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STURM UND DRANG: Bandvorstellung

Die neue Metal-Sensation aus Finnland?

Zugegeben - der Bandname klingt nicht unbedingt typisch finnisch. Und um eventuelle Missverständnisse gleich von Beginn an im Keim zu ersticken - zu dem eher ungewöhnlichen Namen kam es so:

"Sturm und Drang" bezieht sich auf eine bestimmte Epoche der deutschen Literatur gegen Ende des 18. Jahrhunderts, in der unter anderem Dichter und Denker wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller oder Gottfried Herder den philosophischen Grundstein für eine neue philosophisch-dichterische Grundhaltung im deutschen Sprachraum legten.
Und so kam es dann, dass der Vater von Bassist Henkka Kurkiala der Meinung war, dass diese als "zeitgenössische Genieperiode" gennante Ära perfekt zur Band passen würde.
Vielleicht mag dies alles auf den ersten Blick ein wenig überheblich oder gar arrogant wirken, wenn man sich aber mal vor Augen führt, dass jene Strömung die erste freidenkerische Jugendbewegung Deutschlands gewesen ist, das Durchschnittsalter der Band bei unter 16 Jahren liegt (!), und mit dem Debutalbum "Learning To Rock" nun tatsächlich so etwas wie ein wahrer Geniestreich abgeliefert wurde, dann erweisen sich alle Vorurteile als völlig unbegründet.

Als ich irgendwann Anfang Juni 2007 im Rahmen meiner DJ-Tätigkeit die Single "Rising Son" bekam, war ich gleich überwältigt von der Frische und Unbekümmertheit, mit der diese Band daherkommt. Eine amtliche 80er Jahre-Rocknummer von einer so jungen Band? Das bedurfte dringend weiterer Informationen.
Nach diversen Recherchen und weiterer Hörproben im Internet und der Feststellung, dass das eben erwähnte Debütalbum in Finnland bereits am 30. Mai 2007 erschienen ist (und es bis auf Platz 3 in den offiziellen Charts geschafft hat), war mir gleich klar: Diese CD muss ich umgehend in Finnland bestellen!

Nachdem es bereits einen (nicht öffentlichen) Akustikauftritt als Trio gab, stand nun am vergangenen Wochenende das erste richtige Konzert der Band auf deutschem Boden auf dem Programm und zwar auf dem 18. Wacken Open Air - allerdings auch diesmal nicht für die Allgemeinheit, sondern nur für Pressevertreter. Klar, dass ich mir dieses Ereignis nicht entgehen lassen würde.

Die Band

André Linman (Jahrgang 1992) - Gesang, Gitarre

Alexander Ivars (Jahrgang 1991) - Gitarre

Calle Fahllund (Jahrgang 1992) - Schlagzeug

Henkka Kurkiala (Jahrgang 1991) - Bass

Jeppe Welroos (Jahrgang 1992) - Keyboards

Kurz vor 18 Uhr - Tatort: Pressezelt auf Wacken Open Air.

In vielen Gesichtern der Pressekollegen sehe ich Skepsis. Noch scheint niemand zu ahnen, dass gleich ein mittelschwerer Sturm durch das kleine aber gemütliche Pressezelt wirbeln wird. Da ich das Album der Band bereits in- und auswendig kenne, freue ich mich erstens über die Live-Umsetzung des Materials und zweitens auf die "dummen" Gesichter so einiger Leute, die im Vorfeld vermutlich befürchtet haben, bei Sturm und Drang handelt es sich um die "finnische Metal-Ausgabe von Tokio Hotel". Weit gefehlt.

Mit ein paar Minuten Verzögerung legen die Jungs gleich mit dem Album-Opener "Broken" los und da ich als Teil der männlichen Bevölkerung kaum multi-taskingfähig bin, habe ich ein wenig Mühe, erstens Fotos zu machen, zweitens voller Genugtuung die erstaunten Blicke der Kollegen zu beobachten und mich drittens auch noch auf die Musik zu konzentrieren. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass das enorm hohe Niveau der CD live keinen Deut schlechter ist. Und ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass die begnadete Stimme von Sänger André Linman live scheinbar noch besser rüberkommt, als auf CD.
Man merkt keinerlei Nervosität, alles scheint perfekt abgestimmt und aufeinander eingespielt zu sein, auch wenn André Linman zwischenzeitlich noch ein wenig schüchtern auf den Boden blickt - hier schlummert definitv ein enormes Potential.
Musikalisch bewegt sich das Material irgendwo zwischen aktuellem (Power-)Metal der Sorte Sonata Arctica, Stratovarius, Hammerfall, Edguy & Co., gemischt mit dem 80er Jahre-Flair von Iron Maiden, Judas Priest, AC/DC oder den Pretty Maids.

Leider besteht der rund 35-minütige Auftritt nur aus sieben Songs, unter denen sich sogar noch zwei Cover-Versionen befinden: Zum einem Judas Priest's "Breaking The Law" und zum anderen "Fear Of The Dark" von Iron Maiden, das ich - ausser von Maiden selbst - noch nie so brilliant gehört habe! Und dass ich mit dieser Meinung nicht der einzige zu sein scheine, zeigen die Reaktionen im Zelt, denn die Presse steht nahezu Kopf!

SETLIST

Broken
Learning To Rock
Breaking The Law (Judas Priest)
Rising Son
Indian
Fear Of The Dark (Iron Maiden)
Forever

Wann hat es zuletzt so etwas gegeben?
Wer Vergleiche sucht, wird nach reiflicher Überlegung auch fündig: Die Gründungsmitglieder von Hammerfall waren damals auch erst 21 Jahre alt und haben mit ihrer Musik dem bereits totgesagten traditionellen Heavy Metal eine beachtliche Renaissance beschert. Oder nehmen wir mal Edguy - eine der deutschen Metal-Institutionen schlechthin. Frontmann Tobias Sammet war zu Beginn seiner Karriere sogar erst 14 Jahre alt.

Es wären jetzt nichts weiter als Spekulationen, was die Zukunft für diese junge und talentierte Band bringen wird. Ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn das in spätestens ein paar Jahren nicht das nächste "grosse Ding" wird.

Das RockHard beurteilte die Leistung der Band bereits als "technisch astrein" und schlussfolgerte: "Die können was!". Der Metal Hammer spricht schon von "der wohl hoffnungsvollsten Metalband Europas".

Prominente Unterstüzung erhalten die Jungs u.a. von Udo Dirkschneider (Accept), Alexi Laiho (Children Of Bodom) oder auch Timo Kotipelto (Stratovarius).

Ich bin jedenfalls mächtig gespannt, wie diese Geschichte weitergehen wird. Vielleicht wird der Wunsch von Sänger André Linman Wirklichkeit, der durchblicken liess, dass er und seine Bandkollegen bei der 2008er Auflage des Wacken Open Airs zu gerne auf der gleichen Bühne wie Iron Maiden stehen würden.


Text & Fotos: Marco Zimmer