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WINTERSUN - The Forest Seasons

VÖ: 21. Juli 2017
Nuclear Blast

Aus Ermangelung an Klassik-Kenntnissen, lasse ich mal Spekulationen bezüglich eines Vergleiches von "The Forest Seasons" zu den Vier Jahreszeiten von Vivaldi. Ich kann und will mir auch nicht vorstellen, dass Jari Mäenpää sich mit diesem Großmeister der Musik messen möchte, wenngleich die Entstehungszeit, bedeutungsschwangere "bald passiert was"-Postings und eine mir ominös erscheinende Crowdfunding-Kampagne ("…mit dem die Band ihr geplantes Wintersun-Hauptquartier bauen möchte." O-Ton: Presse-Info) schon etwas am Größenwahn kratzen. Schwer, sich dann objektiv auf neues Material zu konzentrieren, aber mir ist es irgendwie gelungen. Und rein objektiv ist es auch quasi unmöglich, "The Forest Seasons" weniger als acht Punkte zu geben. In vier Longtracks (je zwei Mal über zwölf bzw. vierzehn Minuten!) reist Jari mit uns durch einen mysteriösen Wald und den Jahreszeiten entsprechend, also ein ganzes Jahr lang. Ehrlich - das ist mir zu lang. Die Unmengen an Ideen, die Jari in den vier Tracks verarbeitet, hätten es in gekürzter Form bestimmt auch getan. J.R.R. Tolkien konnte auch vier Seiten lang einen Wald beschreiben und irgendwann fragst du dich als Leser, wann es denn mal weitergeht. Thematisch jedoch, hat er die vier Songs auf jeden Fall gut angepasst. Der einleitende, aufkeimende Frühling, in dem die ersten Chöre nebst Melodie im Verhältnis zum Ganzen noch etwas beliebiger wirken ("Awaken From The Dark Slumber (Spring)"). Dann der schöne, aber irgendwie auch tragisch wirkende Sommer, wo genannte Chöre und Melodien jetzt aber richtig groß, ausdruckstark und fast monumental daher kommen ("The Forest That Weeps (Summer)"). Danach natürlich der harsche Herbst, der die schwarze Seite der Band zeigt, kräftig aufs Gas drückt und atmosphärisch schon etwas Vernichtendes andeutet ("Eternal Darkness (Autumn)") und am Schluss der einsame Winter ("Loneliness (Winter)"), in dem sich Jari sogar in Dimensionen vorwagt, die sonst nur einem Devin Townsend vorbehalten sind. Ebenbürtig ist er diesem leider trotzdem nicht. Dennoch muss man dem blonden Finnen zugestehen, dass er hart und merklich an sich gearbeitet hat, gesanglich ist gerade der Winter seine neue Visitenkarte. Nichtsdestotrotz läuft bei mir immer noch das Ding mit den Längen mit. Sind diese Songs noch Musik für die Bühne oder setzt man sich mit "The Forest Seasons" besser mit einem guten Buch hin und lässt die Bilder in seinem Kopf entstehen?! Für Rollenspielfanatiker, bei denen mittelalterliche Stilelemente im Metal trotzdem untergeordnet sein müssen, dürfte dieses Album verdammt interessant als Hintergrundmusik sein.
Oder wie vielleicht Guido Maria Kretschmer in "Shopping Queen" wahrscheinlich sagen würde: "Ja, ist 'n cooler Look und das Motto ist toll umgesetzt, aber es ist jetzt nicht so meins.". (sw)

8/10