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EISREGEN - Fegefeuer

VÖ: 26. Oktober 2018
Massacre Records

Eisregen werden einfach nicht müde. Erst dieses Jahr ist "Satan liebt dich" herausgekommen, eine EP mit erfrischenden Cover-Versionen. bisher unveröffentlichten Tracks und einem genialen Medley. Und nun "Fegefeuer", das in der Deluxe-Variante über 60 Minuten lang ist. Und das Schöne ist: Eisregen werden nicht nur nicht müde - Eisregen werden immer wacher.
Ein kurzer Rückblick: Irgendwie haftet den Thüringern dank ihres Werkes aus den Mitte-2000er-Jahren bei vielen Szenegängern immer noch ein Edgelord-Gothic-Metal-Einsteiger-Ruf an. Der Grund dafür ist vor allem der geradezu nervig-populäre Song "Elektro-Hexe". Mitte der 2000er-Jahre konnte man diesem Song in den "alternativen" Kneipen und Bars einfach nicht entkommen, er wurde ein Sinnbild für den Teenie-Nachwuchs der "Schwarzen Szene". Metalheads waren zunehmend von Eisregen mehr genervt als angetan, der "Krebskolonie"-Ruhm aus den späten 1990ern verblasste. Dieser Ruf dürfte - wenn man der Band wieder eine Chance gibt - bröckeln. Denn schon "Satan liebt dich" war eine ziemlich morbide, brutale Ansage. Desweiteren: Yay, neue Cover-Versionen von Eisregen! Aber was für welche: Beherit, Mysticum, Bethlehem. Und auch wenn wir "Fegefeuer" anspielen und ein Band-typisches Intro durchhalten, startet der eigentliche Opener "Fegefeuer" vielversprechend: Mit einem langsamen Intro-Riff, das dann in einen leckeren, straighten Beat übergeht und wirklich guten, deutschen Metal bietet. Insgesamt hört sich das Ganze wieder ein ganz kleines bisschen mehr "Black" als "Dark" an, ohne aber klassische Eisregen-Parts zu vergessen. Darunter vor allem die unpassend-fröhlichen, operesquen Cleanpassagen - hachja, was wäre Eisregen ohne sie? Auch bei "Oben auf dem Leichenberg" ist es spürbar: Es wird wieder geknüppelt. Das Gitarrenriff klingt gar ein wenig nach 2001er-Nargaroth, im positiven Sinne. Einige Songs auf "Fegefeuer" haben diesen hypnotischen, atmosphärischen Sound, der uns träumen lässt, aber eben vermischt mit den eisregnerischen Texten, die dem Ganzen eine Portion dunklen Humor geben. Zugegeben, bei "Alice Im Wunderland" und vor allem bei "Knochentorte" und "Ich mach dich bleich" klingelt der Rammstein-Alarm (oder auch nicht, wenn man das mag). Es klingt dann wieder sehr nach der uns bekannten Hexe - und ein bisschen riecht es aus dem Boxen nach Patchouli. Tracks wie "Axtmann" und "Fahlmondmörder" machen das aber wieder wett. Es gibt hier so sehr auf die Fresse, wie noch nie zuvor auf einer Eisregen-Platte. Umso verwirrender (und irgendwie für viele Hörer auch nostalgisch) ist der Ausflug in folkige Gegenden mit "Opfer". Nehmen wir Subway To Sally, Letzte Instanz, Rammstein und … naja, Eisregen halt. Heraus kommt der Track "Opfer". Kann man mögen. Ein bisschen ist diese Platte aber ein Gefühlschaos und wirkt aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt. Und zu den Covern: Eisregen haben einfach ein Händchen dafür, Cover zu spielen, die Spaß machen. Vielleicht sind die Cover auf "Fegefeuer" musikalisch nicht so genial umgesetzt, wie auf "Satan Liebt Dich", aber das, was Eisregen aus den Songs machen, die Wandlung selbst, ist einfach interessant zu hören. Gerade "Black Magic Mushrooms" von Mysticum, eine Band, die sich wahrscheinlich/hoffentlich ebenso wenig ernst nimmt, wie Eisregen, ist hervorragend umgesetzt. Ja, ich schreibe es: Es ist besser als das Original! "Echte" Beherit-Fans werden ob des Covers sowieso in leidvolle Tränen ausbrechen oder hören Eisregen gar nicht. Und ein Bethlehem-Cover von Eisregen kann nur gelingen. Man muss für dieses Album zwei Perspektiven einnehmen: Freunde und Fans von Eisregen werden dieses Album mögen. Denn Eisregen wachsen weiter "in den Knüppel", wie auch, mutmaßlich, ihre Fans älter werden. Menschen, die irgendwann in den Teenie-Jahren aufgehört haben, Eisregen zu hören um "richtigen" Black Metal zu hören, dürfen aber auch aufhorchen. Und das macht diese Scheibe wirklich gut. Eisregen sind jetzt anders. Besser. Ich durfte mit Eisregen aufwachsen und freue mich. Da geht auch heute noch was, da ist Luft für Entwicklung. Das verdient Respekt. (jh)

7/10