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FUNERAL NATION - Molded From Sin

VÖ: 24. November 2017
Vic Records

Anfängliche Verwunderung darf gleich ein wenig abgeschwächt werden, denn die stattliche Länge von 13 Songs, also fast einer Stunde Soundmaterial, hat seinen Grund: "Molded From Sin" ist im Grunde kein Album, sondern eine Kompilation. Es fasst die frühen Demos "State Of Insanity" (1989) und "The Benediction" (1992) zusammen und erweitert das Bild mit der aktuellen Drei-Song-EP "Funeral Nation". Wir müssen diese Kompilation also mit einem Auge in der Gegenwart und einem in der Vergangenheit hören. Die Jungs aus Chicago sind im Underground längst gefeiert, hat man sich doch immer - ob nun bewusst oder unfreiwillig - jeder Kommerzialisierung und Anbiederung an große Labels verwehrt.
Dabei merkt man der Platte deutlich an, dass der Zeitraum des Songwritings einfach mal 28 Jahre umfasst. Der letzte Teil der Kompilation wartet mit moderneren Melodieläufen auf, die ersten zwei Drittel der Platte erinnern deutlich stärker an die frühe Phase von Slayer und Exodus, kam jedoch auch dort jeweils ein paar Jahre zu spät, was den fehlenden Durchbruch erklärt. "State Of Insanity" wartet beispielsweise mit einem klassischen Thrash-Solo auf, mit Legato und Sweep Picking. Die Parallelen sind auch stimmlich kaum zu übersehen. Mike Pal klingt verblüffend nach dem 90er-Jahre Araya. Im ersten Moment, aus der Perspektive des Hörers in 2017, ist das auf eine bestimmte Weise erfrischend und positiv. Hier wird Spät-Achtziger-Thrash gefeiert wie damals, quasi neues Material von Slayer, nur eben weder neu, noch von Slayer. Denn auf den zweiten Blick: Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Funeral Nation? Es ist schwer zu finden. Die Band geht etwas technischer an den Thrash heran, als die meisten Bands in den Jahren 1983 bis 89, der Bass steht mehr im Fokus. Aber der Stil war 1989 quasi totgespielt und Funeral Nation hier einfach nur durchschnittlich.
"Reign Of Death" ist einer der besseren Thrash-Hymnen, die ich in letzter Zeit gehört habe, hat aber wenig mehr zu bieten, als Slayer damals. Auch der namensgebende Track "Molded From Sin" klingt wie schon einmal gehört und das nicht nur, weil er ja schon einmal released wurde. Ein schönes Riff mit offener E-Saite treibt zum Circle Pit an, unterbrochen von Mid Tempo Hooks. Das ist nett, aber warum schreibt die Band nicht neue Songs in diesem Stil? Warum wärmt sie die alten, 80er-Hymnen auf und schreibt drei neue dazu, die sich in winzigen, aber spürbaren Schritten an den Neo-Thrash der frühen 2010er-Jahre nähern? Warum nicht ein komplett neues Album, entweder im alten oder im neuen Stil? Wieso klingen die Toms im dritten Drittel wie Tupperdosen, obwohl Snare und Basedrum normal gemischt sind? Diese Scheibe macht Spaß, keine Frage, lässt aber auch einen verdutzten Hörer zurück. Man kann den Jungs zwar ein relativ hohes Niveau attestieren und auch den Hut davor ziehen, dass die Band nicht auf den Death Metal Hype aufgesprungen ist. Insgesamt wirkt die Platte aber durch ihre weite Zeitspanne ohne klaren roten Faden, der Sinn einer solchen Zusammenstellung bleibt vollkommen im Dunkeln. Warum nicht nur die neue EP releasen und die alten Songs in Ruhe lassen? Oder nur die EP und eine "Best Of" der gesamten Schaffensjahre? Im Kontext der Diskografie erscheint es sogar ein wenig albern, da die Band es bisher nur ein einziges Mal geschafft hat, ein komplettes Album zu releasen. Nun gibt es mit "Molded From Sin" zwar eine theoretische Full-Length, die aber eben nur drei neue Songs plus ein paar recycelte Titel enthält, wobei letztere sowohl in Aufnahmequalität, als auch im Stil etwas "speziell" sind. Das ist deutlich zu wenig für eine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Für Thrasher und Speedfreaks gehört das Ding aber in den Schrank, keine Frage. (jh)

6/10