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TITAN FORCE: Story

THE STORY

Es geschah am 20. April 1993, als ein damals 15-jähriger Sigi nach der Schule zu seinem derzeitigen Plattenhändler des Vertrauens ging, um sich im Heavy Metal-Universum weiterzubilden. Beim Verlassen des Ladens pfiff mich der Chef des Hauses zurück, um mich darauf hinzuweisen, dass gleich Anvil und TITAN FORCE zu einer Autogrammstunde hier aufschlagen würden. Beide Bands sollten im Rahmen der "Power Metal Gods"-Tour am gleichen Abend in einem Club im Stadtsüden auftreten (heutzutage wird da nur noch nacktes Fleisch gezeigt). Hmm, den Namen Anvil habe ich schon mal gehört und Titan Force, keine Ahnung. Aber egal. Is' schließlich Heavy Metal. Zwei Stunden später standen acht extremst langhaarige Musiker bei bestem Sonnenschein mitten in der Oldenburger City und gaben Autogramme an die paar Fans, die gekommen waren. Anvil waren nur zu dritt - Band-Chef Lips fehlte - aber Titan Force waren komplett anwesend. Doch die hatten im Gegensatz zu Anvil nicht mal Autogrammkarten dabei. So entschied ich mich kurzerhand, die Rückseite meiner Jeansjacke von den Herren signieren zu lassen. Und so unterschrieben auf meiner Jacke fünf - ob dieser Aktion verdutzte - Amis einer Band, von der ich nicht mal einen einzigen Ton Musik kannte. Sie waren jedenfalls vollzählig und Vollständigkeit ist in solchen Fällen Pflicht! Pflicht wäre auch das Konzert gewesen, aber Mama und Papa waren - auch aufgrund des nicht so guten Rufes des Clubs - leider dagegen. Naja, jedenfalls habe ich die Jacke.

In den Jahren danach bekam ich dann mit, dass Titan Force als eine Kultband gehandelt werden, die Band völlig genialen und zeitlosen US-Metal mit progressiven und epischen Anleihen spielt, der Sänger von Jag Panzer die beiden einzigen Scheiben der Band veredelt hat, Sänger Harry "The Tyrant" Conklin ein absoluter Meister seines Fachs ist und dass die beiden CDs so gut wie nirgends mehr zu finden sind, weil jeder Fan sie wie seine Augäpfel hütet. Verdammt noch eins, ich will endlich diese CDs haben!

THE MUSIC

Und jetzt - 13 Jahre nach diesem denkwürdigen Augenblick - ist der Moment gekommen, in dem die Musik von Titan Force endlich den Weg in meine Ohren und in mein Herz findet. Das kleine griechische Label namens Cult Metal Clasics veröffentlichte am 04. August 2006 die einzigen Alben "Titan Force" (1989) und "Winner/Loser" (1991) neu. Und hier wird value for money geboten. Zum einen sind die Texte abgedruckt - das ist wichtig.
Auf beiden CDs sind je vier Demos der dazu gehörigen Scheibe und je zwei Demos aus dem Jahr 1994 enthalten. Also auch noch "neues" Material. Und das hängt keineswegs hinter dem Material der Longplayer hinterher.
Na, und die Musik!? Einzigartig! Intelligenter, sorgsam ausgefeilter, aber nie überladen wirkender US-Metal der Sonderklasse. Melodien für die Ewigkeit kommen hier am laufenden Band und das Wort Klischee wurde komplett aus dem Wortschatz gestrichen. Die Produktion ist für damalige Verhältnisse verdammt gut und klingt schön transparent, so dass sich alle Instrumente (ja, auch der Bass) gut heraushören lassen. Und über allem thront die unvergleichliche Stimme von Harry "The Tyrant" Conklin. Es ist immer wieder faszinierend, dem Tyrant dabei zu lauschen, wie er sich fast spielerisch durch die schwierigsten Passagen manövriert. Klar, das kennen wir von Jag Panzer ja auch, aber das Material von Titan Force ist stimmlich anspruchsvoller. Zum Niederknien.
Über Anspieltipps zu reden, wäre völliger Blödsinn. Beide Alben sind in ihrer Gesamtheit Meisterwerke und werden seit Erscheinen von Fans aus aller Welt auch als Solche verehrt.

Nachtrag #1

Ich warne übrigens davor, die 2001 erschienene CD "All What It Is" zu kaufen. Diese CD beinhaltet zwar das gesamte erste Album, aber vom Zweiten fehlen drei Songs. Wer das verbrochen hat, gehört an den Pranger!

Nachtrag #2

Für mich selbst hätte ich mir ein wenig mehr Mut zum Risiko gewünscht. Dann wäre ich nämlich 2002 nach Balingen zum BYH-Festival gefahren und hätte dort die einzige Deutschland-Show seit eben 1993 erlebt.

Nachtrag #3

Eher als Randnotiz für die Oldenburger mega-metal.de-Gäste, aber trotzdem nicht uninteressant ist, dass sich im Rock Hard Magazin Nr. 74 vom Juli 1993 ein recht amüsanter Bericht zu besagter Tour befindet, in dem der Oldenburger Gig auch erwähnt wird.

Der Kreis schließt sich

04. April 2008, 20 Uhr: Ich befinde mich auf dem Keep It True X-Festival im oberen Rang-Bereich der Halle. Hier sollen gleich Titan Force ihre Autogrammstunde geben. Während Attacker gerade mit ihren "Battle At Helm's Deep"-Songs die Meute unten aufmischen, mischt jede weitere Minute meinen Kreislauf auf, denn Titan Force verspäten sich und keiner weiß was. Attacker sind fertig und ich langsam auch, doch als hätten sie es gehört, kommen die Titanen endlich um die Ecke. Gott sei Dank! Harry "The Tyrant" Conklin muss als Erster dran glauben und ich erkläre ihm in Kurzform meine Geschichte. Sein Erstaunen ist umso größer, als ich ihm meine Jacke zur nochmaligen Unterschrift vorlege. Und so nimmt ein Traum seinen Lauf: Genau 15 Jahre minus 16 Tage nach meinem ersten Zusammentreffen mit der Band in Oldenburg bekommt meine Jeansjacke das 2008er Update der Titan Force-Besetzung, die später am Abend in Lauda-Königshofen einen unvergesslichen Gig spielen wird.
Unvergesslich, wie diese Erinnerung, die mir nach meiner Rückkehr zu Hause wieder schlagartig in den Kopf schießt und mich zu Tränen rührt als ich meine Titan Force-Jacke wieder auspacke.

Text & Fotos: Siegfried Wehkamp