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IHSAHN - Arktis

VÖ: 08. April 2016
Candlelight / Spinefarm Records

Mit Unbehagen denke ich noch an das letzte Ihsahn-Album "Das Seelenbrechen" zurück, welches doch ein extrem schwer verdaulicher Brocken war. Aber jetzt verstehe ich, dass Künstler manchmal solche Scheiben brauchen, um danach wieder zu alten Stärken zurückzukommen bzw. zu neuen Stärken aufzubrechen. Wenn der Norweger dann auch noch propagiert: "Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so eine gute Zeit beim Fertigstellen eines Albums hatte …", ist quasi alles wieder im Lot. Der einzigartige Crossover zwischen Prog und Extreme (um es mal ganz simpel auszudrücken) bekommt wieder glattere Bahnen, lebt aber weiterhin von Ihsahn's unkonventioneller, deshalb kongenialer Art des Songwritings. Diese Expedition "Arktis" vollends zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen, aber an den vier Monsterhighlights kommt man nicht vorbei. Gleich das Eröffnungsdoppel doktert alle "Das Seelenbrechen"-Nachwehen hinfort. Der fast typische Midtempo-Groover "Disassembled" liefert gleich zu Beginn einen Refrain der Extraklasse und lässt mich baff zurück, sein ruhiger Mittelpart mit der Samtstimme von Einar Solberg (Leprous) schmeichelt trotzdem sehr. Ihsahn hat offensichtlich gute Laune, die er mit "Nothing In My Hands" weiter entlädt. Eine NWOAHM-artige Melodie, metertiefe Strophen mit Spannungsfaktor Neun und auf einmal explodiert der Song hin zum Niederknie-Refrain. Irre - der Typ bleibt hochanspruchsvoll und schreibt neue Hits! Zur totalen Euphorie über dieses Doppel gesellen sich noch "In The Vaults" mit fast schon Ayreon-mäßigen Elementen und das endgeile "Until I Too Dissolve", bei dem mir bitte jemand bestätigen muss, dass ich mit meinen Quergedanken an Enchant (! - jeder, der "Oasis" im Kopf hat, wird das hoffentlich verstehen) nicht allein bin. Mit diesem Quartett rangiert Ihsahn knapp an neuer Perfektion, das restliche Material künstlerisch dicht dahinter. Gegen eine dicke Neun unter diesem Review ist also nichts einzuwenden, hätte man doch bloß auf die neunminütige Soundcollage "Til Tor Ulven (Søppelsolen)" am Schluss verzichtet. Ob der norwegische Autor Hans Herbjørnsrud bei denen nun bekannt ist oder nicht, aber mit einer zusätzlichen Kinderstimme hätte es fast das norwegische "Warrior's Prayer" werden können … bäh! Gott sei Dank ist es der letzte Track, man kann die CD also vorher ausmachen (deswegen auch nur einen halben Zähler weniger), sprich nach dem letzten richtigen Song "Celestial Violence". Auch, aber nicht nur durch den nochmaligen Einsatz von Goldkehlchen Einar Solberg, ein echtes emotionales und dramaturgisch wertiges Finale.
Fazit: Zehn brillante Songs und eine mehr als verzichtbare "Kurzgeschichte" - also ich bin hochzufrieden mit "Arktis" und würde mir jetzt endlich mal eine vernünftige Tour wünschen, auf der man Ihsahn's gesamtes Solo-Schaffen in angenehmer Clubatmosphäre geniessen kann. (sw)

8,5/10