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VENOM INC. - Avé

VÖ: 11. August 2017
Nuclear Blast

Wer den Namen Venom aufgreift, trägt bewusst ein schweres Kreuz. Zu bedeutend, zu wichtig, zu legendär ist der Namenspate. Und doch: Während Cronos mit einer neuen Truppe den Namen weiterführt, sind Venom Inc. mit Abbadon, Dolan und Demolition Man nun nicht gerade ein Gurkentrupp, der ein wenig Tribut zollen will, sondern ebenfalls Ikonen der Metalgeschichte. Trotz der Tatsache, dass alle drei Musiker ehemalige Venom-Bandmember sind, soll Venom Inc. kein zweites Venom werden, sondern eine Weiterentwicklung. "Avé" ist nun, zusammen mit der ausgekoppelten Single "Mein Fleisch", das erste offizielle Release. Und prompt beginnt die Platte mit ... einem Sample von "Ave Maria"? Christlich-religösen Gesang in einen Metal-Kontext stellen - das ist nun doch ein wenig plattgetreten, oder? Als dann noch eine böse, böse Stimme, wohl "Satan", einsetzt, kommt ein wenig Angst auf, hier enttäuscht zu werden. Doch wenn Mantas mit dem schweren, stampfenden Riff des Openers einsetzt, kann aufgeatmet werden. Sollte hier wirklich ein kleines Stück Venom-Atmosphäre aufkommen? Wollen wir das überhaupt? Der Opener "Ave Satanas" ist jedenfalls, abseits vom Klischee-Intro, eine grundsolide Riffschleuder, die Demolition Man mit seinen Death Metal Vocals bereichert.
Und dann geht es los, "Forged In Hell" ist eine ganz andere Nummer. Verwirrt mag der eine oder andere Hörer in der Wiedergabe untersuchen, ob noch der gleiche Tonträger zu hören ist. Das Riff am Anfang hat starke Priest-Einflüsse (Mantas und Abbadon haben sich bei einem Judas Priest Konzert kennengelernt) und auch der Gesang ist plötzlich räudiger und windiger, gutturale Töne sind kaum zu hören. Stattdessen dominiert nun eine thrashige, fast punkige Attitüde, die ein wenig an "Metal Punk" (1987) mit weniger schwarzer Färbung erinnert. Die Richtung wird mit dem noch räudigeren "Metal We Bleed" fortgeführt, intensiviert sich sogar. Inzwischen befinden wir uns in der Tat irgendwo zwischen älteren Venom, Death Metal-Einflüssen und Motörhead. Wie überraschend energisch Abbadon die Drums vermöbelt und wie wenig angestaubt Mantas hier rifft, ist faszinierend. Die folgende ausgekoppelte Single schlägt in die gleiche Rocker-Kerbe, lediglich das viel zu lange Intro (55 Sekunden) ist ein wenig ... überflüssig? Naja, das ist, wie immer, Geschmacksache, aber von ehemaligen-Venomjungs (die auch den Namen weitertragen) erwarte ich Sperrfeuer, kein atmosphärisches Gehampel. "Blood Stain" ist eine willkommene Abwechslung, denn der Song klingt wieder ein wenig nach dem Opener "Ave Satanas", ein Midtempo-Feuerwerk mit ordentlichem Klischee-Text.
Spätestens jetzt merkt der aufmerksame Hörer mit Blick auf die Tracklist: Woah, das Teil ist über eine Stunde lang? Elf Songs? Und das ohne einen kompletten Intro/Ambient/Sample-Dödel-Track, wie das in vielen Spielarten viel zu häufig geworden ist. Respekt. Auf dem Gipfel der Platte, den Positionen sechs und sieben, wartet mit "Time To Die" und "The Evil Dead" klassischer Thrash Metal. Das gleiche gilt für "War". Hier gibt es einfach wenig zu schreiben, es sind Gründungsmitglieder von Venom, die hier astreinen, relativ klassischen Thrash Metal in der Kerbe der mittleren Schaffensphase von Destruction liefern. "I Kneel To No God" kommt mit einer typischen Metal-Message daher und ist eher ein wenig durchschnittlich, wäre da nicht ein exzellentes Solo. "Preacher Man" habe ich bewusst übersprungen, hier soll sich jeder Hörer selbst ein Bild machen. Lyrisch geht es um den freien Willen in Gestalt von Satan bzw. Luzifer, instrumental fällt der Song ein wenig heraus. Aber dann der Rausschmeißer "Black N Roll". Ein Diamant. Eine Hymne. Wie unglaublich vielseitig diese Scheibe ist. Erst lässt sie mit dem Opener "Ave Satans" den Langweiler raushängen und dann knallen die Jungs am Ende so einen Song raus. Lemmy und Cronos können hier nichts anderes tun, als anerkennend mit dem Kopf nicken. Jede skandinavische Metalpunk-Kapelle kann hier lernen, dass die Aufnahmequalität nicht nach Dixiklo klingen muss, um authentischen, dunklen, schnellen Metalpunk zu veranstalten. Scheiße, was für ein Ritt! (jh)

9,5/10