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WATCH OUT STAMPEDE! - Reacher

VÖ: 13. Juni 2014
Noizgate Records

Ich "hasse" es, ein Review zu einer Scheibe schreiben zu müssen, wenn man die Band - oder zumindest Teile davon - persönlich kennt. Da möchte man am liebsten "freundschaftliche 10 Punkte" vergeben und alle sind zufrieden.
Doch damit ist bekanntlich erstens niemandem geholfen und zweitens ist die Höchstpunktzahl gleichbedeutend mit "es geht nicht besser" - doch seien wir mal ehrlich: besser geht's immer.
Watch Out Stampede! aus Bremen gelten schon seit einer Weile als "der nächste heiße Scheiß" im Bereich Post-Hardcore - spätestens seit man im letzten Jahr die Disco-Nudel "Die Young" von Kesha gecovert hat und plötzlich bundesweit in (fast) aller Munde war. Ich persönlich finde es dabei gar nicht mal so schlimm, dass uns dieser Titel auf dem Debütalbum "Reacher" nun erspart bleibt (Eskimo Callboy's "California Gurls" war schon schlimm genug und schlägt genau in die gleiche Kerbe). Und obwohl der Fünfer erst eine EP (2011) veröffentlicht hat, darf man bereits zwei Hits sein Eigen nennen ("Allspark" und "Emily"), die sich auf dem Album beide ganz brav hinten anstellen und den acht neuen Titeln den Vorrang lassen.
Musikalisch muss man sicherlich zugeben, dass sich das Überraschungsmoment auf diesem Album in Grenzen hält. Es dürfte gerade in diesem Genre schon so ziemlich alles gesagt worden sein, von daher stellt sich halt nur noch die Frage, wie das Ganze umgesetzt wird. Und da muss man Watch Out Stampede! klar zugestehen, dass "Reacher" von vorne bis hinten nahezu perfekt durchgestylt ist. Natürlich ist so manches vorhersehbar und natürlich hat man die eine oder andere Passage sicherlich auch schon mal an anderer Stelle gehört, aber ich glaube ohnehin nicht, dass die fünf Bremer angetreten sind, um den nächsten Innovationspreis zu gewinnen. Hier geht es mehr um einen amtlichen Abriss, der gerade live mit einem Ausrufezeichen zu versehen ist. Und auch auf CD macht die Angelegenheit eine richtig gute Figur, ballert einem massive Breakdowns um die Ohren und spielt stets mit dem bewährten Wechsel aus bösen Strophen (Shouts) und poppig-cleanen Refrains.
Was ich mir für das nächste Album wünschen würde, wären ein paar mehr Experimente - einfach mal etwas Verrücktes oder Ungewöhnliches einbauen oder ausprobieren (die längeren Gitarrenparts in "Noble Arch In Proud Decay" finde ich z.B. klasse). Für den flüchtigen Hörer könnte "Reacher" auf Dauer nämlich etwas monoton wirken, da halt alles irgendwie auf einer ähnlichen Schiene fährt.
Doch ich will auch gar nicht weiter nörgeln. "Reacher" ist in Sachen Sound und Handwerk ein annähernd perfektes Post-Hardcore-Album, bei dem die Kids erstens blind zugreifen können (und sollten), um dann beim nächsten Live-Gig im Pit lauthals mitschreien zu können. (maz)

7,5/10