pößneck komme: Festivals sind eine interessante kulturelle Erscheinung. Sie verbinden unsere Flucht aus dem Alltag in ein "Camping-Survival-Abenteuer" mit dem Verlangen nach noch mehr Flucht in/mit/durch Alkohol und andere Substanzen. Der Campingplatz und das Gelände werden zu einem Musik-Themenpark, den wir selbst gestalten. Beinahe niemand geht ernsthaft ausschließlich wegen den Bands auf ein Festival. Sicher gibt es diese Menschen. Es ist aber eine verschwindend geringe Zahl. Das Camping, der Alkohol, das kurzzeitige Ausblenden von gesellschaftlichen Regeln, all das spielt eine größere Rolle, als die meisten sich eingestehen. Oft ist diese Relevanz des "Drumherum" ebenbürtig mit der Relevanz Musik. In Wacken habe ich über acht Jahre hunderte Menschen nach ihrem Grund für den Ticketkauf gefragt. Die Festivalbesucher nennen auch Bands als Motivation, es überwiegend aber andere Gründe. Andererseits ist Wacken auch besonders. Irgendwie.

Warum ich das schreibe? Weil damit begründet ist, dass wir Festivals nicht nur nach den Bands auswählen und bewerten. Und weil das Stoned From The Underground somit ein Festival ist, das mit Recht behaupten kann, sich abzuheben. Das Festivalgelände ist klein. Wirklich klein. Dort stehen zwei Bühnen und ein paar wenige Merch-Tische, fast keine Fressbuden, relativ wenig Bierstände. Die Pointe ist: Obwohl das Stoned From The Underground den Konsum von Marihuana im Namen trägt, ist das Anfangs beschriebene Gleichgewicht von Musik-Gründen und anderen Gründen hier mehr als irgendwo anders in die Richtung der Musik gekippt. Das ist mein persönlicher Eindruck. Die typischen Alkohol-Rausch-Schläfer links und rechts der Bühne habe ich hier noch nie gesehen. Starke Trunkenheit scheint mir hier allgemein viel, viel seltener. Warum? Weil die Gründe, aus denen Menschen auf das "Stoned" fahren, andere sind. Es ist ein reineres Motiv. Es ist weniger "die große Party" und mehr "unser Ausflug nach Pößneck".

Und 2018 warten Bands, die so undergroundig wie legendär sind. Diese Gratwanderung meistert das Stoned From The Underground immer wieder. Nie irritiert das Billing im Vergleich zum Namen: "Komm schon… das ist doch nicht underground?". Das SFTU schafft es, die Bands zu holen, die den Underground leben, ohne dabei Unpopularität zu heucheln und deswegen auf gewisse Legenden zu verzichten. Pentagram, Kadavar, Saint Vitus, Crowbar, die meisten Szenegrößen waren schon da - die andererseits kaum ein Wacken-, Rockharz- oder Metalfest-Gänger kennt. Eine der prominentesten Beispiele 2018 ist EyeHateGod.

EyeHateGod

Bei EyeHateGod bleibt vor jedem Auftritt die Frage: Was wird passieren? Es gibt keine Choreographie (mindestens die Hälfte eurer Lieblingsbands hat mindestens eine grobe Choreographie, glaubt es einfach). Es gibt keine Konstanten. Das letzte Album ist vier Jahre her. Die Band lebt den DIY-Gedanken, agiert ohne klassische Plattenverträge und festen Manager. Es wird ein Fest. Wir wissen nur noch nicht, was für eines.

Eine weitere Legende auf dem Stoned From The Underground, neben Jimmy Bower, wird das Kyuss-Gründungsmitglied und Ex-Queens Of The Stone Age-Bassist Nick Olivieri sein. Mit seinen The Dwarfes ist er der der obligatorische Punk-Act, der jedes Jahr am ersten Festivaltag auf dem Billing landet. Die Provokateure liegen mit QOTSA und vor allem Josh Homme spätestens seid der Punchline "This one goes out to Queens of the Trustfund / You slept on my floor and now I'm sleeping through your motherfucking records" im Clinch. Mehr noch: Josh Homme war in seiner Künstler-Ehre gekränkt und fing 2005 eine Schlägerei mit dem Dwarfes-Sänger Paul Cafaro an. Das Ergebnis: drei Jahre auf Bewährung für Josh. Moment, das ist über 13 Jahre her...? Wo bleibt die Zeit? Jedenfalls: Auch hier ist eine chaotische Bühnenshow mit viel Nacktheit, Alkohol und kruden Flachwitzen zu erwarten. Perfekt für Tag 1!

The Dwarfes

Es gibt Bands, die muss man nicht erwähnen. Szenegrößen wie Dopethrone und Bongzilla reißen regelmäßig Bühnen mit ihrem abstrus übermächtigen Bässen ein. Sie sind live immer ein Brett und sind in der Szene bedingungslos gefeiert - gewissermaßen besteht ein Konsens, den es sonst in der Musikwelt kaum gibt. Bässe sind eben objektiv. Interessanter und hier erwähnenswerter: Orchid, der eigentliche Headliner von Tag 1. In den letzten Jahren bis zur Unendlichkeit gehyped (und direkt von Nuclear Blast einkassiert). In den letzten Monaten wurde es stiller. Nach dem 2015er "Sign Of The Witch", was auch nur eine EP war, kam nichts mehr. Die Band "arbeitet dran". Zugegeben, die Band ist live gut. Orchid liefern eine Ozzy-eske Show, die ohne viel Firlefanz Black Sabbath huldigt. Die Szene befindet sich jedoch im unvermeidbaren Kommerz-Streit und ich bin auf die Stimmung vor Ort gespannt.

Orchid

Der Vollständigkeit zu Willen, erwähne ich den letzten Headliner nur: Es ist Ufomammut. Für die Könige der italienischen Doom-Sludge-Szene ist jede Beschreibung unzutreffend und müßig. Sie sind innerhalb der entsprechenden Subkulturen auf der ganzen Welt bekannt.
Statt weiter über die Bands vom Billing zu sprechen, die ihr sowieso lieber selber hören solltet, also Bongzilla, Dopethrone, Downfall Of Gaia, Sons Of Otis, noch etwas abschließendes zum Festival.

Das Stoned From The Underground gibt es 2018 bereits seit fast zwei Jahrzehnten. Und anders als bestimmte Festivals im Bereich der verzerrten Gitarren, hat sich kein Plastik-Hype entwickelt. Sicherlich ist das Publikum etwas gemischter geworden. Aber den Weg vom Festivalgelände zum Dorf Pößneck säumen keine Buden. Weder Captain Morgan, noch Coca-Cola ist präsent. Der Unterschied ist nicht nur im Vergleich mit Festivals wie dem Rockharz oder dem Wacken spürbar, es reicht der Blick nach Berlin: Das Desertfest, vielleicht das bekannteste Szenefestival in Deutschland im Bereich Sludge, Doom und Stoner, ist in Relation zum "Stoned" die reinste Plastikparty. Möglicherweise ist die Gesamtgage aller Acts zusammengenommen dort höher. Vermutlich liegt es auch an Berlin selbst. Aber wie erholsam ist das "Stoned" im Vergleich zum endlosen, pulsierenden Summen des Deserfests?
Alleine deswegen freuen sich Jahr für Jahr wieder knapp 3000 Musikliebhaber und Escapisten auf dieses unaufgeregte, ruhige, fast ostfriesisch-bodenständige Festival.


www.caligula666.de
www.facebook.com/stonedfromtheundergroundfestival